Von Frank Patalong
So "wiegen" eineinhalb Stunden Video aus dem Web in medientypisch geringer Auflösung meist um 700 MB. So etwas bieten etwa Web-Videotheken als Leih-Download ab zwei Euro an. Ruft man das aber mobil auf, kämen beim oben erwähnten KB-Tarif noch einmal über 6000 Euro an den Mobilfunkanbieter hinzu.
In der Praxis kommt es zum Glück meist nicht dazu: Das Abrechnungsmodell ist eher typisch für Prepaid-Angebote, was den Filmdownload dadurch verhindert, dass das Konto binnen Sekunden auf Null gesaugt würde - mehr als 10 bis 50 Euro verliert man hier in der Regel also nicht. Schlimm genug.
Trotzdem: Sieht man sich die Vielfalt der Preismodelle an, fällt es schwer, an einen Zufall zu glauben. Dass man für bescheidene 200 MB Datensurfen in Deutschland alles zwischen 9,90 und 1832,90 Euro bezahlen kann, verbergen die Firmen wohl vor allem in Bezug auf die Preis-Oberkante ganz gern. Wozu überhaupt Tarife angeboten werden, bei denen solche Kosten auch nur theoretisch auflaufen können, ist kaum nachvollziehbar.
Überfällig: Die EU verpasst den Mobilfunkern eine Anstandsgrenze
Wohl aber, was dabei herauskommt: Mobiler Datenverkehr ist inzwischen eine der größten und schnellstwachsenden Cash-Cows auf dem ansonsten weitgehend gesättigten Mobilfunkmarkt. Fast durchweg meldeten die Firmen Anfang des Jahres sinkende Erlöse. Wenn ein Unternehmen brummt, dann meist aufgrund einer guten Positionierung beim mobilen Internet.
So meldete das britische Unternehmen Vodafone soeben die Verdreifachung seiner Profite im Vergleich zum Vorjahr auf nun 10,1 Milliarden Euro nach Steuern. Mobiles Internet ist dabei der größte Wachstumsfaktor, steht inzwischen zusammen mit Breitbanddiensten für 33 Prozent des Gesamtumsatzes. Und das bei einem Unternehmen, das hier durchaus nicht als Preistreiber auffällt, sondern offenbar auch an günstigen Angeboten ganz ordentlich verdient - an ungünstigen verdienen die Firmen in der Regel ja wohl nur einmal.
Denn meist geht es ja, wie bei Student Peter L., um eine Ausnahmesituation, in der die Preis-Tretminen überhaupt erst auffallen: Umzüge, seltene Geschäftsreisen, Urlaube. Dann aber kann die Post so gehörig abgehen, dass es die Betroffenen mitunter sogar in die Medien schaffen - mit fünfstelligen Surfrechnungen für wenige Stunden Internetnutzung.
So findet der Tarifrechner des Handy-Webzines TelTarif für ein Surfvolumen von 700 MB (die Datenmenge eines Films in geringer Auflösung) Preise von 9,90 Euro bis 15.858,54 Euro. Der Tarifrechner von SPIEGEL ONLINE kappt die Extreme, wählt nur aus rund 300 Datentarifen aus - und kommt mit der Vorgabe 700 MB/Monat doch auf ein Preisgefälle von 0 Euro (kein Scherz) bis 6300 Euro (leider auch kein Scherz).

Dieses Bild hat ziemlich genau 100 KB "Datengewicht". Im teuersten von TelTarif gefundenen Tarif würde Sie das bloße Ansehen dieses Bildes 2,21 Euro kosten
Einigermaßen sicher vor solchen Preisbomben sind deutsche Mobilsurfer ab 1. Juli zumindest dann, wenn sie jenseits der Grenzen, aber innerhalb der EU unterwegs sind. Nachdem im vergangenen Jahr ein in Frankreich weilender Deutscher für 13 Stunden Mobilsurfen eine Rechnung von 46.000 Euro kassiert hatte - einer der spektakulärsten Fälle - hatte sich endlich die EU-Kommission zu einer Reaktion durchgerungen. Ab diesem Sommer müssen zumindest beim Daten-Roaming spätestens nach 50 Euro Datenverkehr die Leitungen zwangsgekappt werden - außer der Kunde signalisiert anderes. Im Inland darf dagegen weiter fröhlich kassiert werden.
Kein Wunder, dass die Akzeptanz für mobiles Internet hierzulande ein wenig hinterherhinkt. Das Misstrauen sitzt tief: Rund 60 Prozent, fand das Unternehmen "The Phone House" in einer aktuellen Umfrage heraus, haben Angst vor Kostenfallen. Immerhin hat die EU-Kommission das Thema inzwischen auf der Agenda und will die Datentarife generell prüfen. Dass die perfidesten Preismodelle mittelfristig verschwinden und das generelle Preisniveau sinken wird, dürfte aber noch eine andere Entwicklung gewährleisten: Der einsetzende Boom neuer Mobilsurfgeräte nach dem Muster iPad.
Fazit: Der Mobilfunkmarkt bietet seinen Kunden jede Menge Zuckerbrot und Peitsche. Wer sich gut informiert, surft im Inland auch mobil mit vernünftigen Preisen. Wer sich nicht informiert, den lassen viele Anbieter blind in die Kostenfalle rennen. Reklamationen, lernt auch Student Peter L. gerade, verpuffen zunächst meist völlig. Dass ihre Kunden das Abkassieren als Skandal empfinden, scheint die Mobilfunkfirmen kaum zu berühren.
Peter L. wurde inzwischen angeboten, für die Zukunft doch eine Datenoption zu buchen, eine Verrechnung der 700-Euro-Horrorrechnung wurde abgelehnt. Kulanz sieht anders aus.
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