Von Michael J. Hußmann

Die Kirche St. Vincenz: Glanz und Gloria in hoher Auflösung
Mit digitalen Mittelformat-Kameras wie der Hasselblad H5D-200MS könnte man Bilder mit 200 Megapixeln aufnehmen - so eine Kamera kostet allerdings knapp 40.000 Euro. Stattdessen wollen wir mit einer recht erschwinglichen Vollformat-Spiegelreflex noch höhere Auflösungen erreichen. Und zwar mit der aus der Panoramafotografie vertrauten Multi-Row-Technik. Dabei wird ein Bild aus mehreren Reihen einander überlappender Einzelbilder zusammengesetzt.
Diese Aufnahmetechnik dient eigentlich dazu, große Bildwinkel bis zu einem 360-Grad-Rundumblick abzubilden. Dazu verwendet man Weitwinkelobjektive mit großem Bildwinkel. Dieser wird durch die Montage mehrerer Bilder noch erweitert. Man kann aber auch ganz im Gegenteil mit Objektiven langer Brennweite und entsprechend kleinem Bildwinkel fotografieren, um das Gesamtbild aus möglichst vielen Einzelbildern zusammensetzen zu können. Es geht dann nicht so sehr darum, besonders große Winkel zu erfassen, sondern um eine möglichst hohe Auflösung. Mit marktüblichen DSLRs kann man so Auflösungen von Hunderten oder Tausenden von Megapixeln erreichen. Diese Technik wollen wir in der Praxis erproben.
So entsteht eine Gigapixel-Aufnahme mit Vollformat-Technik - der Werkstattbericht Schritt für Schritt.
1. Die Ausrüstung - Kamera, Montierung, Steuereinheit

Ausrichtung der Kamera auf den parallaxfreien Drehpunkt: Das geschieht nach Augenschein
Unsere Anforderungen sind vergleichsweise konservativ, denn die Bilder, die wir aufnehmen wollten, sollen sich noch in der Fläche darstellen lassen. Die MK PanoMachine besteht einmal aus der Montierung selbst, die mit einer Winkelschiene und einem drehbar daran befestigten Einstellschlitten die korrekte Ausrichtung der Kamera erlaubt. Die zweite Komponente ist eine motorisierte Panoramaplatte, mit der Kamera und Montierung um die senkrechte Achse geschwenkt werden. Das Kernstück der PanoMachine ist die programmierbare Steuereinheit, von der die Motoren kontrolliert werden und die Kamera per Kabel ausgelöst wird.
Als Kamera dient uns eine Canon EOS 5D Mark II, deren Kleinbildsensor 21 Megapixel auflöst. Als Objektive haben wir zwei Festbrennweiten mit 50 und 135 mm sowie ein Telezoom mit 70-300 mm mitgebracht. Einerseits streben wir nach einer hohen Gesamtauflösung, was für eine möglichst lange Brennweite gesprochen hätte. Aber da wir mit Gigapixel-Panoramen bisher unerfahren sind, wollen wir es nicht übertreiben. Die Anforderungen an eine ausreichende Schärfentiefe legen ebenfalls eine nicht ganz so lange Brennweite nahe. So wählen wir das Telezoom und 200 mm.
2. Aufbau - den richtigen Drehpunkt finden

Aufbau: Vier Tasten genügen, um die Steuereinheit der MK PanoMachine zu programmieren
Dann schaue ich vorne in das Objektiv und drücke die Abblendtaste, damit ich die Blende besser erkennen kann. Wie weit sie von der Frontlinse entfernt ist, bestimme ich nach Augenschein, und verschiebe dann Kamera und Objektiv nach hinten, bis die Blende über der Drehachse liegt.
Motive im Nahbereich hätten vielleicht eine präzisere Ausrichtung erfordert, aber für unseren Einsatzzweck würde, so denke ich mir, diese hemdsärmelige Methode ausreichen. Diese Einschätzung bestätigt sich im Nachhinein. Mit einem mitgelieferten Kabel verbinde ich nun noch die Steuereinheit mit der N3-Fernsteuerbuchse der Kamera, so dass diese automatisch ausgelöst werden kann.
3. Rechnen und einstellen - wie viele Aufnahmen pro Reihe?

Detailausschnitt aus dem 250-Megapixel-Bild: 45 Einzelfotos in neun Reihen
Das erste Motiv sollt die barocke Jonas-Weigel-Orgel von 1647 sein, die wir mit einem Teil des Kirchenschiffs abbilden wollen. Unsere Ausrüstung bauen wir zwischen Taufbecken und Altar auf. In der Waagerechten wollen wir einen Winkel von rund 50 Grad erfassen, wozu bei 4,6 Grad pro Bild rund 11 Aufnahmen ausreichen würden. Mit diesen Werten können wir bereits die Steuereinheit der PanoMachine programmieren, denn um die vertikale Steuerung müssen wir uns ja ohnehin selbst kümmern. Die wesentlichen einzustellenden Parameter sind der horizontale Schwenkwinkel und die Zahl der Aufnahmen pro Reihe. Um welchen Winkel dann von Bild zu Bild geschwenkt wird, rechnet die Steuereinheit selbst aus.

St. Vincenz in Schöningen: Hier von einem Standpunkt unter der Orgel-Empore gesehen
4. Blende und Verschlusszeit wählen

Ausschnitt: Die Aufnahme (500 Megapixel) ist aus 136 Fotos zusammengesetzt
Unsere Lichtquellen sind neben einem trüben, von links einfallenden Tageslicht das künstliche Licht zweier Reihen von Hängelampen. Das reicht zwar aus, damit die Gemeinde den Text im Gesangbuch lesen kann, für fotografische Zwecke ist diese Beleuchtung aber nicht ideal. Die Belichtungsmessung der Kamera schlägt eine Verschlusszeit von 30 Sekunden vor. Der würde sich noch eine ebenso lange Dunkelfeldaufnahme zur Eliminierung von Hotpixeln anschließen. Eine ganze Minute pro Bild kommt aber schon aus Zeitgründen nicht in Frage. Wir setzen stattdessen den ISO-Wert auf 400 und ermitteln mit Probeaufnahmen eine optimale Belichtungszeit von sechs Sekunden, mit der wir zwischen den Anforderungen der hellsten und dunkelsten Teile der Szene vermitteln.
An diese Belichtungszeit passen wir auch die Programmierung der PanoMachine an, damit sie nach jeweils acht Sekunden zur nächsten Aufnahmeposition schwenkt. Auch die Wartezeit zwischen dem Erreichen der Aufnahmeposition und dem Auslösen der Kamera ist einstellbar; so können wir mit einer Pause von einer Sekunde sicherstellen, dass etwaige Schwingungen der Kamera abgeklungen sein werden, wenn die Belichtung beginnt.
5. Aufnahme
Nun wird es ernst. Als Startposition der PanoMachine kann man die linke, rechte oder mittlere Position programmieren, und die Mitte ist durchweg die sinnvollste Wahl. Ich richte also die Kamera auf die Mittelachse des Kirchenschiffs aus und drücke auf den Startknopf. Die PanoMachine schwenkt um die Hälfte des Gesamtschwenkwinkels von 50 Grad nach links und beginnt die Aufnahmeserie, die nach elf Bildern oder 88 Sekunden endet. Danach gibt sie mir gut 20 Sekunden Zeit, die Kamera um 7,5 Grad (also anderthalb Einheiten der vertikalen Skala) nach oben zu schwenken und wieder den Startknopf zu drücken. Nach sechs auf diese Weise aufgenommenen Reihen entscheiden wir, dass es genug ist, und ich drücke auf "Stopp".
6. Weitere Motive, andere Winkel

Photomerge: Die Photoshop-Funktion schafft keine befriedigende Projektion
In noch einer weiteren Hinsicht unterscheidet sich diese zweite Aufnahmesituation von der ersten: Neben dem Innenraum sind auch die helleren Fenster im Bildfeld, so dass ein höherer Kontrast zu bewältigen ist. Solche Fälle erfordern oft eine Belichtungsreihe, da der Dynamikumfang einer einzigen Belichtung nicht ausreicht, aber hier kamen uns die Tageszeit und der Sonnenstand zu Hilfe: Am frühen Nachmittag kommt das Licht aus Südwesten und damit von hinten rechts, während die Richtung Osten gelegenen Fenster hinter dem Altar nicht so hell sind, dass wir Überstrahlungen befürchten müssen.
Am Nachmittag fotografieren wir in Hötensleben in der Sankt-Bartholomäus-Kirche. Trotz der beengten Verhältnisse versuchen wir, den gesamten Chorraum abzubilden. Dazu setzen wir ein 135-mm- Objektiv ein, das pro Aufnahme 6,7 Grad in der Breite und 10 Grad in der Höhe abbildet. Mit acht Reihen von je 17 Aufnahmen sollte dieses unser größtes Multi-Row-Bild werden. Dafür geht es nun schneller, vor allem wegen der besseren Lichtverhältnisse, sodass wir nur noch 1,3 Sekunden belichten müssen.
7. Stitching - die Einzelaufnahmen vernähen
Von unserem Einsatz in Schöningen und Hötensleben bringen wir einige Gigabyte an Raw-Daten mit, die noch zu sichten, zu sortieren und zu Gesamtbildern unserer Motive zu verrechnen sind. Photoshop bietet die Funktion "Automatisieren > Photomerge" an, um Einzelbilder eines Panoramas miteinander zu verschmelzen, und zunächst versuchten wir es damit. Photomerge kann zwar einzelne Reihen oder Spalten von Bildern passend zuordnen und zu einer Gesamtansicht überblenden, benötigt aber viel Rechenzeit und legt den Computer währenddessen weitgehend lahm. Der Versuch, alle Bilder eines Motivs von Photomerge überblenden zu lassen, führt zu einer stark verzerrten Ansicht, die aufwendige perspektivische Korrekturen erfordert hätte.
Als Alternative bietet sich PTGui an, eine Panorama- Software, mit der ich schon früher Erfahrungen gesammelt hatte. PTGui arbeitet im Gegensatz zu Photomerge nicht vollautomatisch, aber die manuellen Eingriffsmöglichkeiten führen letztlich dazu, dass man schneller zum Ziel kommt. Die Software kann selbsttätig versuchen, das Puzzle der Einzelbilder zusammensetzen, was aber nicht bei allen unseren Panoramen im ersten Versuch gelingt. In solchen Fällen kann man in nicht zugeordneten Paaren überlappender Bilder Details markieren, die in beiden Bildern auftauchen.
Da wir die Einzelbilder in einem bestimmten Muster aufgenommen haben, ist solche Handarbeit unnötig: Mit der Align-to-Grid-Funktion brauche ich nur zu spezifizieren, in welcher Reihenfolge wir die Bilder aufgenommen haben, damit die Software einen Anhaltspunkt hat, wo nach Übereinstimmungen zu suchen war. Nach wenigen Minuten sind die Bilder selbst unseres komplexesten Panoramas überlappend angeordnet, und es blieb nur noch, die Perspektive zu optimieren.

Der Panorama-Editor PTGui: Hier wählt man aus einer Vielzahl von Projektionen
Die Gigapixel-Grenze haben wir mit diesem Projekt zwar nicht erreicht, aber unsere Bilder sind mit 250 bis 500 Megapixeln so hoch aufgelöst, dass 24 Magazinseiten der "Docma" nötig wären, um nur eines der beiden kleineren Panoramen mit 300 ppi zu drucken. Den Detailreichtum der Bilder können wir daher nur in Ausschnitten zeigen. Echte Gigapixelbilder lassen sich ohnehin nur mit einem Betrachtungsprogramm wie Zoomify im Web sinnvoll präsentieren, wofür Photoshop die Exportoption Zoomify anbietet.
Hier sehen Sie das zoombare Zoomify-Bild der Sankt-Vincenz-Orgel .
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