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Murdochs späte Einsicht: Aus Zeitung wird News-Seite

Jetzt hat auch Rupert Murdoch das Potential des Internets für die Medienbranche erfasst. Mehr noch: Der Skeptiker hat sich zum Web-Propheten gewandelt. Die Zeitung sieht er im Niedergang – und vergleicht die Blogosphäre mit der Entdeckung der neuen Welt.

"Die Medien", sagte Rupert Murdoch am gestrigen Abend in einer einsichtsvollen Rede vor dem traditionsreichen Zeitungsverleger-Club "Worshipful Company of Stationers and Newspaper Makers" in London, "werden wie Fast Food werden." In der Zukunft würden die Nachrichten-Konsumenten die Ware Nachricht "wo, wann und wie sie wollen" abrufen, über Geräte, die an Sonys PSP erinnerten - und auf jedem anderen denkbaren elektronischen Wege. Die Zeit der Zeitung in ihrer gedruckten Form aber ginge dem Ende entgegen, so der Zeitungs-Zar Murdoch, Kopf eines der einflussreichsten klassischen Medienunternehmen der Gegenwart. Mehr noch: Die Ära der Medien-Zaren selbst ginge zu Ende - und ausdrücklich schloss er da sich und sein Unternehmen News Corp. ein.

Medien-Saulus wird New-Media-Paulus: Der einstige Internet-Skeptiker Rupert Murdoch sieht die Zukunft der Zeitung ans Web gebunden
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Medien-Saulus wird New-Media-Paulus: Der einstige Internet-Skeptiker Rupert Murdoch sieht die Zukunft der Zeitung ans Web gebunden

"Wer glaubt, eine glorreiche Vergangenheit schütze ihn vor den durch den technologischen Fortschritt befeuerten Umwälzungen, wird scheitern und fallen", so Murdoch. "Es ist von höchster Wichtigkeit, dass Zeitungen ihren Lesern die Auswahl ermöglichen, journalistische Inhalte über die Seiten der Zeitung oder über Webseiten wie 'Times Online' anzubieten oder - und das ist wichtig - über jede andere technische Plattform, die der Leser attraktiv findet, wie Mobiltelefone, mobile Lesegeräte, iPods, was auch immer."

Murdoch, der soeben seinen 75. Geburtstag feierte, ist ein Spätbekehrter. Wie viele Medienunternehmer, die ihre Wurzeln tief im Zeitungs- und Fernsehgeschäft haben, ignorierte er lange die ab Mitte der Neunziger durch das Internet eingeleiteten Umwälzungen der Medienlandschaft. Nur wenige Kollegen und Konkurrenten wie beispielsweise der Verleger der "New York Times", Arthur Sulzberger, erkannten das Ausmaß der Veränderungen der Medienwelt zu einem frühen Zeitpunkt. Auf einem Medienkongress Ende der Neunziger hatte Sulzberger ganz ähnliche Thesen zur Veränderung der Lese- und Rezeptionsgewohnheiten der Medienkonsumenten geäußert wie nun Murdoch. "Wenn die Konsumenten danach verlangen, ihre Zeitung telephatisch geliefert zu bekommen, werden wir auch das versuchen", hatte Sulzberger damals gesagt.

Spät, aber sehr gründlich geht der Medien-Tycoon Murdoch nun jedoch noch einen Schritt weiter: Die technischen Umwälzungen verändern nicht nur das Nachfrageverhalten von Seiten der Medienkonsumenten, erklärte er seinen Verleger-Kollegen. Sie verändern den kommunikativen Raum selbst, nehmen so "dem Redakteur, dem Chefredakteur und dem Verleger" Macht und Einfluss und "ermächtigen die Leser". Die eroberten sich soeben den medialen Raum des Internet in dieser "zweiten Ära der großen Entdeckungen". Blogs, Fotoseiten und Community-Angebote wie MySpace (das Murdochs News Corp. kürzlich für stolze 580 Millionen Dollar gekauft hatte) unterstrichen, wie weit die Veränderungen gingen.

Medien werden wie Fastfood

Und die seien nicht nur verlockend und voller Chancen, sondern auch bedrohlich. Gerade innerhalb der Zeitungsbranche macht Murdoch da Angst vor der eigenen Courage aus. Das aber bringe gar nichts: "Für Sie ist dies ein Zeitalter der Ängstlichkeit. Eine Ära, in der Technologie und Wissenschaft riesige Bedrohungen darzustellen scheinen, statt für große Chancen zu stehen. Tatsächlich sehen wir uns mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert."

Denen man sich stellen müsse, wenn man nicht untergehen wolle: Friss oder stirb, pass Dich an oder sterbe aus, hieß das im Klartext. Und darum hätten klassische Medienunternehmen auch gar keine Wahl, als sich auf diesen Umbruch der Medienlandschaft einzulassen: "Ich glaube", sagte der Zeitungsverleger Murdoch, "dass die traditionelle Zeitung noch lange Jahre leben wird, aber zugleich, dass Druckerschwärze auf Papier nur noch ein Weg von vielen sein wird, auf denen wir unsere Leser erreichen." Immer wieder floss dabei die "junge Leserschaft" in seine Rede ein und beschrieb damit treffend, dass gerade die abgrundtiefe Krise der Zeitungen weltweit vor allem durch einen Bruch der Mediengewohnheiten zwischen den Generationen bedingt ist - junge Leser kehren der papiergebundenen Zeitung, die per definitionem die Nachrichten von gestern verbreitet, in Massen den Rücken und lesen stattdessen online.

Aus dieser Krise sieht Murdoch nur noch einen Weg: An den technischen Entwicklungen an vorderster Front teilzunehmen und zugleich qualitativ hochwertige, "dynamische und aufregende Inhalte" zu schaffen.

Die Verleger und Medienmacher, die sich darauf einließen, verglich Murdoch mit Christoph Kolumbus und den anderen großen Entdeckern im "ersten Zeitalter der großen Entdeckungen". Wir, so Murdoch, lebten in einer zweiten solchen Ära, in einem Zeitalter, in der jede Veränderung, aber auch alle Stabilität abhinge vom "freien Fluss der Information", die wichtiger sei als jemals zuvor. Murdoch: "Wir alle, nicht nur die Eliten, befinden uns auf einer Reise. Und wie weit das Ziel gesteckt ist, dem uns Technologie entgegen tragen wird, hängt nur ab vom Maß unserer Kreativität, unserer Zuversicht und unseres Mutes."

Frank Patalong

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Forum - Printmedien - Stirbt die klassische Zeitung?
insgesamt 145 Beiträge
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1. Nachrichten bleiben
dneail, 14.04.2005
---Zitat von sysop--- Tageszeitungen unter Druck: Anzeigen gehen zurück, jüngere Leser werden weniger - insgesamt keine günstigen Prognosen für klassische, tagesaktuelle Printmedien. Haben die (noch kostenlosen) Newssites Internet den Zeitungen den Rang schon für abgelaufen? Oder sind die Nachrichten und Kommentare in gedruckter Form unverzichtbar? ---Zitatende--- Für mich persönlich ziehe ich das Fazit: Das Angebot ist qualitativ besser geworden, kundenspezifischer, aktueller und günstiger seit ich tagesaktuelle Nachrichten auf mein Smartphone lade. Themenschwerpunkte sowie ein ausgewogener internationaler Mix runden das ganze ab. Da kommt eine traditionelle Zeitung nicht mehr mit. Mit Ihren Lesern werden diese Printmedien langsam wegsterben. Die Tonnen von Altpapier gehören der Vergangenheit an, nur unnötiger Müll. Eine Tageszeitung herkömmlicher Art hat nur noch nostalgische Qualitäten. Ihre Funktion ist (bei mir) längst auf ein anderes Medium übergegangen.
2.
Fritz Katzfuß 14.04.2005
Ein paar werden bleiben, die es sich leisten können, wie der SPIEGEL einen teiul ihrer Artikel kostenpflichtig zu machen. Man will am Frühstückstisch lesen. Was allerdings die nächste Generation macht, weiß keiner. Können die überhaupt noch frühstücken?
3. Besserer Themenservice bei Printmedien
John Doe, 15.04.2005
---Zitat von sysop--- Tageszeitungen unter Druck: Anzeigen gehen zurück, jüngere Leser werden weniger - insgesamt keine günstigen Prognosen für klassische, tagesaktuelle Printmedien. Haben die (noch kostenlosen) Newssites Internet den Zeitungen den Rang schon für abgelaufen? Oder sind die Nachrichten und Kommentare in gedruckter Form unverzichtbar? ---Zitatende--- Persönlich halte ich die Printmedien (Tageszeitungen) für unverzichtbar. Ich denke nicht, dass die Online Medien eine wirkliche Konkurrenz sind. Online Medien haben unbestreitbare Vorteile. Auch die Print Medien haben ihrerseits nicht ersetzbare Vorteile. Nach meiner Meinung kann man Online Medien nicht so praktisch durchblättern wie eine Tageszeitung. Und eine Tageszeitung ist schnell. Während man Online erst den PC einschalten muss etc., hat man auf Printmedien einen schnellen Zugriff. Außerdem sind Online Reports auch heute schon bei mancher "Printpresse" nur sehr kurzfristig online und dann ist ein Aufruf teurer und umständlicher als der Kauf der Tagespresse. Allerdings meine ich, sollten die Printmedien ihr Service Angebot verbessern, denn wenn man eines Tages genauso leicht im Internet "blättert" wie bei einem Print Medium wird die Printpresse noch gefährdeter. Um nur mal einen Ausschnitt zu wählen: Wir haben seit mindestens 10 Jahren eine dramatische Arbeitslosigkeit. Niemand hätte diese Situation besser nutzen können, als die Printpresse. Wir haben zahlenmäßig hohe Auswanderungen. Die Printmedien (Tageszeitungen, Magazine, TV-Medien) haben diese Service Chancen nicht genutzt. So hätte es zahllose Themen gegeben, welche den Bürgern wirklichen Nutzen gebracht hätten.
4. nein, sie stirbt nicht !
Fabrizius, 15.04.2005
Printmedien wird es auch in Zukunft geben. Der Umbruch in der Zeitungslandschaft wird weitergehen, das wird die Qualität heben. Trotz Online-Zeitung etc. die gedruckte Zeitung erlebe ich anders. Denken sie an die vielen Regionalblätter. Das ist für die Menschen tägliche Lektüre. Von der Sterbeanzeige bis hin zur Rubrik „Termine und Notizen“. Der Lokalteil gibt dem Leser eine Identität seiner Heimat. Er kennt die, die dort erwähnt werden. Der klassische Zeitungsbericht ist durch nichts zu ersetzen. Diesen Service vor Ort kann kein elektronisches Medium leisten, auch kein lokaler Rundfunksender. Überregionale Zeitungen werden sich thematisch neu ordnen müssen. Tagesaktuell ist nicht mehr so wichtig, aber Hintergrundberichte im Magazinstil, das wird Zukunft für die Printmedien sein. Hier ist DER SPIEGEL und DIE ZEIT für mich Vorreiter. Das Aktuelle wird noch zeitnah aufgearbeitet präsentiert garniert mit Hintergrundberichten und Umfeldinformationen. Ganze „zeitlose“ Themenkomplexe werden dargestellt. Das hat schon einen Anflug von „Sachbuch“. Für mich gilt jedenfalls ... wenn ich wählen müsse zwischen Printmedien und Fernsehen. Ich würde mich für die Zeitung entscheiden und die Flimmerkiste in die Ecke stellen.
5.
Rainer Helmbrecht 15.04.2005
Um mit einem blöden Witz anzufangen: Solange ich mit dem PC keine Fliege erschlagen kann, wird es Zeitungen geben. Ich habe eine Wohnungsanzeige Online eingegeben, dort war sie 6 Wochen zu lesen, jederzeit zu kontrollieren, wie oft usw. Dann habe ich ein Zeitungsinserat geschaltet und am gleichen Tag war die Wohnung vermietet. Offensichtlich ist Online noch nicht so üblich, denn der neue Mieter ist eine junge moderne Familie. Ähnlich sehe ich das mit der Tageszeitung, ich lese sie, finde etwas, reiche sie meiner Frau und sie ist im Bilde. Oder ich reiße etwas aus, nehme es mit in einen Laden und suche nach dem Angebot. Ich kann auch einen Teil meiner Nichte geben, ich lasse es nur auf dem Tisch liegen. Von daher wird es noch lange dauern, bis die Zeitung verdrängt ist. Was allerdings fürchterlich ist, ist diese Meinungsmache à la Küblböck usw. mit so einem Mist verprellt man Leser.
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