Musik und Web Das Jahr der Flatrate

Seit zehn Jahren spielen Musikindustrie, Serviceprovider und Internet-Firmen Räuber und Gendarm. Jetzt entdecken die Branchen, die sich teils spinnefeind waren, dass sie gemeinsame Interessen und Kunden haben. Es wird sogar über pauschale Ablasszahlungen fürs Datensaugen geredet.

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Großbritannien strickt derzeit sehr konkret an der Schaffung eines Gesetzwerks und einer Aufsichtsbehörde, deren primäres Ziel es ist, Copyright-Verletzungen über das Internet einzudämmen. Auf wen die zu schaffende "Rights Agency" dann ein Auge haben würde, scheint ebenfalls bereits klar: Es sind die Internet-Serviceprovider (ISPs), die Politiker wie Musikindustrie-Lobbyisten in den vergangenen zwei Jahren aufs Korn genommen haben. Sie sollen kontrollieren, was ihre Kunden an Rechtsbrüchen begehen - und diese unterbinden. Wenn nicht, könnte es Strafen für die ISPs hageln.

Besucher der Musikmesse Midem: Alles dreht sich um digitale Musik - und die Frage, wie es weitergeht
AFP

Besucher der Musikmesse Midem: Alles dreht sich um digitale Musik - und die Frage, wie es weitergeht

Noch vor wenigen Monaten hätten die meisten Vertreter der Musikindustrieverbände das als guten Plan bejubelt. Dass Frankreichs ISPs die eigene Kundschaft beim Filesharing beobachten, sie im Falle von Copyright-Verletzungen abmahnen und ihnen nach dreimaliger Warnung die DSL-Verbindung kappen, gilt vielen als vorbildlich. International drängt die Musiklobby Ifpi genau auf so ein Modell. Inzwischen aber tun sich auch Alternativen auf, die vielen in der Branche verlockender erscheinen, als den ISPs nur Druck zu machen.

Denn in den Internet-Providern entdecken die Musiklobbyisten zwar nach wie vor gefährliche Störfaktoren für ihre Geschäfte - aber auch potentielle Partner. Denn siehe da: Man teilt sich ja die gleichen Kunden. Urplötzlich keimt da die Erkenntnis, dass eine gesetzliche Gängelung der ISPs vielleicht gar nicht im Interesse der Copyright-Branchen sein könnte.

Neue Allianzen

Mäßigend und die Gesetzgeber zu Zurückhaltung auffordernd äußerte sich so auf der derzeit in Cannes stattfindenden Musikmesse Midem ausgerechnet Alt-Punk Feargal Sharkey, einst quietschiger Sänger der nordirischen Punkpop-Formation The Undertones ("Teenage Kicks"). Sharkey ist inzwischen Lobbyist, vertritt als Chef der Branchenlobby UK Music die Interessen von Labels, Verlagen, Autoren und Vertrieben. Jetzt entdeckt Sharkey in den ISPs "Partner bei der Lösung" der Copyright-Probleme im Internet: Vernunft, heißt es ja auch in einer aktuellen Autowerbung, ist der neue Punk.

Bereits vor Jahren argumentierten Organisationen wie Attac oder das Fairshare-Netzwerk, man könne Pauschalzahlungen einführen, die als Zahlung für die freie Nutzung urheberrechtlich geschützter Waren über das Web dienen sollten. Der Ansatz war und ist umstritten, da er oft als eine Art Entertainment-Steuer erscheint: Warum sollten aber alle zahlen, nur weil einige gern klauen? Freie Musiknutzung gegen pauschale Zahlung - letztlich also das Modell Napster - gilt dagegen inzwischen als vielversprechender alternativer Refinanzierungsweg.

Denn obwohl der Musikverband Ifpi vor wenigen Tagen noch in seiner Jahresbilanz eine erneute Steigerung der Online-Musikverkäufe bejubelte, steht in der Bilanz unter dem Strich mit Minus sieben Prozent weiter eine deutlich rote Zahl. Der digitale Vertrieb fängt die Verluste im physischen Verkauf noch lange nicht auf.

Für die junge Generation der Musikhörer ist ein Album eine dicke Datei, die man vorzugsweise im iPod transportiert. Diese jungen Hörer brennen noch nicht einmal mehr CDs - wozu auch aus einer nicht-stofflichen Ware etwas Stoffliches machen? Und längst, dokumentiert eine aktuelle, zur Midem veröffentlichte Studie, wünschen sich die Kunden den pauschalen Zugang zur Musikquelle - die Flatrate, und vorzugsweise per ISP.

Lieber per Provider, nicht mobil

"Comes with Music" nennt Nokia einen Dienst, der die Kosten für die Downloads im Geräte- und Mobildienst-Preis versteckt. Erste Konkurrenten werden im Laufe des Jahres nachziehen. Die Kunden aber, behauptet die oben erwähnte Studie des Marktfoschungsunternehmens The Leading Question, wünschen sich etwas ganz anderes: 46 Prozent der 1300 Befragten in mehreren europäischen Kernmärkten wünschen sich, ihren Musik-Obolus pauschal einfach mit der Provider-Rechnung zu entrichten. Das wäre offenbar bequem.

Ob damit dann nur Streaming-Angebote - seit kurzem die populärsten Bezugsquellen für Musik online - gemeint sind oder gleich Downloads, wäre wohl Gegenstand von Verhandlungen. Die wird es geben, zumindest zwischen den britischen Marktpartnern, wurde auf der Midem klar: Um dem Gesetzgeber zuvorzukommen, bemühen sich Musiklobby UK Music und der britische Providerverband ISPA um eine schnelle Einigung.

UK-Music-Boss Sharkey bat die Gesetzgeber daheim sogar um Zurückhaltung: "Für diese Branche steht ein Rückschritt nicht zur Debatte. Wir haben aus unseren vergangenen Fehlern gelernt und haben nicht vor, sie zu wiederholen." Man müsse aufpassen, so Sharkey weieter, "dass die Kosten für eine verordnete Lösung durch die Regierung die Vorteile und Erlöse nicht übertreffen".

Ablasshandel oder Dienstleistung?

Eine echte Flatrate, bei der eine Pauschalzahlung dem Internet-Nutzer quasi die Lizenz zum Saugen gäbe, wäre allerdings eine revolutionäre Abkehr vom bisherigen Refinanzierungskonzept. Sie würde bedeuten, dass die Musikbranche ihr Geld künftig eher mit Lizenzierungen und Werbung machen würde als mit Verkäufen. Das aber würde auch bedeuten, dass ganze Teile der Branche mit einem Schlag überflüssig würden - und nicht zuletzt der Handel, vom Plattenladen bis zu iTunes.

Doch auch wenn es Teilen der Wertschöpfungskette den Garaus machen würde, wäre es finanziell verlockend: Selbst eine Minimalabgabe von wenigen Euro pro Monat und Internet-Nutzer würde der Branche Milliardenumsätze garantieren. Wahrscheinlich ist ein abgestuftes Modell, bei dem Pauschalzahlern eingeschränkte Nutzungsrechte zugestanden würden, um die anderen Bereiche des Marktes zumindest für eine Übergangsfrist zu schonen und zu erhalten.

Auf der Isle of Man gibt's die Flatrate bald

Eine andere Frage ist, wie das alles zu realisieren wäre: Müssten die ISPs dann nicht auch Download-Seiten vorhalten? Oder würde es nur darum gehen, die Kunden einfach machen zu lassen, was sie wollen - und Ablass zahlende Kunden einfach aus allen Warn- und Abmahnungslisten zu streichen?

So oder so: Der Erfolg wäre dem Modell bei vielen Kunden sicher. Einen Obolus von vier oder fünf Euro im Monat würden sicher viele Eltern gern zahlen, wenn sie dann nur endlich sicher wären, dass ihr Vierzehnjähriger keine Post von Ifpi oder Staatsanwaltschaft bekäme.

Einen ersten Versuchsballon lässt in nächster Zukunft die Insel-Regierung der Isle of Man steigen. Die Insel ist kein Teil von Großbritannien, sondern Besitz der englischen Krone, was die Bereitschaft der Musikindustrie fördern mag, sich auf das Experiment Kulturflatrate einzulassen: Gegen einen geringen Aufpreis zur DSL-Rechnung sollen die rund 80.000 Einwohner bald straffrei Musik saugen dürfen. Das ist ein preiswerter Testmarkt, auf dem die Durchsetzung von Forderungen wegen Copyright-Verstößen übrigens schwieriger ist als etwa in Großbritannien. Da nimmt man den kleinen Obolus doch gern mit.

Generell streben die Marktpartner so eine Form der Pauschale für alle aber nicht an: Ziel ist vielmehr, die Musikdaten-Flatrate als buchbare Sonderleistung anzubieten. Das wäre Zuckerbrot und Peitsche: Dem illegalen Usus - 95 Prozent aller Musikdownloads sollen laut Ifpi noch immer illegal geschehen - würde eine kostengünstige legale Alternative an die Seite gestellt.

Genau darum geht es wohl, denn auch diese Erkenntnis brachte die zitierte Studie: Das Gros der P2P-Nutzer würde sich auch durch die mehrstufigen Warnungen durch ISPs, wie sie in Frankreich üblich, in Großbritannien und Deutschland angedacht sind, durchaus nicht abschrecken lassen. Branchenintern wird die Lösung, die Datensauger gegen pauschalen Sündenablass dann besser gewähren zu lassen, aber zumindest daran zu verdienen, seit langem heiß diskutiert. Sieht so aus, als würde sich 2009 nun so einiges bewegen.

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