Mohammed-Karikaturen "France Soir" offline, "Hagalil" gehackt

Die Website der französischen Zeitung "France Soir" ist nicht mehr erreichbar. Das Blatt hatte am Donnerstag die umstrittenen Mohammed-Karikaturen gedruckt, will sich dafür aber nicht entschuldigen. Noch ist unklar, ob die Seite von Hackern abgeschossen wurde.


Wer die Homepage des französischen Boulevardblatts "France Soir" ansteuert, bekommt nur eine Fehlermeldung. Die Zeitung hatte die umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht, der Chefredakteur musste deshalb seinem Hut nehmen.

Möglicherweise steht hinter dem Ausfall der Seite ein Hackerangriff. Ein Techniker von "France Soir" sagte Donnerstagabend der Nachrichtenagentur Apa: "Das ist aber ziemlich anormal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich um ein technisches Problem handelt. Wahrscheinlich haben Piraten unsere Seite gelöscht."

Die Redaktion von "FranceSoir" will sich nicht für die Veröffentlichung der Karikaturen entschuldigen. "Wiederholen wir es noch und noch, dass es in dieser Debatte nicht darum geht, den Islam oder die Muslime zu stigmatisieren. Hier geht es nicht um Religion, sondern um Intoleranz", heißt es in der Ausgabe vom heutigen Freitag.

"'France Soir' hat das Gefühl, seine Aufgabe erfüllt zu haben, indem es die Debatte um die Karikaturen in die französische Öffentlichkeit getragen hat. Die dadurch ausgelöste Schockwelle zeigt uns, wie richtig es war, die Sturmglocke zu läuten."

Hagalil gehackt

Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen könnte auch ein anderer Vorfall stehen: "Nach einem Hackerangriff wurden Donnerstag früh alle Daten vom Server gelöscht", heißt es auf der Homepage des Internetportals "Hagalil". "Hagalil" ist ein deutsches Internetportal zu jüdischen Themen, Nahostpolitik, der Bekämpfung von Antisemitismus und Rechtsextremismus. Neben der Homepage von Hagalil seien noch weitere Internetseiten mit Israelinformationen sowie eine Seite, auf der Bürger rechtsextremistische Vorfälle melden können, gelöscht worden.

Der Betreiber der Seite "Hagalil", David Gall, sagte zu SPIEGEL ONLINE, er vermute, dass die Seite aus politischen Gründen gehackt wurde. "Die Spur führt nach Katar". Gall kann sich aber auch vorstellen, dass jemand aus Deutschland hinter dem Hacker-Angriff steht - "vielleicht ist das aber eine Kooperation mit Leuten aus Katar." "Hagalil" habe zunächst Anzeige gegen unbekannt erstattet.

Mittlerweile hätten die Betreiber von Hagalil auch herausgefunden, wie die Seite geknackt wurde. "Ich will allerdings keine weiteren Informationen darüber geben, es wäre wie eine Anleitung für Nachahmer", sagte Gall zu SPIEGEL ONLINE.

Seiten westlicher Medien gesperrt?

Ein Großteil der Inhalte von "Hagalil" sei aber archiviert worden, so dass weniger verloren gegangen ist als in den ersten Stunden befürchtet wurde. "Ob wir die Seite aber überhaupt wieder hochfahren, weiß ich noch nicht. Unsere Seite ist platt gemacht worden, vielleicht belassen wir es dabei."

In den letzten Stunden gab es einige Hinweise darauf, dass der Zugang zu westeuropäischen Nachrichtenseiten von manchen muslimischen Staaten aus zurzeit nur eingeschränkt oder gar nicht möglich ist. Die marokkanische Botschaft wollte das auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE aber weder bestätigen noch dementieren: "Die Person, die etwas dazu sagen könnte, kommt erst am Donnerstag wieder."

Vertreter deutscher Unternehmen wie das Auswärtige Amt können das Gerücht dagegen widerlegen: Von einer systematischen Sperrung von zentraler Stelle könne wohl keine Rede sein. Alles laufe, "wenn auch langsam", hieß es bei einem Reiseveranstalter. Dem Außenministerium liegen derzeit keine Erkenntnisse über Sperrverfügungen gegen deutsche Medien in der muslimischen Welt vor.

Die Sperrung oder teilweise Zensur westlicher Nachrichtenangebote ist in muslimischen Staaten allerdings nichts Ungewöhnliches. Viele prominente Nachrichtenseiten sind in zahlreichen Staaten nur zeitweilig zugänglich. Aktuell blockiert Iran seit dem 24. Januar die persischen Webseiten der BBC, ohne dies weiter zu begründen.

Dafür, dass westliche Nachrichtenangebote derzeit in einem höheren Maße zensiert würden als normalerweise, gibt es aber keine Indizien. So sind zwar von Saudi Arabien aus die Internetausgaben von "Playboy" oder "Stern" nicht erreichbar. Sehr wohl aber die sämtlicher Zeitungen, in denen in den letzten Tagen die kritisierten Karikaturen abgebildet waren - inklusive "France Soir", und das gelingt von Deutschland aus zurzeit nicht.

anr, hda, , pat, dpa



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