Möllemanns Schatten Stachel im Fleisch der FDP

Jürgen Möllemann beging aller Wahrscheinlichkeit nach Selbstmord. Über das Web organisieren seine Anhänger nun Aktionen gegen die FDP-Spitze, die sie für den Freitod verantwortlich machen. Seine ehemalige Partei ist verunsichert.

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Inoffizielle Möllemann-Kondolenzseite: Pranger der Partei

Inoffizielle Möllemann-Kondolenzseite: Pranger der Partei

Auf den Web-Seiten der FDP hält sich eine Meldung ungewöhnlich lang, die den Gesetzen der Aktualität folgend normalerweise längst in die Archive gerutscht wäre: die vom Tod Jürgen Möllemanns. Demonstrativ bekundet die liberale Partei ihre Trauer und ihr Mitgefühl für die Hinterbliebenen.

Denn jene, die Möllemann trotz aller Skandale und nun öffentlich werdenden Verwicklungen folgen, sehen die FDP-Spitze in der Schuld. Anfang der Woche düpierte Möllemanns Witwe Carola Möllemann-Appelhoff den Parteivorsitzenden Guido Westerwelle, indem sie ihn durch den zum Sprecher der Familie beförderten Möllemann-Partner Uwe Tönningsen öffentlich von der Beerdigung ausladen ließ. Erwartet würden da, hieß es, enge Freunde - und zu diesem Kreise zählt der langjährige Parteifreund Westerwelle nicht mehr.

Der könnte sich am heutigen Donnerstag mit der Teilnahme an einer Möllemann-Mahnwache trösten, doch das wird er wohl kaum tun: Die findet unbedingt vor der Parteizentrale der FDP in Berlin statt und soll, so Marc Buchberger, einer der Organisatoren, auch "eine Demonstration" sein.

Für was? Gegen wen?

Der Subtext ist klar, und obwohl niemand das böse Wort öffentlich ausspricht, müsste man blind sein, ihn nicht lesen zu können: Es geht gegen die FDP, gegen ihren "inhumanen Umgang mit Jürgen W. Möllemann" (Buchberger), und es geht um den Schuldanteil an seinem Tod, den man der Partei und ihrem Vorsitzenden vorwirft.

Ganz offen geschieht das seit Tagen im Forum der Bundespartei, die zwar schon die heftigsten Diskussionen zensierend "entschärfte", die Schließung des Forums aber nicht wagt. Auch FDP-Mitglieder äußern sich da äußerst bitter, wenngleich längst nicht alle Diskutanten aus dem Parteilager kommen. Möllemann bleibt, was er im letzten Jahr seines Lebens war: ein Stachel im Fleisch der Partei.

Der schmerzt nun vielleicht mehr als vor Möllemanns Tod. Alle Nachrichten über seine Verstrickungen in Waffengeschäfte perlen fast ohne Effekt ab: Für seine Anhänger ist das alles denkbar und auch als Mit-Auslöser für Möllemanns mutmaßlichen Freitod.

Aber eben nicht als der Einzige: Sinnbildlich scheint seinen Fans das Bild von seinem so isoliert stehenden Sessel im Bundestag, "durch die Blumen darauf noch mehr", wie eine Möllemann-Anhängerin im FDP-Forum schrieb. Die FDP habe ihn isoliert, stigmatisiert, sich undankbar für seine Verdienste gezeigt. Jetzt, nach seinem Tod, entstehen wahre Möllemann-Fanseiten im Internet.

Wie die von Dominik Laube, der für Möllemann eine Gedenkseite ins Internet stellte. Klar, dass - neben Möllemanns eigener, offizieller Seite - auch Laube den Aufruf zur Mahnwache vor der FDP-Zentrale stützt. Denn auf der "Wir werden Dich nie vergessen!" überschriebenen Seite steht zu lesen, wie der Tod Möllemanns zu sehen sei:

    "Wir haben das Polit-Mobbing gegen Jürgen Möllemann die ganze Zeit mit Entsetzen verfolgt, wie die eigenen Parteigefährten, die sich bisweilen schulterklopfend 'Freunde' nannten, unter schwerster Verletzung von Grundrechten, allem voran der Menschenwürde, einen von Jugend an engagierten Streiter für eine bürgernahe Realisierung unserer Verfassung mit falschen Verdächtigungen und Anschuldigungen öffentlich unter Einschaltung aller Medieneinflußmöglichkeiten herabwürdigt, um ihn anschließend unter dem Beifall von parteilichen Mitläufern auszugrenzen, zu isolieren und ihn kaltzustellen."

Unterzeichnet ist der umfängliche Text, der unter anderem auch ausführlich auf die Frage eingeht, dass es nicht prinzipiell falsch sein könne, "die Politik Scharons als falsch" zu "beziehen"(sic!), mit "EUROPEAN ANTIMOBBING ASSOCIATION".

Jürgen Möllemann hat es offenbar im letzten Jahr seines Lebens vom Macher und Tatmensch zum Opfer gebracht.

"Der letzte Politiker, der sich noch traute, seine Meinung zu sagen", sei nun tot, steht da im Kondolenzbuch der Möllemann-Gedenkseite. Das beschränkt sich zumindest wirklich auf Kondolenz.

Möllemann-Kritiker

Jenseits des Atlantiks sieht das schon anders aus. Dort entstand im letzten Monat eine Website, die sich "The Moellemann-File" nennt. Ihr Thema ist nun auch Möllemanns Tod, doch von Interesse war er auch schon vorher - wenn auch eigentlich nur ein Aspekt seiner langen Karriere: der Streit um das als antisemitisch beklagte FDP-Flugblatt und der folgende Streit mit Michel Friedman.

Stefan Sharkansky, Betreiber der Website, versteht sich als Beobachter eines Politikers, der seiner Meinung nach beobachtungswürdig war. Seinen amerikanischen Lesern erklärt er Möllemann als einen deutschen Politiker, der "die

israelische Frage zu seinem eigenen wirtschaftlichen und politischen Vorteil" ausschlachtete. Einerseits, weil er "seinen Lebensunterhalt mit Exportgeschäften (inklusive Waffen-Deals) mit Libyen, Saudi-Arabien und anderen arabischen Staaten" verdient habe, andererseits, weil er den "symbolischen Wert Israels" genutzt habe, um Anhänger zu gewinnen.

Das alles steht in seinem Editorial zur Website - aber wer liest schon Editorials?

Sharkanskys skeptische bis kritische Möllemann-Seite erntet natürlich auch Post - und 95 Prozent der Schreiber scheinen da etwas zu verwechseln: Sie schreiben Möllemann direkt an - und toben sich zum Teil richtiggehend aus. Als Antisemit sieht sich natürlich keiner der Schreiber. Doch das Argumentationsmuster ist bekannt: Dass endlich einmal jemand den Israelis und Juden die Meinung sage, dafür sei es höchste Zeit. Wörtlich heißt es in einem Beitrag: "Ich finde es mehr als überfällig, dass sich endlich einmal ein deutscher Politiker zum Verhalten der Juden und insbesondere der Juden, oder Ihrer Vertreter in Deutschland äussert und damit ausspricht was die meisten deutschen Bürger schon längst denken und sich auch von Ihren Volksvertretern wünschen."

Es geht weiter: Friedman, ein "Täter"

Ursache und Wirkung, Sinn und Verstand scheinen da manchem abhanden zu kommen. "Friedmans Schnupfen" ist eine lebendige Diskussion im FDP-Forum und garantiert nicht ohne Schadenfreude. Härter noch geht es zur Sache, wenn ein Diskutant folgende Frage stellt: "Anläßlich der Funde von Rauschgift-Päckchen bei Friedman stellt sich die Frage, ob Möllemann dem Betreiben eines Drogenkonsumenten zum Opfer gefallen ist."

Möllemann, Opfer. Friedman, Täter. Als ob der Zentralrat der Juden Möllemanns Flugblatt in Umlauf gebracht hätte. Als ob Möllemann von allen Seiten nur unrechtmäßig attackiert worden sei, weil er "die Wahrheit" gesagt habe. Möllemann, Märtyrer.

Möllemanns Schatten wirkt fort, härter und schärfer umrissen als zu Lebzeiten. Längst reduziert auf den Konflikt mit Friedman und der FDP keimt da was, das Möllemann selbst angedacht hatte und dann doch nicht wagte: Strukturen einer "Rechts-FDP" neben der FDP.

Begonnen hatte die schon mit dem demonstrativen Austritt von NRW-Parteifreunden, als Möllemann seinem Rausschmiss zuvorkam. Schon waren Gründungstreffen für eine andere Partei am Niederrhein geplant - auch, wenn Möllemann selbst da nicht mitmachen wollte. Ob all das fortwirkt, wird wohl auch Sharkansky aus den USA beobachten. Es hängt davon ab, wie viele wie laut vor der FDP-Zentrale demonstrieren. Davon, ob es den Anhängern gelingt, ihren vor allem im Web vorgebrachten Frust in eine Organisationsstruktur zu überführen. Bis dahin wühlt der Möllemann-Stachel im Fleisch der FDP, mitten in ihrem Webseiten-Forum, das die Partei gar nicht zensieren kann und darf, weil jeder zensierende Akt die Kritiker nur noch bestätigt. Zumindest zurzeit sitzt die FDP in der Falle - und steht am Pranger, den sie selbst aufgestellt hat.



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