Milliardenpoker: Linux-Jäger SCO geht aufs Ganze

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Der Code des freien Betriebssystems Linux sei teilweise geklaut, behauptet die US-Softwarefirma SCO und verlangt Entschädigung. Wenn sie damit vor Gericht durchkommt, müssen vielleicht auch deutsche Anwender zahlen. Eventuell steht sogar Linux insgesamt auf der Kippe.

Linux-Maskottchen: Geschäftemacher wollen ihm ans Leder

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"Ich habe Beweise hier in dem Koffer", sagt Gregory Blepp, Vizeprädident von SCO und zuständig für das Lizenzgeschäft. Doch bevor der redselige Manager den Koffer öffnet, dessen Inhalt Millionen-, wenn nicht gar Milliardeneinnahmen verspricht, doziert er erst einmal 90 Minuten zum Thema SCO. Fragen braucht man ihm eigentlich keine zu stellen - er kennt sie alle aus dem Effeff.

Blepp erzählt, auf welchen verschlungenen Pfaden seine Firma in den Besitz der Rechte am Unix-Code gelangt ist, warum Linux ein Risiko für Unternehmen ist, welche Gefahren von Open Source allgemein ausgehen, warum seine Firma die ganze Linux-Welt gegen sich aufbringt und dass die Unbelehrbaren am Ende alle zahlen werden - und zwar nicht zu knapp.

Die Geschichte klingt verrückt, ist juristisch hoch kompliziert und provoziert schon seit Monaten heftigste Reaktionen in der weltweiten Linux-Gemeinde. "Die meistgehasste IT-Firma" - so titulierte das Magazin "Business Week" das 300-Mann-Unternehmen SCO aus Utah. Der Linux-Erfinder Linus Torvalds verglich die Firma mit einer "in die die Enge getriebenen Ratte", die wild um sich beißt.

Code "zufällig" entdeckt

SCO-Manager Blepp: "Wir können das natürlich beweisen"

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Die Kurzversion der SCO-Geschichte lautet etwa so: 1995 erwarb eine Firma namens Santa Cruz Operation (SCO) die Rechte am Unix-Quellcode von der Firma Novell. Das Betriebssystem Unix war ursprünglich von AT&T für den Einsatz auf Großrechnern entwickelt worden. SCO bezifferte den Kaufpreis auf circa 150 Millionen US-Dollar in Aktien. Einige Jahre später sei SCO-Mitarbeitern "zufällig" aufgefallen, wie Blepp im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE berichtet, dass in aktuellen Linux-Versionen Programmcode auftaucht, der aus Unix stammt und an dem SCO mittlerweile die Rechte hält.

"Von den rund fünf Millionen Zeilen im Linux-Quellcode sind zwischen einer und 1,5 Millionen betroffen", sagt Blepp. Und dafür will SCO jetzt Geld sehen: 699 Dollar pro Linux-Server und 199 Dollar pro Desktop-PC - so lauten seine Preisvorstellungen. "Privatleute, Schulen, Universitäten müssen natürlich nicht zahlen - nichtkommerzielle Nutzung soll kostenlos bleiben", betont der Manager. Selbstverständlich seien bei großen Firmen mit Hunderten oder Tausenden Linuxsystemen Rabatte möglich.

Es gibt gute Gründe, SCO nicht zu glauben. Unix-Code könne man nicht einfach mit Copy und Paste in Linuxquelltexte einfügen, erklärten etwa wiederholt Programmierer. Da sei aufwendiges Anpassen vonnöten. Und ob ähnlich aufgebaute Funktionen in Unix und in Linux automatisch für ein Abkupfern sprechen und als Copyright-Verstoß zu werten sind, scheint ebenfalls fraglich.

Hinzu kommt die seltsame Geheimnistuerei der SCO-Manager. Beweise für den Codeklau lieferten sie der Öffentlichkeit bis heute nicht. Wer sich die vorgeblich kopierten Programmzeilen anschauen will, muss eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben. Blepp erklärt dies mit der besonderen Strategie bei Rechtsstreitigkeiten in den USA. "Dort legt man nicht von Anfang an alles auf den Tisch, sondern bringt Argumente und Beweise nach und nach."

Seit etwa einem Jahr läuft ein Verfahren gegen IBM. Mindestens eine Milliarde Dollar verlangt SCO für die Nutzung von Unix-Quellcode durch IBM und dessen angebliche Weitergabe ins Linuxsystem. Die Auseinandersetzung macht derzeit vor allem Anwälte und Gutachter reich - ein Ende ist nicht abzusehen. Hundertausende Blätter Papier wurden bereits hin- und hergeschickt - ohne greifbares Ergebnis.

"Die bomben uns aus dem Gerichtssaal"

Und SCO scheint sogar ernste Schwierigkeiten zu haben, die nach eigener Aussage offenkundigen und eindeutigen Beweise gegen IBM vorzulegen. Am Donnerstag baten die Anwälte des Linuxjägers aus Utah das Gericht in Delaware zum wiederholten Mal um eine Fristverlängerung. Man brauche noch mehr Zeit, um Beweise aufzuspüren, hieß es.

SCO-Vize Blepp glaubt jedoch, dass allein die Tatsache, dass der Prozess noch läuft, dafür spricht, dass SCO im Recht ist. "Alle dachten, der Himmel wird schwarz vor IBM-Anwälten. Die bomben uns binnen kürzester Zeit aus den Gerichtssaal." Doch dies sei dem IT-Riesen nicht gelungen.

Jedoch beinhahe. SCO drohte nämlich mittelfristig das Geld auszugehen. Das Stammgeschäft mit den eigenen Unix-Versionen für Intel-PCs läuft mehr schlecht als recht. Verluste daraus und die hohen Anwaltskosten hätten SCO innerhalb eines Jahres "in eine schwierige Situation" gebracht, so Blepp. Doch dann half unter anderem ein ehemaliger Microsoft-Manager dabei, frisches Geld für die im Nasdaq notierte AG zu finden. In der Open-Source-Gemeinde stand schnell fest: Mit Hilfe von SCO will Microsoft die immer gefährlicher werdende Linux-Konkurrenz ausschalten.

Linux-Erfinder Torvalds über SCO: "In die Enge getriebene Ratte"
DPA

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Von solchen Verschwörungstheorien möchte Blepp nichts wissen. Er findet die indirekte Hilfe aus Redmond wenig verwerflich. "Wir haben bei Microsoft angefragt, ob sie sich bei uns engagieren wollen. Sie wollten nicht, brachten uns aber mit einem ehemaligen Manager zusammen, der uns Kontakte zu neuen Geldgebern vermittelte."

Mit deutschen Unternehmen, die Linux einsetzen, will Blepp in den nächsten Wochen und Monaten Verhandlungen über Lizenzzahlungen aufnehmen. "Vorher muss aber die einstweilige Verfügung gegen unsere deutsche Niederlassung weg." Mitarbeiter des hiesigen SCO-Ablegers dürfen unter Androhung von 10.000 Euro Strafe nämlich nicht mehr behaupten, der Linux-Code enthalte aus Unix kopierte Sequenzen. "Wir können das natürlich beweisen", versichert Blepp. Wegen des laufenden Streits mit IBM habe man dies aber aus taktischen Gründen nicht getan und die einstweilige Verfügung im Juni 2003 zunächst akzeptiert.

Deutsche Linux-Nutzer sollen zahlen

Doch damit soll nun Schluss sein. In vier bis sechs Wochen will SCO betroffene Codesequenzen liefern und die einstweilige Verfügung aushebeln. Dann öffnet Blepp den Koffer und zeigt einige Seiten aus dem Linux-Programmiercode. "Die rot markierten Zeilen wurden eins zu eins aus Unix übernommen, blaue Schrift zeigt erforderliche Anpassungen von Unix zu Linux", erklärt er. Auf der ersten Seite findet sich keine einzige rote Zeile, auf den folgenden Seiten dominieren dann Rot und Blau. Beim gezeigten Code-Ausschnitt handelt es sich nach Blepps Angaben um eine Funktion zur Speicherverwaltung in Linux.

Kann man diesem Mann glauben? Oder stehen hinter SCO einfach nur raffinierte Bluffer, die verunsicherten Unternehmen zweifelhafte Ablassbriefe andrehen wollen? SCO hat sein Schicksal jedenfalls fest an den Streit um kopierte Programmzeilen gekettet. "Wenn wir verlieren, dann könnte es für unser Stammgeschäft und damit für uns als Firma eng werden", sagt Blepp. "Wenn wir gewinnen, dann wird das Auswirkungen auf unsere Bilanz haben - positive."

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