Von Konrad Lischka
Hamburg - Die Mobbing-Website iShareGossip ist offline. Unbekannte behaupten, die Seite gehackt zu haben. Sie nennen sich in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE die "Typen von 23timesPi" und behaupten, die Betreiber der Hetz-Plattform ausfindig gemacht zu haben. Ihr Vorgehen, den Betreibern öffentlich eine Frist zur Selbstanzeige zu setzen, begründen die mutmaßlichen Hacker so: "Wir gehen davon aus, dass die Betreiber vorgesorgt haben und ihnen Verbindungen zu iShareGossip selbst dann nicht nachweisbar sind, wenn die Polizei das Haus durchsucht."
Deshalb verlangen sie, dass die Täter sich stellen, statt den Ermittlern die Hinweise direkt zukommen zu lassen. Sie drohen, die Namen der Betreiber zu veröffentlichen, sollten diese sich nicht bei der Polizei melden. So wollen sie "den Spieß umdrehen und die Betreiber in die Opfersituation bringen". Denn, dessen sind sich die mutmaßlichen iShareGossip-Hacker bewusst, "wenn Mobbing-Opfer die Realnamen erfahren, ist Besorgnis seitens der Verantwortlichen sehr wohl angebracht." Das ist ein Aufruf zur Lynchjustiz. Auf diesen Vorwurf reagieren die mutmaßlichen Hacker mit der Argumentation: "Deshalb hindern wir auch niemanden daran, Konsequenzen zu ziehen und sich freiwillig der Polizei zu stellen."
Hack oder Öffentlichkeitsarbeit der Forenbetreiber?
Ob es sich bei der Aktion tatsächlich um einen Hack handelt, lässt sich derzeit nicht sagen. Denkbar ist auch, dass die bisher anonymen Betreiber der Website mit dieser Aktion nur Aufmerksamkeit erregen wollen, um ihr zuletzt wieder weniger beachtetes Portal zu bewerben.
Sollten aber tatsächlich Hacker Informationen über die Betreiber erlangt haben, könnte dieses Material der Strafverfolgung wohl helfen. Staatsanwalt Alexander Badle von der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt sagte auf Anfrage: "Wenn Privatpersonen auf womöglich rechtswidrigen Wegen Beweismaterial erlangt haben, kann die Staatsanwaltschaft das dennoch in einem Prozess verwenden - da ist die Lage in Deutschland anders als etwa in den Vereinigten Staaten."
Staatsanwaltschaft hofft auf Hinweise
Badle sagt, die Staatsanwaltschaft würde Informationen gerne annehmen. Man habe derzeit "keine neuen Erkenntnisse" über die Betreiber von iShareGossip. Rund 60 Strafanzeigen wurden bisher gestellt. Die Behörden ermitteln gegen den Betreiber unter anderem wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung.
Das so dringend gesuchte Beweismaterial haben die mutmaßlichen Hacker nach eigenen Angaben erbeutet. Gegenüber SPIEGEL ONLINE erweiterten sie ihre Drohung: "Es ist übrigens eine Lüge, dass Besucher von iShareGossip anonym sind und es immer waren." Technische Details zum Hack und Informationen darüber, welche Daten gesammelt wurden, wollen die mutmaßlichen Angreifer aber nicht verraten.
Auf iShareGossip wurden Nutzer dazu aufgerufen, anonym Schüler und Lehrer zu beschimpfen. Motto des Portals: "100 Prozent anonym an deiner Schule, Universität oder Arbeitsplatz lästern."
Seit März 2011 ist iShareGossip indiziert
Eltern hatten im März die Abschaltung der Seite gefordert, nachdem ein 17-jähriger Streitschlichter in Berlin brutal zusammengeschlagen worden war. Hetzbeiträge auf der Website waren der Tat vorausgegangen. Der Jugendliche war mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus gekommen. Unter anderem erlitt er ein Schädelhirntrauma und mehrere Hämatome.
Ebenfalls im März war das Portal als jugendgefährdend auf den Index gesetzt worden. Die laut Impressum im lettischen Riga angemeldete Seite - dahinter verbirgt sich allerdings nicht viel mehr als eine Briefkastenfirma - steht auch im Visier der Justizbehörden in Frankfurt am Main.
Gegenüber dem Sat.1-Magazin "Akte 2011" hatte sich im Mai ein junger Mann als einer der Betreiber der Seite geoutet. Nachdem er im Fernsehen geprahlt hatte, nahm die Polizei ihn fest. Der Verdächtige entpuppte sich aber schnell als Hochstapler.
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