Mitmach-Netz Flickr filtert den Protest

Flickr zieht den Zorn der Nutzer auf sich. Dass der Bilderdienst für Deutsche vermeintlich brisante Bilder sperrt, ruft eine Anti-Zensur-Bewegung auf den Plan. Doch auch deren Aktionen werden unterdrückt. Lektionen aus einem Web-2.0-Desaster.

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Spiegelei, weiße Bohnen und gebratene Würstchen – am Samstag gönnt sich Heather Powazek Champ, die Community-Managerin des Foto-Mitmach-Portals Flickr, ein richtiges englisches Frühstück im Café Dumb Waiter in Brighton. Mit Cola light allerdings, ohne Tee. Später spaziert sie noch mit dem Webdesigner Kevin Meredith ein wenig am Strand. So detailliert dokumentiert Champ auf ihrer Flickr-Seite die Europa-PR-Tour für den Bilderdienst.

Doch während Community-Managerin Champ Eis- und Frühstückfotos hochlädt, überrollt eine beispiellose Protestwelle die deutschen Flickr-Seiten.

Denn seit einer Woche sperrt Flickr für deutsche Nutzer alle Bilder, die irgendein Nutzer für zu anstößig hält, um sie seiner Oma zu zeigen. Ändern können deutsche Nutzer daran nichts. Nicht einmal die Kreditkarten-Informationen der Nutzer eines kostenpflichtigen Flickr-Accounts genügen dem Fotoportal als Altersnachweis. Seit einer Woche protestieren deutsche Nutzer gegen diese Zwangsfilter, verlangen in Tausenden Foren-Nachrichten Aufklärung über die Gründe für die Zwangsfilter und rufen zum Boykott auf.

Juristen vermuten als wahren Hintergrund des Zwangs-Filters die deutsche Rechtssprechung in Sachen Foren-Haftung. Betreiber von Internetseiten haften für unrechtmäßige Äußerungen Dritter nicht, wenn sie sogenannte "Prüfpflichten" erfüllt haben. Was als erfüllte Prüfpflicht durchgeht, entscheiden deutsche Gerichte von Fall zu Fall unterschiedlich: Beleidigungen Dritter muss ein Anbieter erst nach Kenntnisnahme löschen, urteile Anfang Juni das Landgericht Berlin. Hingegen hatte Ende April das Landgericht Hamburg in einem anderen Fall eine Forenhaftung auch ohne Kenntnis gesehen - was von Forenbetreibern faktisch eine Vorab-Prüfung von Beitragen verlangt.

Der Fall Flickr demonstriert, wie man binnen kürzester Zeit eine Community gegen sich aufbringen kann. Aus dem Desaster kann man schon jetzt fünf Lehren ziehen:

1. Änderungen ankündigen

Ohne seine Nutzer ist Flickr nur eine langweilige Hülle. Die Bilder, Kommentare, Schlagworte, Landkarten-Einträge und Fotogruppen machen das Angebot aus. Weil das so ist, sind die Mitglieder jedes Mitmach-Portals bei allen Veränderungen empfindlich. Doch kein Flickr-Verantwortlicher hat während des Rummels um den Deutschlandstart über die Filter und die Jugendschutzprobleme gesprochen.

Der offizielle Blogeintrag vom 12. Juni verspricht, man könne nun wählen, in welcher Sprache man Flickr nutzen will. "Sonst bleibt alles beim Alten: ein globales System, eine Datenbank und vor allem: eine Community." Eine Lüge, denn nach dem Start der Lokalversion bemerkten plötzlich die Nutzer selbst, dass irgendetwas nicht stimmt. Erste Nutzer schrieben in den Flickr-Foren verunsichert: "Plötzlich kann ich viele Fotos nicht mehr sehen, weil mir die Option im Suchfilter fehlt, dass ich auch unsichere Bilder anzeigen lassen kann."

2. Erklärungen nicht verweigern

Warum filtert Flickr? Und warum sind Bilder als "mittel" oder "eingeschränkt" markiert, die man so ähnlich auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und an jedem Zeitungskiosk sehen kann? Das Mitmach-Netz suggeriert seinen Nutzern, sie seien nicht nur Konsumenten, sondern auch Produzierende - gewissermaßen Teilhaber. Deshalb wollen sie respektvoll behandelt werden, verlangen ehrliche, verständliche, schonungslose Erklärungen. Schließlich ist Flickr ihre Gemeinschaft – das suggeriert ihnen zumindest die Werbung ("eine Community").

In einem ähnlichen Fall, als die Mitmach-Nachrichtenseite Digg versuchte, auf Druck der Filmindustrie bestimmte Veröffentlichungen zu sperren, brauchte der Gründer gut 17 Stunden, um die Situation offen zu erklären. Flickr brauchte zwei Tage für die erste Stellungnahme. Und die war so inhaltsarm wie alle weiteren in den folgenden sieben Tagen:

3. Auf Gegenargumente eingehen

Flickrs Darstellung, man könne deutsche Jugendschutz-Auflagen nur über Zwangsfilter erfüllen, rief berechtigte Einwände hervor. Auf diese ging das Unternehmen nicht ein, ein Dialog mit den Flickr-Nutzern fand nicht statt.

4. Kritische Kommentare zulassen

Wenn ein Mitmach-Portal die Kritik von Nutzern irgendwie löscht, versteckt, behindert, ist es meist vorbei mit dem Vertrauen. Das ist der endgültige Beleg dafür, dass Nutzer eines Mitmach-Portals nicht Teilhaber sind, sondern unbezahlte Zuträger erwünschter Inhalte. Dass man so ganz schnell die Gefühle vieler Nutzer verletzt, hat schon die Nachrichten-Seite Digg erfahren.

Flickr hat daraus und aus den eigenen Erfahrungen offenbar wenig gelernt. Denn inzwischen säubert Flickr seine Übersichtsseite, auf der Nutzer häufig kommentierte Fotos fremder Anwender entdecken können.

Am vorigen Donnerstag war diese Seite übersät mit Logos der Anti-Filter-Aktivisten, Bildern, auf denen "thinkflickrthink", "againstcensorship" und ähnliche Slogans standen. Inzwischen tauchen sie nicht mehr auf der populären Übersichtsseite auf.

5. Nicht stur sein

Statt sich für die Filterung der Protestfotos zu entschuldigen und über die Gründe für die Filter zu sprechen, geht Flickr auf Konfrontationskurs. Firmengründer Stewart Butterfield verteidigt das Vorgehen in einem Forum ganz offen:

"Wir haben Beschwerden von Leuten bekommen, die tatsächlich Fotos sehen wollen. Und weil dieses Feature (die Übersichtsseite, d.Red.) dafür da ist, haben wir alles entfernt, was kein Foto ist. Das ist eine Rückkehr zu unserer sonst üblichen Praxis. Wir haben das eine Zeit lang nicht gemacht, damit Leute Dampf ablassen können, aber es ist nicht fair, die Flickr-Erfahrung anderer zu behindern, um seine Meinung zu verbreiten."

Mit Web 2.0 und Nutzer-basiertem Internet hat das wenig zu tun.



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