Mobile Music von morgen: Die Trends für den drahtlosen Genuss

Die Zukunft der Unterhaltung liegt in der Luft: In einem "geräteübergreifenden Entertainment-Ökosystem" soll alles Digitale nahtlos kommunizieren. Das ist die Vision von Tina Rodriguez, "Head of Music" bei Vodafone - bei SPIEGEL ONLINE skizziert sie die mobilen Musikdienste von morgen.

Wieder mal Verspätung. In der Abflughalle vertreibe ich mir die Zeit mit E-Mails und dem Anhören von Musik. Die habe ich übrigens eben erst gekauft und alles war ganz einfach und unkompliziert. Das Plakat, das für das neue Album meiner Lieblingsband wirbt, enthielt netterweise gleich einen Barcode, den ich kurz entschlossen mit meinem Handy eingelesen habe. Dann auf "Kaufen" geklickt, der Download der Songs dauerte keine zwei Minuten. Bezahlen werde ich mit meiner Telefonrechnung.

Die Vision: Mobil und "Always on", das Handy als Spaß-, Service-, Zahlungs-, Shopping- und Kommunikationsapparat
DPA

Die Vision: Mobil und "Always on", das Handy als Spaß-, Service-, Zahlungs-, Shopping- und Kommunikationsapparat

Nun höre ich die ersten Songs über Kopfhörer, während ich gleichzeitig E-Mails im Steno-Stil beantworte. Da erreicht mich die SMS meines Freundes Paul, der mir seine neueste Playlist schickt. Er will wissen, ob mir die Mischung gefällt und ich sie für so massentauglich halte, dass möglichst viele MySpace-User sie anhören werden. Denn dafür gibt's Punkte, für die er wiederum Musik kaufen kann.

Nach dem Start schalte ich mein Handy auf "Flight Mode" und höre mir die Sammlung an – sie gefällt mir gut und zwei Lieder, die ich bisher nicht kannte, kaufe ich direkt als Download. Endlich zuhause angekommen, stelle ich erstmal das Telefon in die Station. Dann tippe ich auf meinem Home-Entertainment-Tablett "Musik" und "Zuletzt gehört" an und schon ertönt Pauls Mix aus meinem 5.1 Sound-System.

Gleichzeitig lädt sich der Akku des Handys auf, die neuen Lieder und das Album werden auf den Festplattenspeicher der Home-Entertainment-Konsole geladen. Der Musikanbieter meines Vertrauens sendet mir derweil neue Songs auf mein Handy, von denen er meint, sie könnten mir gefallen. Die höre ich mir auf meinem nächsten Trip an und wenn mir was zusagt, werde ich es mit einem Klick kaufen. Alles andere löscht sich von selbst. Ich schicke noch schnell eine Antwort an Paul ("Sie werden es lieben!") und nehme mir einen Kaffee, den mein Handy mir mittlerweile gekocht hat.

Okay – das mit dem Kaffee war jetzt gelogen. Aber alles andere ist nicht etwa SciFi, sondern dank der Verbindung bereits existierender Technologien schon morgen realisierbar.

Übertragungs- und Endgerätetechnologie im Jahre 2010

Das heutige Mobilfunknetz der dritten Generation (3G), UMTS, erreicht eine Download-Bandbreite von bis zu 384 Kbit/s. Mit HSDPA, dem optimierten Übertragungsverfahren, sind bereits 1,8 Mbit/s möglich, damit dauert der Download eines Songs nur noch knapp 15 Sekunden. Nächstes Jahr sollen 3,6 Mbit/s erreicht werden und die Voraussagen gehen von bis zu 7,2 Mbit/s im Jahre 2010 aus.

Der Netzausbau mit dieser auch 3,5 G genannten Technologie ist bei den großen Anbietern T-Mobile und Vodafone in vollem Gang, die ersten Endgeräte bereits produziert. Und auch externe Speicherchips mit bis zu 2 Gigabyte Kapazität in Handygröße sind heute schon Realität. Nach dem Moore'schen Gesetz der Kapazitätsverdoppelung pro Jahr kann man davon ausgehen, dass in 2010 Speicherchips für Handys mit 36 Gigabyte keine Seltenheit sein werden. Was wiederum für gut 700 Stunden Musik in CD-Qualität ausreicht.

Personalisierungs- und Empfehlungssysteme

Amazon und andere Web-Shops weisen mich darauf hin, dass "Kunden, die dieses gekauft haben, sich auch für jenes interessiert haben". Diese Kaufberatung auf Basis von Collaborative Filtering ist ganz nett, hat aber ihre Schwächen. Der Kauf einer GZSZ-DVD für meine Nichte führt zu für mich völlig irrelevanten Empfehlungen – und das für eine lange Zeit.

Unbekannte Musik hat somit keine Chance, in das Empfehlungsraster zu geraten, solange sie nicht von einer gewissen Mindestmenge an Personen gekauft wurde – mithin also doch nicht mehr ganz unbekannt ist. Insbesondere für Musik gibt es bereits einige interessante Empfehlungs- und Personalisierungstools, die diese Schwächen umgehen. Sie berücksichtigen nicht nur das Kundenverhalten sondern auch die Eigenschaften der Artikel und deren Nähe zueinander, analysieren also Ähnlichkeitsmuster.

Tina Rodriguez: "Geräteübergreifendes Entertainment-Ökosystem"

Tina Rodriguez: "Geräteübergreifendes Entertainment-Ökosystem"

So kann sich der Kunde anhand verschiedener Kriterien - wie Genre, Künstler, Stimmung - Musik zusammenstellen lassen, die ihm gefällt, ohne ein Experte sein zu müssen. Services wie Pandora.com in USA oder Radio DJ von Vodafone stellen bereits heute solche Angebote dar, letzterer sogar für das Handy und den PC.

Web 2.0 im konvergenten Umfeld

Communities erfahren seit geraumer Zeit eine große Renaissance im Web – mit Portalen wie MySpace entstehen riesige soziale Plattformen, auf denen Nutzer sich im Wesentlichen selbst darstellen. Laut eigenen Angaben hat beispielsweise MySpace.com bereits über 100 Millionen Mitglieder.

Denn der Konsument ist gar nicht so faul, wie man oft hört. Er braucht nur das richtige Publikum, dann klappt's auch mit der Nutzung – und Darstellung - von personalisierten Inhalten. Auch viele unbekannte Musiker nutzen diese Netzwerke, um entdeckt zu werden. In Kombination mit "intelligenten" Empfehlungstools wie den oben beschriebenen ergibt das ganz neue Möglichkeiten, Musik auch jenseits von Massenwerbung und Radiosendern zu entdecken.

Und nachdem Murdochs News Corp in 2005 MySpace und jüngst auch Jamba gekauft hat, ist "MySpace Mobile" in aller Munde. Warum auch nicht, verschmelzen doch WAP und Web, Internet-Angebote für den PC und das Handy, immer mehr. Die Musikangebote von Vodafone und O2 sind heute schon parallel für PC und Handy verfügbar – mit persönlichen Einstellungen, Kaufhistorie etc.

Und insbesondere die Musik selbst kann sowohl auf das Handy als auch auf den PC gespielt werden. Der nächste Schritt, das medien- und geräteübergreifende Entertainment-Ökosystem - einfach zu bedienen und zuhause, im Auto oder unterwegs nutzbar - ist auch nicht mehr weit entfernt: mit der Verbindung von existierenden Technologien zu einer neuen. Oder besser: einer umfassenderen Nutzbarkeit von Medieninhalten.

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