Musik-Download-Zählung Einfalltor für Chart-Manipulationen?

Der Weg in die Single-Charts führt heute über den Download, der Verkauf von Single-CDs spielt eine immer kleinere Rolle. Eine Entwicklung mit Nebenwirkungen: Es macht die Datenerhebung zwar leichter - allerdings auch die Möglichkeit der Manipulation.

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Als der Bundesverband Phono im Jahre 2005 gleich mehrere Titel der damaligen Eurovisions-Kandidatin Gracia aus der Top-100-Zählung streichen ließ, wehrte sich ihr Manager David Brandes so heftig wie vergeblich gegen den Vorwurf der gezielten Chart-Manipulation. Auch sein Verweis darauf, dass schon der Beatles-Manager Brian Epstein einmal 10.000 Scheiben der Pilzköpfe aufgekauft habe, um deren Chart-Position zu pushen und es absolut branchenüblich sei, "zu Zwecken der Distributionsüberprüfung auch eigene Produkte zu kaufen", half ihm nicht.

Sängerin Leona Lewis: Platz zwei in den Charts, aber aktuell die Nummer eins bei den Downloads
DPA

Sängerin Leona Lewis: Platz zwei in den Charts, aber aktuell die Nummer eins bei den Downloads

10.000 Singles braucht heute niemand mehr zu kaufen. Das Geschäft mit der Einzellied-CD ist am Boden, in den letzten Jahren reichten oft mickrige 5000 Verkäufe bundesweit, um es bis hoch in die Top 10 zu schaffen.

Für die Top 100 reichen in schlechten Wochen mitunter "dreistellige Zahlen", weiß Manfred Gillig-Degrave, als Chefredakteur des Musik-Handelsmagazins "musikwoche" einer der bestinformierten Branchen-Insider im Lande. Dass es überhaupt noch aussagekräftige Charts gibt, verdankt die Branche ausgerechnet ihrer Nemesis: dem Download.

Der spielt bei den Top 10, an denen nach wie vor der Erfolg eines Titels gemessen wird, eine immer größere Rolle. Bereits seit 2001 werden auch Download-Charts erhoben, seit Sommer 2007 fließen auch sogenannte "Online-Only-Releases" in die Zählung" die offiziellen Single-Top-10 ein. Noch, sagt Daniel Knöll von den Deutschen Phonoverbänden, habe aber die physische CD in Deutschland ein höheres Gewicht. Media Control, die die deutschen Charts aus den Verkaufszahlen erheben, gewichtet diese seit einiger Zeit nach Verkaufskanal, lässt Offline- und Online-Verkäufe nach einem komplizierten Schlüssel ineinander fließen.

Chart-Experte: Manipulation wird leichter

Doch Download-Charts, behauptet der Australier Alex Malik und macht damit in der englischsprachigen Welt Schlagzeilen, seien nicht ohne Risiken: mehr noch als die Erhebung physischer Verkaufszahlen seien sie dem Risiko der Manipulation ausgesetzt.

Der Mann weiß, wovon er redet: Einst arbeitete er selbst auf dem Feld der Chart-Erhebung, bevor er begann, die Mechanismen des Marktes akademisch zu erforschen. Seine Argumentation ist einleuchtend: Es sei viel leichter, über eine Vielzahl von Nutzer-Accounts Single-Downloads zu kaufen und so die Gesamtverkaufszahlen in die Höhe zu treiben, als zum Händler zu gehen und dort massenhaft ein Produkt zu kaufen.

Gegen beide Manipulationsmethoden versuchen sich die Marktdatenerheber zu schützen. Die Zahlen des klassischen Handels werden seit langem schon auf untypische Ausreißer überwacht. Im Online-Bereich sorgt in der britischen Welt eine Zuordnung von Nutzer-Identitäten zu Kaufhandlungen dafür, dass nicht ein Kunde Hunderte Male ein Lied kaufen kann - es würde nur als eines registriert. Letztlich aber, argumentiert Malik, könne man nicht verhindern, dass ein Käufer, wenn er das will, in zig Shops mit etlichen Accounts tätig werde.

Auch Media Control, das Unternehmen, das in Deutschland die Charts erhebt, hat Vorsorge gegen Massen-Downloads einzelner Online-Shopper getroffen. "Selbstverständlich" erklärt dazu Sven Birgmeier von Media Control, "sichern wir uns gegen versuchte Charts-Manipulation ab - sogar mehrfach. Durch die Bon-genaue Erfassung aller Verkäufe der drei Säulen physischer Handel, E-Commerce und legale Download-Portale fallen uns "Klumpungen" unmittelbar auf und fließen nicht in die Berechnung ein."

Shopping als Werbemethode?

Trotzdem bleibt die Manipulation eine Möglichkeit, die in Deutschland bisher aber in den Bereich der Theorie fällt, glauben die Branchen-Insider Gillig-Degrave wie Knöll: Ihnen sei bisher kein einziger Fall einer Online-Charts-Manipulation bekannt. Trotzdem gibt auch Media-Control-Sprecher Birgmeier zu: "Grundsätzlich können Manipulationsversuche nicht ausgeschlossen werden." Media Control vertraut aber auf die Qualität seiner Sicherungsmaßnahmen: "Die bleiben in unserem engmaschigen Kontrollsystem sofort hängen und die betreffenden Verkäufe werden nicht für die Charts berücksichtigt."

Doch "Klumpungen", wie es im Jargon der Chart-Erheber heißt, fallen nur dann auf, wenn sie auch als solche daherkommen. Wer wollte verhindern, dass ein Manipulateur einfach unter verschiedenen Namen agiert? Das wäre zwar aufwendig, unter dem Strich aber lohnend: Man könnte eine Menge damit gewinnen.

Oft ist es erst die Positionierung in den Charts, die ein Lied in die Playlists der Radiosender hebt. Das wiederum fördert die Verkäufe, was das Lied da halten könnte, wo es normalerweise vielleicht nicht hingekommen wäre. Gerade im Bereich der Chart-kompatiblen Musik macht es dann die Masse: Ist ein Song erst bekannt und beliebt genug, laufen andere Käuferschichten hinterher, die für Neues sonst nur schwer erreichbar sind. Das käme einer äußerst preiswerten Werbemethode gleich - ein Investment von wenigen tausend Euro könnte ein Produkt direkt in die Charts heben.

Allzu verbreitet kann die Methode bisher allerdings auch nicht sein, denn sonst würde man einen eBay-Effekt beobachten: die "Gebote" würden sich gegenseitig in die Höhe treiben, die Eintrittschwelle für die Charts würde steigen - und mit ihnen die Verkaufsstatistiken. So kaputt, dass die Firmen ihre Waren vornehmlich selbst kaufen müssten, ist der Markt dann offenbar doch nicht. Zumal man sich gründlicher als dadurch, bei Charts-Manipulationen erwischt zu werden, den Ruf in der Branche kaum verderben kann: Die Zeiten, in denen man 10.000 Singles kaufen konnte und damit Musikgeschichte schrieb, sind einwandfrei vorbei.

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