Milliarden-Übernahme: Warum sich Skype für Microsoft rechnen kann

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Ist Skype wirklich 8,5 Milliarden Dollar wert? Für diese Summe übernimmt Microsoft den Online-Telefondienst. Von dessen Nutzern zahlen nur sechs Prozent für den Service. Der Deal rechnet sich nur, wenn Microsoft diesen Anteil erheblich steigert - die Chancen stehen nicht schlecht.

Skype: Telefon trifft Internet Fotos

Hamburg - Für Microsoft ist es der teuerste Zukauf in der Unternehmensgeschichte: Der Softwareriese übernimmt den Internettelefonie-Anbieter Skype für 8,5 Milliarden Dollar - das teilte Microsoft am Dienstagnachmittag mit.

Der Konzern aus Redmond erhält ein Unternehmen, das den Nutzern im Grunde immer noch dasselbe bietet wie im Jahr 2003. Damals versprach Skype Internettelefonie, "die einfach funktioniert". Skype-Nutzer konnten kostenlos miteinander chatten und sprechen, es mussten nur beide Gesprächspartner die Skype-Software auf ihren Rechnern haben. Mitgründer Janus Friis lästerte über die Telekom-Firmen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand etwas dagegen hat, zeitlich unbegrenzt kostenlose Gespräche zu führen. Außer den Telcos." Gemeint sind die herkömmlichen Telekommunikationsfirmen mit ihren Minutenpreisen.

Seither hat Skype zweimal den Besitzer gewechselt: 2005 bezahlte Ebay den Gründern 2,6 Milliarden Dollar, 2009 erwarb eine Investorengruppe für 1,9 Milliarden Dollar 65 Prozent der Skype-Anteile. Die Frage ist: Warum ist Skype den Käufern heute so viel mehr wert als im Jahr 2009?

Technisch hat sich das Skype-Angebot ein wenig weiterentwickelt: Inzwischen kann man seine Gesprächspartner nicht nur lesen oder hören, sondern auch sehen. Die wichtigsten kostenlosen und kostenpflichtigen Angebote:

  • Videotelefonie zwischen zwei Skype-Nutzern ist kostenlos, Chats und Sprachverbindungen auch - im Gruppenchat kann man mit bis zu 100 Mitgliedern per Text kommunizieren.
  • Es lassen sich auch mit bis zu neun Skype-Mitgliedern Videokonferenzen führen, dann muss aber mindestens einer der Teilnehmer ein kostenpflichtiges Premium-Konto nutzen. Ein Monatsabo kostet 5,99 Euro.
  • Mit einem Skype-Konto kann man auch Festnetz-Anschlüsse und Mobilnummern anrufen oder von dort aus angerufen werden. Die eigene Skype-Telefonnummer kostet extra, ebenso Anrufe ins Fest- und Mobilnetz. Skype rechnet nach Minuten ab, man kann aber auch Flatrate-Tarife dazubuchen - unbegrenzte Anrufe zu europäischen Festnetznummern kosten zum Beispiel 8,99 Euro im Monat.

Telekom-Firmen blockieren Skypes Universalangebot

All diese Angebote entsprechen immer noch der Ausrichtung, die Skype-Mitgründer Niklas Zennström schon 2005 in einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE vorgab: "Der gesamte Telefonverkehr wandert nach und nach ins Internet", prophezeite er. Diese Entwicklung wollte Zennström so ausnutzen: "Unsere Vision ist es, Skype allgegenwärtig zu machen. Die Menschen sollen es nutzen können, unabhängig davon, wo sie sind, unabhängig davon, ob sie vor einem Computer sitzen."

Da ist Skype heute schon ziemlich weit: Es gibt Skype-Software für Windows-, Mac- und Linux-Rechner, für iPhones, Android-Telefone, Blackberrys und sogar für einige Fernseher von Panasonic und Samsung. Allerdings ist Skype heute noch immer weit entfernt davon, ein universeller Ersatz für herkömmliche Telekom-Dienstleister zu sein.

Das verhindern die Telekommunikationskonzerne, viele Mobilfunkanbieter sperren zum Beispiel die Übertragung von Internettelefonie im Rahmen ihrer Datenflatrates für Smartphones. Will man etwa im Netz von T-Mobile über Skype telefonieren, muss man das bei T-Mobile dazubuchen. Für 9,95 Euro im Monat schaltet der Anbieter bei bestimmten Tarifen die Skype-Datenübertragung frei.

97 Dollar Jahresumsatz je Premium-Kunde

Angesichts dieser Probleme dürfte die Universal-Telefonietechnik von Skype allein nicht acht Milliarden Euro wert sein. Diese Widerstände könnten auch erklären, warum Skype mit seinem Bezahlangebot noch nicht so recht erfolgreich ist. Unterlagen, die Skype für einen möglichen Börsengang im März bei der US-Wertpapieraufsicht SEC einreichte, geben einen Einblick in die Nutzungszahlen:

  • Ende 2010 hatte Skype weltweit 663 Millionen registrierte Nutzer.
  • 145 Millionen dieser Nutzer verwendeten Ende 2010 mindestens einmal im Monat das Angebot.
  • 8,8 Millionen Nutzer zahlten Ende 2010 für kostenpflichtige Skype-Angebote. Der durchschnittliche Jahresumsatz für jeden dieser zahlenden Kunden lag 2010 bei 97 Dollar.

Die Zahlen zeigen: Die Internettelefonie-Revolution kommt nicht ganz so schnell voran, wie die Skype-Gründer sich das einst erhofften. Gerade einmal sechs Prozent der Skype-Kunden zahlen für die Universal-Angebote. Der Durchschnittsumsatz je zahlender Nutzer ist, verglichen mit dem von Mobilfunkanbietern, allerdings erstaunlich hoch. Zum Vergleich: Vodafone Deutschland nahm im Geschäftsjahr 2010 im Durchschnitt 16,10 Euro je Nutzer ein, O2 14,80 Euro - monatlich. Umgerechnet auf Jahr und Dollar verdient Skype 67 Euro je Nutzer, O2 in Deutschland hingegen 177,60 Euro - das ist nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass Skype noch immer ein Zusatzangebot ist, bei dem man noch die Internetanbindung daheim und unterwegs zusätzlich bezahlen muss.

Zudem sind die zahlenden Skype-Kunden dem Dienst sehr treu. In den bei der SEC eingereichten Unterlagen findet sich auch eine Grafik, die zeigt wie sich die monatlichen Ausgaben von Skype-Bezahlkunden über die Jahre hinweg entwickeln. Wer 2006 schon für Skype bezahlt hat, gab im Dezember 2010 demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit fast ebensoviel für Skype-Dienste aus wie im Dezember 2006.

Skype braucht Firmenkunden

Skypes Problem ist eher der geringe Anteil zahlender Nutzer überhaupt. Hier könnte Microsoft Skype weiterentwickeln. Ein Ansatzpunkt sind Geschäftskunden. Skype ist zwar bei vielen Systemadministratoren verpönt, weil die Software wenig transparent mit der Nutzung von Netzwerkverbindungen umgeht. Allerdings arbeitet Skype seit 2010 daran, sein Image hier zu verbessern. Skype bietet eine Unternehmensversion seiner Software an, kooperiert mit IT-Dienstleistern wie Avaya bei der Integration der Software in Firmennetzwerke. Mit der Software Skype Connect lässt sich das Angebot in bestehende Telefonanlagen integrieren.

Diese Bemühungen, zahlende Unternehmenskunden zu gewinnen, könnten von Microsofts Vertriebsmacht in dem Sektor und der Integration in andere Microsoft-Angebote für Firmen profitieren. Hier könnte Skype auch den Apple-Effekt nutzen: Wenn Menschen im privaten Umfeld eine Technik gerne einsetzen, hilft das oft bei der Durchsetzung des Angebots in Unternehmen. So war das zum Beispiel auch beim iPhone, das zunächst als reines Consumer-Produkt galt, sich seither aber mehr und mehr auch in Unternehmen durchsetzt.

Aber auch im Privatkundengeschäft könnte Microsoft die Verbreitung von Skype vorantreiben. Microsofts Konsole Xbox 360 mit der Erweiterung Kinect ist ein Verkaufsschlager. Zu der Erweiterung Kinect gehört auch eine Kamera und ein 3-D-Mikrofon. Mit anderen Worten: Wer eine Xbox mit Kinect-Steuerung an seinen Fernseher angeschlossen hat, besitzt bereits die nötige Hardware für Skype-Anrufe. Und viele Xbox-Kunden sind bereits ans Bezahlen für Xbox-Zusatzangebote gewöhnt.

Der Skype-Kauf passt gut zu Microsofts bisherigem Gebaren im Netz: Für jede erdenkliche Anwendung gibt es gefühlt mindestens zwei Microsoft-Dienste mit unterschiedlichen Namen. Einen davon namens Windows Live Call hat Microsoft im Juni 2010 eingestellt - mit dem Service konnten Messenger-Nutzer gegen Gebühr ins herkömmliche Telefonnetz telefonieren, sogar spezielle Telefone wurden dafür verkauft. Eine Minute von Deutschland in die USA kostete beispielsweise 2,2 Cent. Dann wechselte Microsoft die Technik, neue Messenger-Versionen verstehen das VoIP-Protokoll nicht mehr.

Das 2006 gestartete Angebot glich in vielen Details Skype - nun kauft Microsoft das Vorbild.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Skype in Firmen...
distributer 10.05.2011
hier bei uns nutzen so ziemlich alle User Skype, um mit Kollegen in ganz Europa zu kommunizieren. Wer davon das kostenpflichtige Angebot nutzt, muss aus eigener Tasche zahlen. Unsere IT Manager wollen von Skype nichts wissen, dafuer haben wir fuer Europa: 1xnutzloser Apertum Server (der nicht genutzt wird aber es wird service bezahlt, ich hatte schon vorgeschlagen einen Fileserver daraus zu machen) ~10xAdobe Connect Licences, die brach liegen ~2-3xTeamviewer Licences, die keiner benutzt (oder sich einen abbricht eine Verbindung herzustellen) +Blackberrys, Mobile Phones... Ich denke, es ist ein Kommunikationsproblem oder mangelnde Ausbildung des Managements.
2. Sip!
stupp 10.05.2011
Skype hat ein proprietäres Format. Insofern passt das gut zu Microsoft. Dennoch glaube ich, dass die Zukunft offenen Standards gehört; beim Telefonieren also ganz klar SIP. Die Konfiguration eines SIP-Clients ist vielleicht bisweilen noch etwas holprig. An für sich ist Skype aber ziemlich überflüssig.
3. Zahlenspiele
AllesGrau, 10.05.2011
Wäre Skype eine Immobilie, dann wären 8 Mrd. nicht teuer, sondern der Multiplikator für die 850 Mio. "Mieteinnahmen" pro Jahr wäre sogar recht niedrig! Skype war früher Windows-Software und M$ wird da alte Tugenden pflegen und bald läuft Skype nur noch auf Windows 7 oder neuer. Ob Firmenkunden interessiert sind ist fraglich, da die Telefonfunktion in professioneller Netzwerktechnik schon eingebaut ist. Für reine PC-Telefonate ist Skype eigentlich überflüssig, und Kontaktlisten und ähnliches hat man auch über Dienste wie Facebook - die können Videotelefonie quasi als Abfallprodukt in ein paar Tagen in ihr System integrieren. Wirklich interessant bleibt die Frage, wie lange Netzanbieter sich gegen kostenlose Videotelefonate sperren können, Stichwort Netzneutralität. Schon heute laufen viele Telefonate versteckt über das Internet (VoIP), warum also noch bezahlen? Bleiben da am Ende etwa Videokonferenzen als einzige Einnahmequelle?
4. Firmennutzung
bolonch 10.05.2011
In meiner Firma (Finanzbranche) sind wir gehalten Telefonanrufe ueber Skype zu machen. Dafuer koennen wir auch privat telefonieren (fair, d.h. wenn man viel privat telefoniert, laedt man auch mal privat sein Guthaben nach). Was mir den Spass an Skype versaut hat, ist dass Videochat auf Symbian und Android nicht moeglich ist - nicht einmal fuer "Premium Kunden".
5. x
Snoozel 10.05.2011
Ist hier auch so, Skype wird verteufelt im Konzern von der IT Leitung. Wenn man es aber mal realistisch betrachtet ist Skype ein enormer Helfer für die Mitarbeiter - funktioniert egal wo man ist, erreicht immer seine Leute, und es kostet nichts. Videochat ist auch noch mit drin, Desktopsharing, Filesharing etc., und alles funktioniert auch zwischen Windows, Linux, Mac, Android und so weiter. Aber so langsam gibt es ein umdenken, Skype ist nun erlaubt im Konzern - aber nicht weil es den Mitarbeitern hilft, sondern weil es wesentlich günstiger ist als eine neue Videokonferenzanlage + Raum dafür. Ich denke schon das MS da gut was draus machen kann, nur wird es mit Sicherheit teurer. Gerade im Bereich der Firmenlizenzen ist MS ein Abzocker ohne gleichen.
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Marktanteile der Tech-Riesen
Suchmaschinen (Desktop)
Google 75,68%
Baidu 11,95%
Yahoo 5,92%
Bing 4,24%
Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications
Suchmaschinen (Mobil)
Google 88,35%
Yahoo 6,63%
Baidu 3,34%
Bing 1,08%
Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications
Browser (Desktop)
Microsoft Internet Explorer 58,35%
Firefox 23,72%
Chrome (Google) 11,50%
Safari (Apple) 4,15%
*weltweiter Marktanteil, erhoben auf der Webbrowser-Angabe, Stand: Januar 2012, Quelle: Net Applications
Browser (Mobil)
Safari (Apple) 54,03%
Opera Mini 21,42%
Android Browser 12,74%
Symbian 6,89%
*weltweiter Marktanteil, erhoben auf der Webbrowser-Angabe, Stand: Januar 2012, Quelle: Net Applications
Betriebssysteme (Desktop)
Windows 91,92%
Mac 6,92%
Linux 1,16%
*weltweit, erhoben auf der Webbrowser-Angabe zum user-agent Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications
Betriebssysteme (Mobil)
Android (Google) 49,7
iOS (Apple) 30,1
Symbian 6,9
RIM 2,1
Nokia 1,8
andere 9,4
Marktanteil an Smartphone-Betriebsystemen im März 2011 in Deutschland (%). Quelle: InMob Mobile Insights, Basis der Auswertung sind 518,7 Millionen inMobi-Werbeeinblendungen auf Mobilgeräten in Deutschland im März 2011 und 470,3 Millionen Werbeeinblendungen im Januar
Werbung
Umsatz gesamt* Umsatz Google* Anteil Google (in %)
Internet 72,842 36,531 50,15
Magazine 43,122 0
TV 184,29 0
Zeitungen 91,495 0
gesamt 458,385 36,531 7,97
*Werbeumsätze 2011, weltweit in Mrd. Dollar, veröffentlicht von ZenithOptimedia 15. März 2012, Googles Werbeumsatz im Jahr 2011
Webnutzer
Angebot Unique Visitors (Mio.) Ø-Stunden
Webnutzer gesamt 366,8 26,75
Google 333,4 3.,14
Microsoft 270,8 3,22
Facebook 240,0 5,43
Wikimedia 161,3 0,22
Yahoo 141,0 1,23
eBay 107,6 0,99
Amazon 91,4 0,27
Top 30 Online Portale in Europa nach Gesamtzahl der Unique Visitors. Mai 2011, Internetnutzer in Europa, Alter 15+, Zuhause und am Arbeitsplatz; Quelle: comScore Media Metrix

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