Gebühren: Mitfahrgelegenheit.de verprellt seine Nutzer

Von Stefan Mey

Mitfahrgelegenheit.de (Screenshot): Alle Fahrten über 100 Kilometer werden gebucht Zur Großansicht

Mitfahrgelegenheit.de (Screenshot): Alle Fahrten über 100 Kilometer werden gebucht

Die größte Mitfahrbörse im Internet verlangt jetzt Gebühren: Für Strecken über 100 Kilometer zahlen die Fahrer eine Abgabe an die Betreiber. Fans des einst kostenfreien Portals sind empört.

Hamburg - Viele Nutzer von Mitfahrgelegenheit.de sind enttäuscht: Die größte und bisher auch beliebteste Mitfahrbörse im Netz bittet seit Ende März zur Kasse. Bisher zählt das kostenlose Portal mehr als eine Million Besucher im Monat. Die Mitglieder finden sich dort zu Fahrgemeinschaften zusammen, um möglichst günstig von A nach B zu kommen. Doch kurz vor Ostern wurde faktisch auf eine Bezahlpflicht umgestellt.

Für alle Fahrten über 100 Kilometer muss jetzt das Plattform-eigene Buchungssystem genutzt werden. Dort werden dem Fahrer eine Abgabe in Höhe von elf Prozent für jeden vermittelten Mitfahrer in Rechnung gestellt. Auf der Facebook-Seite des Portals gibt es seitdem mehr als 1000 Protestkommentare, einige teilen schlicht mit: "Konto gelöscht". Fast wirkt es, als würde vielen Nutzer erst jetzt klar, dass hinter dem freundlichen Service auf der Seite auch ein Unternehmen steckt, das Geld verdienen, wachsen und seinen Wert steigern will.

Die Firma hinter der 2001 gegründeten Plattform Mitfahrgelegenheit.de ist die Carpooling.com GmbH mit Sitz in München. Als die beliebte Website etwa sieben Jahre alt war, begann das Unternehmen mit der Internationalisierung des Mitfahrkonzepts, mittlerweile gibt es acht europäische Schwesterportale. Seit 2009 ist ein klassischer Investor beteiligt: Earlybird, mit knapp 37 Prozent laut Handelsregister mittlerweile der größte Einzelgesellschafter. Seitdem im August 2012 auch der Autokonzern Daimler einstieg, besitzen die drei Gründer nicht mehr die Mehrheit an der Firma. Für seinen Anteil von knapp 17 Prozent soll Daimler acht Millionen Euro gezahlt haben.

Große Partner und ein großes Team

Über die Zusammensetzung des Umsatzes will Michael Reinicke, Mitgründer und einer der drei Geschäftsführer der Firma, nichts sagen. Am profitabelsten dürften aber vermutlich die Kooperationen mit großen Transportunternehmen sein. Über Mitfahrgelegenheit.de lassen sich auch Angebote von Wettbewerbern buchen. Die Deutsche Bahn gehört zu den Partnern, große Fernbuslinien und die Fluglinie Air Berlin.

Nach eigenen Angaben arbeiten 60 Mitarbeiter für das Unternehmen: Produktmanager, Ländermanager für die Schwesterportale und ein zweistelliges Customer-Support-Team. Bis zur Umstellung habe die Firma nicht kostendeckend gearbeitet, sagt Reinicke. "Erst die Einführung des Buchungssystem macht es möglich, schwarze Zahlen zu schreiben."

Dem Argument will Chris Schulze nicht folgen. Wie andere Nutzer hat der 28-jährige Student aus Leipzig seinem Unmut auf Facebook Luft gemacht. Dass das neue Modell zur Finanzierung der Seite nötig sei, glaubt er nicht: "Bisher müssen die das doch auch so hinbekommen haben", sagt er, "ich denke nicht, dass auf einmal der Aufwand so massiv gestiegen ist." Es gebe auch keine zusätzliche Leistung im Gegenzug. "Das einzige Neue ist, dass ab jetzt jeder diese elf Prozent Provision abdrücken muss. Und das finde ich krass." Wenn die Änderungen nicht bis Ende der Woche rückgängig gemacht werden, will er sein Konto löschen.

Die Stunde der Wettbewerber

In der Facebook-Gruppe "Mitfahrgelegenheit.de Boykott" werden Links zu alternativen Angeboten ausgetauscht, und die Wettbewerber machen teilweise auch selbst auf sich aufmerksam: Das Startup Flinc ist dabei und das frischgegründete Portal Bessermitfahren.de. Hinter der Seite Fahrgemeinschaft.de steckt ein alter Bekannter der Carpooling-Gründer, der ursprüngliche Inhaber der Domain Mitfahrgelegenheit.de. Die Boykottseite hat in nicht einmal zwei Wochen mehr als 4.000 Facebook-Fans gefunden. Werden die Proteste wieder verstummen oder rennen die Nutzer in Scharen davon?

Reinicke meint dazu: "Ich kann keine Abwanderungen erkennen. Wir haben einen kleinen Anstieg bei den Nutzerabmeldungen, das ist richtig", allerdings werde der durch Neuanmeldungen kompensiert. "Insofern haben wir unterm Strich keinen Nutzerverlust." Er glaube, dass die Proteste nach den ersten spontanen emotionalen Reaktion wieder abebben werden.

Nutzer Chris Schulze hingegen ist sich sicher, dass viele sich nach Alternativen umsehen werden. Auf Facebook meint der potentielle Ex-Nutzer spöttisch: "Danke, dass Ihr den Weg frei macht für junge, hippe Plattformen."

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insgesamt 120 Beiträge
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1. Kostenlose Mitfahrgelegenheit
johannisbrunnen 12.04.2013
Ich habe mich im Sommer bei dem kostenlosen Portal wir-pendeln-zusammen.com angemeldet. Das geht für tägliche Fahrten zum Arbeitsplatz genauso, wie für einmalige Fahrten in andere Städte. Ich nutze das häufiger-völlig problemlos. und vor allem kostenfrei.
2. optional
Oskar ist der Beste 12.04.2013
also, welchen Sinn würde es denn für eine Mitfahrzentrale machen, keinen Gebühren zu nehmen, so sehr ich ja auch gern Leistungen kostenfrei entgegennehme, ich muß auch zur Kenntnis nehmen, daß alles seinen Preis haben muß. Eine ganz andere Frage ist aber, was man für die Gebühren anbietet. Als Ende der neunziger Jahre ich aufgrund beruflicher Gegebenheiten ständig Mitfahrer dabei hatte im Bundesgebiet, mußten diese den Mitfahrzentralen eine Gebuer entrichten. Dafür wurde die Fahrt vermittelt bei den benutzten Fahrzeugen und den Fahrern ein gewisser Sicherheitsstandard gewährleistet, also es gab etwas fürs Geld, ist das bei den online Portalen auch der Fall?
3.
Aguilar 12.04.2013
Zitat von sysopDie größte Mitfahrbörse im Internet verlangt jetzt Gebühren: Für Strecken über 100 Kilometer zahlen die Fahrer eine Abgabe an die Betreiber. Fans des einst kostenfreien Portals sind empört. Mitfahrgelegenheit.de: Nutzer beschweren sich über Gebühren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/mitfahrgelegenheit-de-nutzer-beschweren-sich-ueber-gebuehren-a-894046.html)
Ein wieder typisches Beispiel unserer Gesellschaft und Zeit: Auf der einen Seite die Billigheimer der Marke "Ben Gib", die alles umsonst haben wollen, möglicherweise auch umsonst den Hintern geputzt bekommen wollen, weil sie zu dumm oder faul sind, sich selbst kundig zu machen oder zu unternehmen aber alles haben wollen. Vergessend, daß es ihre Gehälter oder Jobs sind, die wegfallen. Dem gegenüber stehend die Firmen, die so tun als ob sie etwas zu veschenken haben und verhindern, daß ein gerechter Preis akzeptiert wird.
4.
BlakesWort 12.04.2013
Bis auf das Einstellen der Informationen bietet die Seite keinerlei Mehrwert, die nicht durch sporadisch auftretende Werbung gedeckelt werden könnte, mit der die Server bezahlt werden. Kein Wunder also, wenn die Leute nicht dafür zahlen wollen und andere Anbieter in die Lücke springen. Das hat m.M.n. nichts mit der kostenlos-Mentalität im Netz zu tun, sondern vielmehr mit einem gesunden Verständnis von Kosten contra Nutzen.
5. Right ...
gerdkonz 12.04.2013
... eine Frechheit! Habe mich die letzten Tage auch geärgert ... Buchte in der Vergangenheit auch gelegentlich bei mitfahrglegenheit.de. Ich werde mich ebenfalls abmelden! Natürlich wollen die Kohleschäffler (die Heuschrecke und DB) ordentlich Rendite sehen, sind ja nicht aus Spaß da eingestiegen. Der Ursprungsidee der Mitfahrzentrale widerspricht für mich diametral die Gewinnmaximierungsidee von Inverstoren. Gut, dass ihr bei SPON darüber berichtet habt. Danke! Also Tschüssi - auf Nimmerwiedersehen...
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