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Musikbranche im Internet: "Downloads sind die Peitsche für den Künstler"

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Der Musikmarkt schrumpft, die Branchenriesen jammern - Schuld hat angeblich das Internet. Das aber soll gerade Kleinen auch Chancen bieten: SPIEGEL ONLINE fragt unabhängige Musiker, Booker und Labelgründer, was sie aus der Krise machen und wie man heute von Musik lebt.

Musik ist viel mehr als ein Geschäft, aber sie ist eben auch eines. Darüber, wie sich dieses Geschäft entwickelt, gibt es viele Meinungen. Besonders laut und oft wird dieser "common senf" vorgetragen: Das Internet macht die Musikindustrie kaputt! Oder das Gegenstück: Die Musikindustrie hat das Internet nicht verstanden!

Stimmt das? Im Vergleich zur Verlags- und Filmindustrie versorgt die Musikbranche die Kunden inzwischen mit sehr vielen Digitalangeboten. Aus Konsumentensicht gibt es eine wirklich neue und fundamentale Entwicklung: Wer Musik liebt, wollte sie früher nicht nur hören, sondern horten.

Inzwischen verliert bei jungen Vielhörern der Musikbesitz an Bedeutung. Ein bestimmtes Album mit Booklet oder eine besondere Single sind längst nicht mehr für alle Musikfans das Objekt der Begierde.

Deshalb stehen bei Streaming-Plattformen nicht mehr einzelne Titel im Mittelpunkt, die man für immer besitzen kann. Stattdessen erhält man gegen einen Pauschalbetrag Zugriff auf den gesamten Musikbestand.

Was diese Entwicklung für den Musikmarkt bedeutet, ist noch unklar. Die Umsatzzahlen zeigen erst einmal in eine Richtung - nach unten. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede. Die wichtigsten Erkenntnisse aus den Zahlen (detaillierte Verlaufsdiagramme in der Fotostrecke unten):

Fotostrecke

8  Bilder
Downloads und Tonträger: So entwickelt sich der Musikmarkt

  • Seit 2004 schrumpft der Musikkaufmarkt in Deutschland, allerdings erheblich langsamer als in den USA, Frankreich und Großbritannien.
  • Die Umsätze mit digitaler Kaufmusik wachsen, fangen aber den Verlust bei den Tonträgern nicht auf.
  • Während die Kaufmusik-Einnahmen sanken, stiegen die Umsätze mit Livemusik-Veranstaltungen in Deutschland jedes Jahr, allerdings brachen 2008 die Liveumsätze erstmals ein.
  • Den stärksten Umsatzeinbruch musste der deutsche Musikkaufmarkt 2003 hinnehmen - da schrumpfte der Markt um 17 Prozent. Von 1999 bis 2009 gab es 42 Prozent Verlust.

Die Statistik zeigt: Der Markt schrumpft, die deutsche Musikindustrie kommt aber vergleichsweise gut davon. Wie sehr die großen Musiklabels über die Krise und Raubkopien klagen, liest man überall. Wie sich der Musikkonsum geändert hat, weiß jeder Nutzer aus eigener Erfahrung. Aber wie erleben Musiker, Labelgründer und Booker den Wandel? Jene Mehrheit im Musikgeschäft, die keine Millionen verdient und unabhängig von Casting-Shows, Marketing-Budgets und Fernseh-Kooperationen Musik macht?

SPIEGEL ONLINE hat die Kleinen und Mittelgroßen der Branche gefragt, was sie aus der Krise machen und protokolliert, wie man heute von Musik lebt.

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1. .
Gegengleich 17.08.2010
---Zitat--- Der Musikmarkt schrumpft, die Branchenriesen jammern.. ---Zitatende--- ..und bald zahlt der Verbraucher nur das was es Wert ist. Dann können die Branchenriesen eben nicht mehr in anderen Branchen wildern und zukaufen, wie es ihnen gefällt. Und Menschen wie Madonna müssen sich eben mit kleineren Behausungen zufrieden geben. Ich schätze in einer 1500 qm Wohnung mit 1 qkm Grundstück läßt sich auch noch gut existieren. Und der Rechtsanwalt der Klage zur Erlangung der Adoptionsrechte von Malawi-Kind-Nr. 5643 (frei nach Charlie Chan) wird dann halt ein bißchen günstiger sein müssen.
2. gar nicht...
roflem 17.08.2010
Zitat von sysopDer Musikmarkt schrumpft, die Branchenriesen jammern - Schuld hat angeblich das Internet. Das aber soll gerade Kleinen auch Chancen bieten: SPIEGEL ONLINE fragt unabhängige Musiker, Booker und Labelgründer, was sie aus der Krise machen und wie man heute von Musik lebt. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,710474,00.html
Ich hab als Musiker und Komponist 35 Jahre lang davon leben können, seit 10 Jahren gehen die Einnahmen derart bergab, dass ich einen anderen Beruf ausüben muss! Für mich ist das Internet mit seinen p2p und filesharing " Diensten" den russischen Webseiten wo man meine Musik kaufen kann aber ich keinen cent sehe, Schuld an allem!
3. geldgeier
göpgöp 17.08.2010
Die Musikgiganten haben sich daran gewöhnt schnell an das ganz ganz große Geld zu kommen. Die Welt verändert sich und es regt sich auch niemand darüber auf dass ganze Berufsgruppen den Bach runter gehen, ausser die Betroffenen die selbst schauen müssen wie sie ihre Zukunft sichern. Naja, Menschen wie z.b. Madonna oder Bohlen werden sich keine 6 Villen mehr sondern nur noch 5 leisten können, die Armen. Man erkennt dass es ihnen nicht darum geht wie viele Menschen ihre Musik mögen sondern nur um die Kohle
4. Das Internet ist nicht Schuld
piepers 17.08.2010
Dass die Umsätze der Musikkonzerne seit Jahren kontinuierlich schrumpfen ist meiner Meinung nach völlig klar, denn die Hauptkonsumenten tragen heute eben nicht mehr jeden Groschen zum Plattenladen an der Ecke, sondern finanzieren heute mit ihrem Taschengeld in der Regel außerdem ein Handy, einen Computer, Videospiele, oftmals einen Roller etc., etc. Das Geld wird also mehr verteilt und für Musik bleibt zwangläufig immer weniger übrig. Ganz nebenbei hat die Musikbranche es viele Jahre lang verschlafen, attraktive Internetangebote ohne Nutzergängelung zu schaffen. Das ganze Gejammer wegen dem "bösen" Internet ist langsam nicht mehr mit anzuhören. Zu meinen Jugendzeiten habe ich mir Leerkassetten im 10er-Pack gekauft, um darauf die Schallplatten meiner Freunde zu kopieren - ganz legal. Damals hieß es auch prompt, die Leerkassette sei der Tod der Schallplatte…
5. ...
Hesekiel, 17.08.2010
Der Musiker Olli Banjo hat es auf seinem derzeitigen Album sehr gut erkannt, "Qualität, das einzige Mittel gegen Datentausch!" Für ein gutes Album eines unterstützungswerten Künstlers zahle ich immer noch gerne Geld und stells mir dann ins Regal oder kaufe es legal im Netz - dass das für den xten Sampler oder ein lieblos zusammengestückeltes Machwerk bei diversen Kunden evtl nicht mehr gilt ist nur verständlich, die Musikindustrie hat Jahrzehnte gute Profite damit gefahren halbgaren Scheiss rauszufeuern bis die CD-Pressen glühen. Auch den Trend zur digital verfügbaren Musik hat man erst aufgegriffen, als es fast zu spät war.
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Wie man von Musik lebt

Der Musikmarkt schrumpft, die Branchenriesen jammern - aber was spürt die Independent-Szene eigentlich von der Krise? SPIEGEL ONLINE fragt unabhängige Musiker, Booker und Labelgründer, die nach dem Krisenjahr 2003 begonnen haben.

Glossar der Musikindustrie
Independent / Major
Als unabhängige Label gelten alle Plattenfirmen, die nicht zu den vier großen international tätigen Unternehmen Sony Music, Emi, Warner Music und Universal Music gehören. Die großen vier (Majors) machen 70 bis 80 Prozent des Musikumsatzes weltweit - der Rest entfällt auf die kleinen Independent-Labels. Zum Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) gehören in Deutschland 1200 Firmen, der internationale Indie-Verband Merlin hat nach eigenen Angaben um die 12.000 Mitglieder.
Label
Welche Arbeit die Plattenfirma für den Künstler erledigt, ist von Vertrag zu Vertrag unterschiedlich. Ein Extrafall ist der sogenannte Bandübernahmevertrag: Da gibt ein Künstler eine fertige Produktion ab, das Label organisiert nur noch Hersteller und Promo, wickelt die Abrechung ab. Ein Label kann aber auch die Produktion finanzieren und organisieren. Je mehr das Label erledigt, umso höher ist in der Regel dessen Anteil an den Einnahmen. Wenn das Label die Aufnahme bei einem anderen, vielleicht professionelleren Produzenten finanziert hätte, würde es mit dem Künstler einen sogenannten Künstlervertrag und mit dem Produzenten einen Produzentenvertrag abschließen. Bei fast allen Verträgen trägt letztendlich das Label das Warenrisiko: Wenn weniger Platten gekauft werden als produziert wurden, bleibt das Label auf den angefallenen Kosten für Herstellung und Werbung sitzen.
Musikverlag
Während die Label Vervielfältigungs- und manchmal auch Leistungsschutzrechte wahrnehmen, werten Musikverlage die Urhebernutzungsrechte der Musiker an ihren Kompositionen und Texten aus. Sie kümmern sich um die Gema-Abrechnung, auch der Live-Auftritte, und manche Verlage bemühen sich, die von ihnen betreuten Stücke Radiostationen und Werbeagenturen anzupreisen, in Spielfilmen zu platzieren, und überwachen, dass die Werke nicht von anderen ohne Genehmigung bearbeitet werden. All das kann ein Musiker auch selbst machen - ein Verlag nimmt ihm gegen Beteiligung die Arbeit ab. Manche Verlage beschäftigen eigene Mitarbeiter, die sich um die Verwertung in Radio und Werbung bemühen, um zusätzliche Einnahmen für Künstler und Verlag zu erzielen. Inzwischen bauen viele Label eigene Verlage auf, um mehr Rechte auszuwerten.
Booking
Die Booking-Agentur organisiert die Live-Auftritte eines Künstlers. Großen Stars zahlen solche Agenturen oft vorab ein hohes Garantiehonorar aus, das sie dann refinanzieren müssen. Die meisten Booking-Agenturen arbeiten aber auf Provisionsbasis - ein Anteil von 20 Prozent an den Einnahmen der Künstler ist gängig.
360-Grad-Vertrag
Das Schlagwort bezeichnet die Strategie von Labels, mit Künstlern nicht mehr allein beim Tonträger-Vertrieb zusammenzuarbeiten, sondern auch bei der Auswertung von Urhebernutzungsrechten (als Musikverlag), beim Livegeschäft (als Booker) und beim Merchandising.
Gema
Die Gema nimmt Gebühren für alle Verwertungen von Musik ein, die das Urheberrecht an den Stücken betreffen. Wer CDs mit vom Gema-Vertragspartner geschriebener Musik herstellt, die Songs digital verkauft, in Werbespots nutzt, live spielt oder im Netz als Download, Stream oder im Webradio vertreibt, zahlt dafür Gebühren. Die Gema schüttet die Einnahmen - nachdem die Verwaltung bezahlt ist - an Komponisten, Autoren oder ihre Musikverlage aus.
GVL
GVL steht für Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten. Ein Leistungsschutzrecht bezieht sich immer auf die bestimmte Aufnahme eines Stücks. Wer daran Leistungsschutzrechte hält, hängt von den Produktionsverträgen ab. Im Prinzip hat jeder ein Leistungsschutzrecht an einem Stück, der Musik einspielt oder einsingt. So können auch Produzenten Leistungsschutzrechte an einer Aufnahme haben oder Labels, wenn sie die Produktion abgewickelt haben. Wenn ein Musiker im Studio seine Stück selbst einspielt, erwirbt er auch Leistungsschutzrechte an dieser Aufnahme, genauso wie bezahlte Studiomusiker. Der Verkauf der Musik im Laden oder Download-Shop ist die Erstverwertung dieser Rechte - dafür kriegen die Musiker in der Regel einen Vorschuss und einen Teil der Einnahmen. Wenn die von ihnen eingespielte oder produzierte Musik aber im Radio, Fernsehen oder Kaufhaus läuft, bei Veranstaltungen abgespielt wird, müssen die Sender und Veranstalter für diese Zweitverwertung der Rechte an die GVL zahlen. Diese Zusatzeinnahmen schüttet die GVL an die Mitglieder aus.


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