Moderner Fetisch: Püppchen Pod und Baby Shuffle

Von Antonia Götsch

Fuchsschwänze waren gestern, der Fetisch der Netzgeneration ist der iPod. Inzwischen treibt der Kult um das weiße Kästchen bizarre Blüten: Fans des Players verschönern das Ding mit selbst gestrickten Täschchen, persönlicher Gravur - oder bauen es in ihre Schlafsack-Entspannungsmützen ein.

Als Kind hat Sophie Dadas ihren Puppen Kleider genäht. Der kleine Nicolas hat mit seinem Kosmos-Kasten Schaltkreise gebaut. Heute sind die beiden Mitte Zwanzig und spielen mit ihren iPods. Nein - ihre anderen technischen Geräte behandle sie ganz nüchtern wie Gebrauchsgegenstände, betont Dadas. Aber der iPod ist eben der iPod. "Und gerade wenn er neu ist, ist er so schön." Vorn makellos weiß und in der silbernen Rückseite kann man sich spiegeln. "Ich wollte keine Kratzer und so habe ich meine erste Tasche genäht, mit Tigermuster."



320 Euro hat sie für ihren ersten Player bezahlt, in Raten über ein ganzes Jahr. "Da kann man schon eine besondere Liebe zu einem Gegenstand entwickeln", sagt die 24-Jährige. "Außerdem ist das halt mein iPod mit meiner Musik drauf und damit ist er schon etwas ganz Persönliches."

"Fetisch der Netzwerkkinder"

"Der iPod ist der Fetisch der Netzwerkkinder", erklärt der Leiter der Zukunftsakademie, Andreas Steinle. Apple habe bei der Vermarktung nach dem Prinzip verfahren: "Kreiere dein eigenes Wunschkonzert, kreiere deine Umwelt - die ganze Philosophie dieses Musikplayers steht für den Siegeszug des Individuums." So sei es kein Wunder, dass die Netzwerkkinder die Individualisierung noch weiter trieben.

Statt Kosmos-Schaltkreise baut Nicolas Oestreich heute Akkus und Ladestationen für seinen Player. "Je mehr Leute einen iPod haben, desto stärker will man sich abgrenzen", sagt der 25-jährige Informatikstudent, der mit seinem Kollegen Christian Hieber Deutschlands größte Seite rund um den iPod betreibt, iwww.iPodfun.de. Die Zeiten, in denen sich Träger weißer Kopfhörer als Mitglieder einer verschworenen Gemeinde erkannten und auf der Straße grüßten, seien vorbei.

"Und wenn man schon soviel Geld ausgegeben hat, dann denkt man ja auch, Musikhören, das kann doch jetzt nicht alles gewesen sein." Auch im iPodfun-Forum posten die User Bilder mit allen möglichen Gimmicks. Halsketten für den Shuffle, iPod-Bettwäsche, iPod-Liegestühle.

Auch bei der Verpackung lassen sich echte Pod-Freaks noch viel mehr einfallen als Täschchen: einen iPod, der in einen alten Geigerzähler eingebaut ist oder einen alten Walkman, der als stoßsicheres Hardcase dient. "Viele Spielereien drehen sich auch um Technik, schließlich sind über 90 Prozent unserer Nutzer männlich", erklärt Oestreich. "Es gibt so praktische Ideen wie Lautsprecherboxen, aber auch einen Motorradhelm mit iPod und angeschlossenem Megaphon - vielleicht für die kleine Party im Stau."

iPod statt Fuchsschwanz

Mit seiner Podomanie hat Oestreich den ganzen Freundeskreis angesteckt. Auch Freundin Sophie Dadas ist erst durch ihn darauf gekommen, einen iPod zu kaufen und den "Lullaby" zu entwickeln, eine pinke Entspannungshaube, mit der sie sich für ihr Designstudium bewarb. Der "Lullaby" sieht aus wie ein abgeschnittener Schlafsack, ist aus dem selben glänzenden Material. Wer unter die Kappe taucht "soll so richtig abschalten", mit Düften aus dem eingenähten Aromakissen, der zartblauen Farbe der Innenwände und - natürlich - Musik aus dem Apple-Player. "Auch wenn ich viel für unsere iPods bastele, irgendwelche Spiele oder Hacks lade ich mir nicht herunter", sagt Dadas. "Eigentlich benutze ich ihn nur zum Musikhören oder zum Dateitransport."

Seine Bekannte Bettina Wolf hat Oestreich zum Geburtstag eine selbst geschmiedete Hülle für seinen Nano geschenkt. Für ihr eigenes Mini-Modell hat sich die Goldschmiedin bereits fünf Taschen genäht und gestrickt. Weil er einfach "so süß ist". "Ich behandle ihn besser als meine Puppen früher". Auf der Rückseite des grünen iPods haben vier Freunde eine Gravur einprägen lassen: "4 lieben dich".

Der Wunsch nach persönlich gestalteten Konsumwaren ist nicht neu. Der Aufkleber am Wagenheck macht "ein Auto" zu "meinem Auto". Und was dem Manta-Fahrer einst sein Fuchsschwanz war, ist der Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, ihr iPod.

"Je stärker die Objekte sichtbar sind, desto eher geht der Trend zur individuellen Gestaltung", sagt der Trendforscher Steinle. Auch Mobiltelefone seien für die seit den 80er Jahren Geborenen typische Fetischobjekte, die mit goldenen Kettchen, Stickern und Klingeltönen aufgemotzt würden.

"Der Trend zur Personalisierung hat sich mit der Individualisierung der Gesellschaft weiter verstärkt", sagt Steinle. Wir wollen uns selbst erfahren, wir wollen den anderen zeigen, wer wir sind: "Kreativ, ästhetisch und am Puls der Zeit."

"Wenn die iPods noch kleiner werden, könnte man sie sogar in Schmuckstücke integrieren, dann würde ich eine ganze Kollektion entwerfen" schwärmt Goldschmiedin Wolf. "Nein", sagt Oestreich und lacht. "Als nächstes kommt der wasserfeste Bikini-Pod - wenn Apple nicht damit rauskommt, bau ich ihn selbst."

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