2020 - Die Zeitungsdebatte

Zeitungsdebatte Plädoyer für den radikalen Anachronismus


Die Zeitung kann auch im Internetzeitalter gut überleben, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, wenn sie sich als Kontrastprogramm etabliert: subjektiv, liberal und überraschend.

Läge die Zeitung nicht angeblich längst ob ihres Anachronismus in digitalen Zeiten in den letzten Zügen, sie würde jetzt ganz sicher einen überfälligen Tod sterben: den der Langweile durch Wiederholung. Die meisten Argumente für oder gegen die Zeitung haben sich inzwischen so wund gelegen, dass auch zwanghaftes Wenden und Umbetten nichts mehr bringt.

Der digitale Medienmarkt braucht keine Zeitung mehr? Auf den ersten Blick scheint das zu stimmen. Die Aktualität liefert uns heute das Netz, und zwar im Sekundentakt. Relevanz entsteht durch die Angebot-Nachfrage-Logik im Markt der Internetsuche, und die soziale Synchronisierung leisten die Empfehlungsmärkte der sozialen Netzwerke.

Medienhäuser setzen daher durchaus konsequent und mehr oder minder erfolgreich auf eine Strategie der totalen Digitalisierung mit veränderten Geschäftsmodellen. Sie gestalten damit auch die neuen Parameter der Massenkommunikation im Netz mit: einen Markt für algorithmisches Informationtrading in Echtzeit. Dort wird es einen "blended journalism" geben, aber er wird noch viel schneller, gestylter, interaktiver, kundenorientierter werden müssen.

Die spannende Frage ist: Kann die Zeitung in diesem Umfeld überleben? Sie kann. Mit einer Strategie der anachronistischen Gegenakzente.

1. Die Zeitung ist radikal subjektiv: Wir brauchen die Zeitung nicht mehr als Massenmedium. Das Internet ist mehr Massenmedium als alle Medien, die wir bislang genutzt haben. Aber es ist zu großen Teilen auch Mainstreammedium. Denn in Zeiten von Big Data wird jedes Thema durch digitale Datensammlung und -analyse im Internet auf seine sozialen Muster und Marktgängigkeit geprüft. Die Zeitung kann demgegenüber Individualmedium sein, das den Einzelnen als autonomes Subjekt vor der analytischen Vereinnahmung der Mainstream-Mediatisierung schützt. Sie muss dazu auch in ihrem Agendasetting radikal subjektiv werden. Denn nie war mehr "Objektivität" als im Netz, wo alle Trends in ihren Verästelungen berechnet werden können. Zeitung heißt dann: Journalistische Individuen erzählen gute Geschichten, mit Haltung, Meinung, subjektivem Stil und experimentellem Mut.

2. Die Zeitung ist radikal liberal: nicht im politischen, sondern im bürgerrechtlichen Sinne. Wir lesen die Zeitung, nicht sie uns. Die Zeitung kommt zu uns, aber sie nimmt nichts von uns mit, schaut sich nicht in unseren Wohnzimmern um. Wir berühren sie, und sie berührt uns für eine begrenzte Zeit, und danach und davon bleiben keine Spuren, außer in unserem Geist als Irritation über die Welt, über Dinge, die geschehen, als Inspiration durch gute Beiträge. Die Zeitung wird zur verbliebenen medialen Schutzzone der intellektuellen Privatsphäre derer, die wissen, dass es in einer freien und demokratischen Gesellschaft Grenzen der sozialen Standardisierung, des Mainstreams und der Verallgemeinerung individueller Lebenswelten geben muss. Die Zeitung ist das Medium der informationellen Selbstbestimmung, die Lücke, die der Teufel in der digitalen Datenüberwachung gelassen hat.

3. Die Zeitung ist radikal subversiv: Sie kann uns überraschen und damit im Umfeld der digitalen Informationsmärkte aus berechneten Präferenzen ein echtes Kontrastprogramm sein. Sie kann auch alles anders machen, als wir es aus dem Netz kennen. Lange Stücke statt Infosnippets, erzählerisch statt berichtend, subjektiv, nicht objektiv, Hintergrund statt Faktenfetisch, ein Orientierungs-, nicht ein Nachrichtenmedium.

Im Netz geschieht alles auf Knopfdruck, rasend schnell und umfassend. Die Zeitung kann einen Gegenakzent setzen, indem sie langsam in ihren Themenzyklen ist, bedacht und kontrovers Akzente setzt. In der umfassenden datenanalytischen "Objektivierung" unseres Lebens ist die Zeitung dann subversiv, wenn sie zum subjektiv-individualistischen Autorenblatt mit Weltweitsicht wird.

Die Zeitung wird dann - gedruckt oder als E-Paper - vom Massenmedium zum intersubjektiven Intermediär, damit wir uns gelegentlich unseres Verstandes ohne Rücksicht auf die Präferenzen anderer bedienen können. Auf den Märkten des algorithmischen Informationtradings kann das ein geldwerter Vorteil sein.

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Forum - 2020 - Die Zeitungsdebatte
insgesamt 156 Beiträge
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Seite 1
W. Robert 02.08.2013
1. Oh Pardon...
Nun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
espressoli 02.08.2013
2. 2020?....
2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben... angepasst an die immer dümmer werdene Bevölkerung, eine Art "Leselektüre für den deutschen Bildungsstand"... Ein Witzchen zur Einleitung... ein echter Mord - für Krimifans... ein Verkehrsunglück in der Sahara - für alle "Ach-Gott-Sager-und-Gaffer"... fünzig Seiten Fussball - und natürlich ein Bildchen von der - inzwischen auf Lebenszeit in Berlin festgetackerten Kanzlerin - gut retuschiert versteht sich - dazu der Text ihrer Neujahrsansprache von 2011... auf der letzten Seite dann noch das Wort zum Sonntag von der Kanzlerin: "Alles wird gut, ich bin und bleibe bei Euch"... Könnte es je eine grössere - ausgesprochene - Drohung für die Bürger geben?.. Wie die Zeitung heissen wird?... Da gibt es kein Entrinnen... so wie Kanzlerin, wird auch sie ewig unser sein.... "BILD" wird sie heissen... das "Generationenblatt", das in Kindergärten und als Lehrmittel in den Hörsälen der Universitäten benutzt werden wird und deren Herstellungs-Kosten vom Bildungsministerium voll übernommen werden... Und wer nach "alten Büchern" sucht, wird im Jahre 2020 dann sicherlich noch alte Bild-Exemplare bei eBay finden, die doch tatsächlich noch "die Nackerte" auf der Titelseite hatten... und zwischenzeitlich auch von weiblichen u. männlichen Emanzen gelesen wird - mangels "Alternativen"... Irgendwie keine schönen Aussichten für das Jahr 2020... Könnte man das "Vierbuchstabenblatt" nicht einmotten ehe wir das Jahr Zweitausendundzwanzig schreiben? - und bitte die Propaganda-Kanzlerin dabei nicht vergessen - beim einmotten meine ich...
Amadeus Mannheim 04.08.2013
3. @ W. Robert: Nein im Gegenteil
Zitat von W. RobertNun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
Stimmt nicht! Was wir brauchen, ist Strukturierung der Information und Erklärung, Analyse. Die Meinungsgetriebenheit der Foren und Kolumnen ist natürlich interessant, macht es aber unmöglich, eine strukturierte Debatte über komplexe Themen zu führen oder zu verfolgen. Das ist der journalistische Job der Zukunft. Eben nicht mehr freie Themenwahl und eben nicht mehr das rigorose Beharren auf der Redaktionsfreiheit, sei darunter jetzt einmal die Freiheit zur politischen Meinung bzw. der Meinung in einer konkreten Sachfrage verstanden, die vom Verleger oder Herausgeber nicht beeinflusst werden darf. Nein, die Journalisten müssen uns, den Lesern, helfen, durchzublicken. Das ist auch der Grund, warum die TV-Talkshows gut laufen, so schlimm sie manchmal anzusehen und -zuhören sind. Sie lassen uns Testfahrten von Meinungen und Argumenten erleben, als wären es unsere. Und in guten Momenten sichern wir unsere Meinungen ab oder geben sie auf und verstehen, auf welcher argumentativen Basis wir dies vor uns selbst verantworten können. Dies ist in einer gut besetzten und gut moderierten Talkshow wirklich ein Gewinn, den ich bei Jauch und Will regelmäßig habe. Auch bei Illner. Wenn die Zeitungen es schaffen, diesen Gewinn zu bieten, werden sie leben. Egal ob digital oder gedruckt. Hierfür ist die eigene Meinung der Reakteure aber unwichtig. Sie ist einfach nicht mehr gefragt. Denn wir ertrinken in Meinungen. Die Journalisten müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projektes "Verständis", "Lösen von Komplexität" oder "Diskutieren alternativer Blickwinkel". Helfen lassen können Sie sich von Philosophen, etwa von Peter Sloterdijk, der in faszinierend einfachen Bildern komplexe Sacherverhalte darstelle, zB die politischen Parteien als Banken für Zorn- und Wutkapital darstellt, was einen sehr leicht verstehen lässt, was ein Grund für Politikverdrossenheit sein könnte. Hilfestellungen wie diese finden im Zeitungsjournalismus kaum noch statt. Die Branche muss komplett umdenken. Aktualität kann sie vergessen, dieses Rennen ist nicht mehr zu gewinnen. Meinung ist von gestern, s.o. Was zählt für die Zukunft ist Meinungskompetenz und echte Hilfe.
wol54 04.08.2013
4. Mutig voran
Zitat von sysopWie sieht die Zeitung von morgen aus? Was macht für Sie guten Journalismus auch in Zukunft aus? Diskutieren Sie hier auf SPIEGEL ONLINE. Wir sammeln die besten Vorschläge, werten sie aus – und entwickeln daraus das Konzept für eine digitale Tageszeitung.
Bei Zeitungen ist es ähnlich wie bei CDs: oft wollte ich nur einen Titel, musste aber früher die ganze CD kaufen. Heute kaufe ich mir nur noch diesen einen Titel bei Apple bzw. zahle ich monatlich 9,99 € bei Spotify und habe damit Zugriff auf fast alle CD´s. Was kann die Zeitungsbranche daraus lernen ? Einführung von Micropayment für einzelne Artikel, ich denke da an Beträge von 1-5 Cent. Mehrere Verlage (z.B. FAZ, Süddeutsche, Welt, Zürcher...) geben für 10 € im Monat ein Gemeinschaftsabo heraus. Der Abbonnent kann dann alle diese Zeitungen im Netz ohne weitere Mehrkosten lesen. Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung, Münchner Merkur... sollten Ihren Lokalteil deutlich ausbauen und dann z.B. für alle Nachrichten aus Ludwigburg 3 Cent pro Tag verlangen. Schlechte Nachricht: Es gibt kein Copyright auf News Gute Nachricht: seit ich mein Ipad habe sehe ich weniger fern, sondern lese auch mal den Lokalteil meiner heimatzeitung im Internet.
koem 04.08.2013
5. Tageszeitung vs. Online - 2020
Habe ich eine Tageszeitung in der Hand, umschleicht mich immer das unsichere Gefühl, nicht wirklich aktuelle Informationen geliefert zu bekommen. Das wird auch 2020 nicht anders sein! Aktuell ist eben nur online. Online wiederum habe ich keine Muße für längere Texte, für gut recherchierten Journalismus, für Hintergrundinformationen. Diese möchte ich aber nicht missen und sehe hier die Zukunft für das Printmodell. Erwähnt werden muss jedoch, dass dies wohl eher nicht auf eine Tageszeitung zutrifft, sondern auf ein Wochenmagazin. Für die Tageszeitung sehe ich schwarz. Beste Grüße aus Berlin Konstantin Thumm
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