Mitmach-Enzyklopädie: Wikipedia-Leidenschaft kühlt ab

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Das Web-Lexikon lahmt: weniger Anmeldungen, weniger Korrekturen, weniger Uploads. Diese Statistik eines Administrators schockiert Wikipedianer. Alte Hasen fürchten: Stagnation bedeutet Streit. Affektlöschungen angeblich irrelevanter Artikel sind heute schon Wiki-Alltag.

Robert Rohde ist daran gewöhnt, dass Menschen über seine Diagramme streiten. Der Physik-Doktorand von der University of California illustriert in seiner Freizeit den Klimawandel. Auf seiner Website veröffentlicht er Übersichten zur Entwicklung des Stromverbrauchs in US-Bundesstaaten oder Prognosen zum Anstieg der Meeresspiegel. Damit macht man sich keine Freunde. Mit Diagrammen zum Wikipedia-Wachstum auch nicht (siehe unten) - das hat Rohde erfahren, nachdem er auf einer Wikipedia-Mailingliste seine Analysen zusammenfasste.

Rohdes Fazit: "Seit Anfang des Jahres und zum ersten Mal für einen längeren Zeitraum überhaupt sinkt die Aktivität der Wikipedia-Gemeinschaft." Die ersten Reaktionen auf der Mailingliste: Die Analyse sei "Schwachsinn", eine "Beleidigung für unsere Intelligenz".

Inzwischen debattieren die meisten Wikipedianer sachlich – und besorgt – Rohdes Zahlen. Denn die Daten belegen eine schon seit Monaten kursierende Befürchtung: Das Wikipedia-Wachstum lahmt – zumindest im ältestesten Sprachraum des Netzlexikons, der englischsprachigen Ur-Wikipedia.

Offizielle Zahlen zur Entwicklung der englischsprachigen Wikipedia fehlen seit Ende 2006 aufgrund eines technischen Problems. Deshalb hat Rohdes Analyse solchen Neuigkeitswert. Der Physiker hat Anfang September eine Zufalls-Stichprobe der Nutzungsdaten von mehr als 100.000 Artikeln aus dem Gesamtbestand der englischsprachigen Wikipedia (mehr als zwei Millionen Beiträge) gezogen. Anhand dieser Log-Files hat Rohde die Entwicklung der Wikipedia-Nutzung im ersten Halbjahr 2007 verfolgt. Fazit: Wikipedia lahmt (Details siehe unten).

Rohdes Zahlen beschreiben einen Rückgang auf hohem Niveau. Die englischsprachige Wikipedia verliert nicht auf einmal dramatisch Nutzer, Inhalte oder Popularität – das Wachstum lahmt nur nach sechs Jahren extremen Booms. Der Medienwissenschaftler und Wikipedia-Administrator Andrew Lih spricht von einem "Plateau", das Wikipedia nun erreicht habe.

Mitte des Jahres verzeichnete das Web-Lexikon zwei Millionen englischsprachige Artikel. Lih schreibt in seinem Blog, Wikipedia sei nun womöglich am höchsten Punkt einer S-förmigen Kurve. Irgendwann im September oder Oktober 2006 sei die Wachstumsrate neuer Einträge "dramatisch gesunken" und "in dieser Entwicklung steckengeblieben".

Deutsche Wikipedia wächst langsamer

Irgendwann dürfte dieser Trend auch andere Wikipedia-Sprachregionen erfassen. Das Farbschema der offiziellen Wikipedia-Statistik zur Artikelmenge der einzelnen Sprachversionen zeigt sehr gut die Wachstumstrends: Verdoppelt sich die Menge neuer Einträge, ist ein Monat rötlich hinterlegt. Je kälter die Farbe, desto langsamer das Wachstum. Die letzten Monate für die deutschsprachige Wikipedia sind blau. Im Jahr 2003 wuchs in der deutschsprachigen Wikipedia die Artikelmenge von Monat zu Monat noch um 16 oder gar 32 Prozent. Diesen März waren es drei, im April dann zwei Prozent.

Wikipedia braucht mehr Spezialwissen

Mathias Schindler, ein Sprecher der deutschen Wikipedia, weist darauf hin, dass man bei der Interpretation solcher Zahlen besondere Einflüsse beachten muss: Anfang 2004 habe die deutsche Wikipedia aufgrund vieler Medienberichte einen riesigen Boom erlebte, außerdem gebe es im Herbst immer wieder Plateaus und je höher die Basis werde, desto schwerer seien die Wachstumsraten konstant zu halten.

Allerdings, so Schindlers persönliche Einschätzung: "Es ist plausibel, dass es nicht ewig beim Wachstum des Wachstums bleibt." Aber die Qualität der Wikipedia mache ja nicht das Wachstum aus. Schindler: "Die Herausforderung dürfte eher sein, Menschen zu finden und dauerhaft zu motivieren, ihre speziellen Fähigkeiten Wikipedia zur Verfügung zu stellen."

Heftige Debatten über Relevanz

Das sehen viele Wikipedianer ähnlich: Nachdem die meisten allgemeinen Artikel geschrieben sind, muss Wikipedia sich auf Vertiefung, Spezialisierung, Aktualisierung konzentrieren. Der Brite Andrew Gray, seit drei Jahren Wikipedia-Administrator, beschreibt das so: "Die niedrig hängenden Früchte sind gepflückt."

Die Folge: Je weniger unbesetzte Themen übrig sind, desto heftiger streiten Wikipedianer über die Relevanz neuer, immer speziellerer Einträge und Ergänzungen. Der Ton unter Wikipedianer wird rauer – vor wenigen Wochen erst löschte ein übereifriger Administrator einen Beitrag des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales wegen angeblicher Irrelevanz. Robert Rohde Statistik dokumentiert die Verschärfung: Ein Fünftel aller Artikel-Überarbeitungen sind heute Rücknahmen von Löschungen oder Radikal-Änderungen. Rohdes sieht das als Zeichen für immer härter ausgetragene Konflikte um Artikel.

Lieber löschen als pflegen

Der britische Wikipedia-Administator Andrew Gray bestätigt dieses Bild: "Die Gemeinschaft ist in einigen Punkten dysfunktional." Seinem Empfinden nach ist die Stimmung im vorigen Jahr gekippt. Immer mehr Administratoren pochen stur auf Richtlinien, löschen rigoros vermeintlich regelwidrige Beiträge, bügeln Neulinge unfreundlich ab.

Medienwissenschaftler Andrew Lih – seit vier Jahren Wikipedia-Administrator – glaubt, dass heute die Mehrheit der Wikipedianer eine andere Grundhaltung habe: Früher wollten Wikipedianer so viele Informationen wie möglich integrieren, heute wollen sie, so viel es geht, draußen halten.

Beispiel: Ein Artikel über das Internet-Start-Up Pownce wurde in der englischsprachigen Wikipedia als unerwünschte Werbung gelöscht. Lih hat ihn wieder eingestellt. Seine Begründung: "Es gab eine Zeit bei der Wikipedia, als eine Webseite, die in der 'Business Week' vorgestellt, von einem bekannten Unternehmer gegründet und viel diskutiert wurde, als relevant genug für einen Artikel galt." Um dieser Tradition willen stellte Lih den Beitrag wieder in die englischsprachige Wikipedia ein.

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