Von Konrad Lischka und Richard Meusers
Streaming-Dienste haben unter Musik-Fans enorm an Popularität gewonnen: Bei Anbietern wie dem schwedischen Dienst Spotify oder dem deutschen Simfy kann man 15 Millionen Songs hören - entweder kostenlos mit Werbeunterbrechungen oder werbefrei gegen zehn Euro Abogebühr im Monat. Einige kleine, unabhängige Labels ziehen nun aber ihre Musik von den Streamingdiensten zurück.
So sind die Kataloge von 200 Independent-Labels aus dem Angebot von Spotify und Co verschwunden. STHoldings, ein britischer, auf Dubstep und Drum'n'Bass spezialisierter Musikvertrieb zog Ende vergangener Woche sämtliche Titel von Streaming-Diensten zurück. Neben Spotify sollen auch die Angebote von Rdio, Napster und Simfy betroffen sein. Jedes Label kann für sich entscheiden, ob seine Künstler von STHoldings weiterhin bei den Streaming-Plattformen angeboten werden sollen - bislang haben sich dafür gerade mal vier der 200 Labels entschieden.
STHoldings begründet den Schritt so: "Wir sind besorgt, dass diese Dienste die Umsätze anderer digitaler Vertriebswege kannibalisieren." Die Mehrheit der von STHoldings vertretenen Indie-Labels sei dieser Ansicht: "Diese Streaming-Dienste liefern schlechte Umsätze und haben eine schädliche Wirkung auf Verkäufe." Dabei beruft sich STHoldings auf eine Studie der US-Marktforscher von der NPD Group, demnach lasse gerade bei der für Indie-Labels so wichtigen Zielgruppe der Musik-Fanatiker das Interesse an Kaufmusik nach, sobald sie Zugang zu einer Streaming-Flatrate haben.
Metal-Labels ziehen sich von Spotify zurück
Schon im Sommer hatten einige Metal-Labels ihre Titel aus Streaming-Diensten entfernt. Century Media und Metal Blade bereits im August, im September folgte Prosthetic Records. Auch da war die Begründung der Verdienstmangel.
Spotify wehrte sich damals gegen die Vorwürfe mit einer sehr pauschalen Aussage. Es sei unfair, bei Spotify den Umsatz je Album mit dem bei Downloads zu vergleichen. Spotify habe ein anderes Geschäftsmodell, man verkaufe nicht einzelne Stücke, sondern den Zugang zu seinem Gesamtangebot. Man müsse sich die Gesamtumsätze bei Spotify anschauen und die seien beachtlich: "Wir haben seit der Gründung 100 Millionen Dollar an Rechteinhaber ausgezahlt, die überwiegende Mehrheit unserer Partnerlabels ist begeistert von den Umsätzen, die wir schaffen." Spotify beruft sich auf Zahlen des Musikindustrie-Verbands IFPI, demnach der Dienst in Europa der zweitgrößte Umsatzbringer im Digitalgeschäft sei.
Gibt Spotify den Musikriesen Sonderkonditionen?
Spotify ging allerdings nicht explizit auf die Klagen kleinerer, unabhängiger Labels ein. Es könnte sein, dass diese kleineren Anbieter und ihre Künstler nicht im selben Ausmaß von Spotify profitieren wie die Musikriesen. Im Februar berichtete der " Guardian", dass laut Insidern bei Spotify große Labels zum Teil bessere Konditionen als Independent-Vertreter erhalten. Ob und wie die großen Konzerne bevorzugt werden, ist unklar, da alle Spotify-Verträge mit Labels eine Geheimhaltungsklausel enthalten.
2,94 Euro für 100 Album-Streams
Wie dürr die Verdienstraten für die beteiligten Musiker am Ende sind, wird aus der Rechnung ersichtlich, die die britische Band " Uniform Motion" im September veröffentlicht hat. Die Musiker rechnen auf Basis von bisherigen Zahlungen auf, wie viel Geld sie von einzelnen Vertriebspartnern ihres neuen Albums erhalten:
Doch Geld ist anscheinend nicht der einzige Grund, warum sich so manche Indie-Gruppe bei Spotify & Co. unwohl fühlt. Neben den spärlichen Einkünften vermissen die Künstler wohl auch das Gefühl der Einzigartigkeit. Ein von STHoldings vermarktetes Label erklärte: "Lasst die Musik etwas Besonderes bleiben, f*** Spotify!"
| Musikdienste im Überblick | ||||||
| Angebot | iTunes | Amazon MP3 | Google Music | Simfy | Juke | Spotify |
| Katalog | 20 Millionen Titel |
19 Millionen Titel |
13 Millionen Titel (USA) |
13 Millionen Titel (DE) |
13 Millionen Titel (DE) |
15 Millionen Titel (nicht in DE) |
| Abrech- nung |
Kauf einzelner Titel / Alben | Kauf einzelner Titel / Alben | Kauf einzelner Titel / Alben | Flatrate | Flatrate | Flatrate / Kauf einzelner Titel, Alben |
| Download | gekaufte Titel | gekaufte Titel | gekaufte Titel | nein | nein | gekaufte Titel |
| Streaming | Mischform: Streaming und Synchroni- sierung gekaufter Titel und eigener Uploads (nur USA) |
gekaufte Titel (nur USA) und eigene Uploads (auch in DE) | gekaufte Titel (nur USA) und eigene Uploads (auch in DE) | der gesamte Katalog | der gesamte Katalog | der gesamte Katalog |
| Streaming per Browser | nein | ja | ja | ja | ja | nein |
| Anwend- ungen |
Windows, MacOS, iOS | Android, Blackberry | Android | Windows, MacOS, Linux, iOS, Android, Blackberry | iOS, Android | Windows, MacOS, Linux (Beta), iOS, Android, Symbian, Windows Phone, Palm |
| Offline- Modus | ja (Down- loads) |
ja (Down- loads) |
ja (Down- loads) |
ja, auf allen Geräten mit Simfy-Anwen- dungen, für Premium-Plus-Abonen- nten |
ja, auf iOS- und Android-Geräten | ja, auf allen Geräten mit Simfy-Anwendungen, für Premium-Abonnenten |
| eigene Stücke | können hoch- geladen und synchro- nisiert werden, wenn die Stücke im iTunes-Katalog vorhanden sind, erfolgt kein Upload (nur USA) |
können hoch- geladen und gestreamt werden |
können hoch- geladen und gestreamt werden |
ange- kündigt |
nein | kein Upload, nur Zugriff per Anwendung auf der Festplatte, Synchronisie- rung mit Mobil-geräten (nicht DE) |
| Kosten | 0,69 bis 1,20 Euro je Song (DE), Cloud-Synchro- nisierung für gekaufte Titel gratis USA), für eigene Titel 25 Dollar / Jahr (USA) |
0,29 bis 126,95 Euro je Song (DE), Cloud-Speicher für gekaufte Titel gratis (USA), 5 GB Cloud-Speicher für eigene Titel gratis, 20 GB für 20 US-Dollar / Jahr | 0,99 bis 1,29 US-Dollar je Song, kostenloser Cloud-Speicher für 20.000 Titel | werbe- finanziert (20, nach drei Monaten 5 Stunden Streaming auf Desktop / per Browser, Premium-Titel für bis zu 30 Sekunden), 4,99 Euro / Monat (unbe- grenztes Streaming auf Desktop / per Browser), 9,99 Euro / Monat (alle Funktionen) |
9,99 Euro / Monat | werbe- finanziert (nur Desktop-Streaming), 4,99 Euro / Monat (werbefrei, Streaming auch auf Mobil- geräten), 9,99 Euro / Monat / alle Funktionen) |
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