Musiker Olli Schulz "Ich will nicht hauptberuflich Geschäftsmann sein"

60 Live-Auftritte im Jahr, Nebenjobs als Moderator, Gema-Einnahmen: Olli Schulz, 36, erzählt, wovon ein Independent-Musiker lebt, warum er auch mal auf Silvester-Partys auftritt und sein nächstes Album erstmal auf eigene Rechnung produziert.

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Olli Schulz: Der Musiker spielt sein fünftes Album erstmal auf eigene Rechnung ein
Fourmusic / Ben Wolf

Olli Schulz: Der Musiker spielt sein fünftes Album erstmal auf eigene Rechnung ein


Ich habe zu spät angefangen, meine erste Platte kam mit 28. Da gehst du nicht mehr rein mit der Haltung, wir werden die neuen Superstars. Sondern du sagst, ja mal gucken, wie das läuft. Du freust dich, dass du Musik machen kannst. Das war 2003. Ich hab das Glück, dass ich mir über die Jahre ein paar Fans angesammelt habe, die zu den Konzerten kommen, die sich die CD kaufen. Das sind in Deutschland vielleicht 10.000 Leute, die sich heute sicher die neue Olli-Schulz-CD kaufen. Das wären in den Neunzigern vielleicht 50.000 gewesen, aber man kann ja nicht nostalgisch werden und den alten Zeiten nachtrauern.

Meine ersten beiden Platten habe ich beim kleinen Independent-Label Hotel van Cleef gemacht. Dann wollte ich meine Studiomusiker bei der dritten Platte auch mal richtig bezahlen, das Album richtig mischen. Die ersten beiden wurden am Heim-Rechner für ungefähr 3500 Euro gemacht. Und dann haben wir die dritte bei der EMI mit vielen Gastmusikern wie zum Beispiel einem 16-köpfigen Streicherensemble für eine fünfstellige Summe produziert. Das ging von meinem Vorschuss ab. Ich fand den Vorschuss ansehnlich, Bands aus den Neunzigern lachen darüber, aber das war eine andere Zeit. Von dem Betrag habe ich meine Musiker bezahlt, den Produzenten und natürlich versuchst du, so viel wie möglich privat zu behalten. Da ist eine kleine Summe übrig geblieben.

Die genauen Verkaufszahlen kenne ich nicht. Die erste Platte wird sich so 18.000 Mal verkauft haben, die zweite und die dritte bei der EMI-Tochter Labels weniger und die vierte bei der Sony Columbia Berlin bis jetzt 10.000 Mal. Und das, obwohl von Jahr zu Jahr mehr Leute zu meinen Konzerten kommen. Es ist halt immer einfacher, eine Tauschbörse anzuwerfen, das ist eine absolute Selbstverständlichkeit.

Live-Auftritte finanzieren den Unterhalt

Gagen für Live-Auftritte sind die wichtigste Einnahmequelle, davon bestreite ich im Moment meinen täglichen Unterhalt. Ich spiele so 50, 60 Konzerte jedes Jahr. Dann gibt es alle drei Monate eine Gema-Abrechnung. Wenn ich Glück habe, sind meine Songs im Radio gespielt worden, dann gibt es dafür Geld.

Wenn du deine Gema-Live-Bögen fleißig ausfüllst, gibt es für Auftritte auch Gema-Geld, und einmal im Jahr kommt noch die GVL-Abrechnung (siehe Glossar links) für die Zweitverwertungen der Aufnahmen, die ich als Musiker im Studio eingespielt habe und für Live-Auftritte, bei denen fürs Fernsehen gefilmt wurde. Das ist vergleichweise wenig. Ich mache auch noch viel kleines Zeug, Radio, Moderationen bei Veranstaltungen, Texte. Du nimmst auch Aufträge für Veranstaltungen an, wo du nicht unbedingt spielen möchtest. Ich habe auch Sachen wie die HR3-Silvesterparty 2008 in Kassel gemacht. Da gab's eine tolle Gage. Aber du spielst da vor Leuten, die kein Interesse an dir haben.

2008 war extrem, da bin ich sechs Wochen am Stück getourt, weil ich mal in den Urlaub fliegen wollte. Ich hatte diesen Traum, durch die USA zu fahren mit einem Mietwagen für zwei Monate. Das habe ich damit finanziert, Urlaub brauchte ich dann aber auch. Trotzdem immer noch geil, wenn man überlegt: Du geht abends auf die Bühne und hast, wenn es gut läuft 1000 Euro. Okay, 15 Prozent kriegt dein Booker. Wenn du mit Band und viel Zeug unterwegs bist, gehen dann noch vielleicht 200 für den Wagen und so weg, du hast einen Schlagzeuger und einen Keyboarder zu bezahlen und vom Rest die Steuern. Aber was dann übrig bleibt, dafür gehen viele Leute eine Woche lang arbeiten. Deswegen bin ich niemand, der sich darüber beschweren würde. Das ist ein Leben, das man leben kann.

15 Prozent Anteil für die Booking-Agentur, 40 für den Musikverlag

Man darf sich heute nicht zu lange ausruhen auf einer erfolgreichen Tour. Du musst rechnen, was du machen willst, wie viel du investieren musst für Projekte, wie viel du zum Leben brauchst und woher du das Geld bekommst. Dieses Jahr wollte ich eigentlich komplett aussetzen. Man braucht mal eine Pause, das geht den Leuten ja auch irgendwann auf die Nerven, wenn man immer und überall ist. Aber ich mache doch ein paar Konzerte.

Ich bin Vater, ich hab eine kleine Tochter, ich muss mit den Einnahmen zurecht kommen wie jeder Freiberufler. In Berlin, wo ich wohne, geht das noch alles. Ich habe eine günstige Miete, ein günstiges Auto, für meine Krankenversicherung zahle ich bei der Künstlersozialkasse. Ich habe Sehnsucht nach Hamburg, ich bin hier in Eimsbüttel groß geworden, voriges Jahr habe ich eine Wohnung gesucht, aber nichts Bezahlbares gefunden.

Ich habe ein professionelles Booking, die kriegen 15 Prozent meiner Gagen. Und einen Verlag, der verwaltet meine Urheberrechte an den Songs und Texten, macht meine Gema-Abrechnung und kriegt dafür 40 Prozent der Einnahmen. Das ist eine leichte bürokratische Sache für die, aber du selbst würdest das nicht hinkriegen, so genau deine Gema-Bögen für jeden Auftritt auszufüllen. Die machen auch noch Radio-Promo, die kümmern sich darum, dass die Sachen gespielt werden, damit Gema-Geld rumkommt. Bei meinem Verlag ist das sehr individuell: Neulich brauchte ich schnell Geld, weil mein Wagen total kaputt war. Der Verlag hat mir binnen einer Woche genug für einen Gebrauchten überwiesen und das mit der nächsten Gema-Abrechnung verrechnet.

Produktionskosten: acht Songs auf eigene Rechnung

Die neue Platte habe ich erstmal auf eigene Rechnung angefangen. Ich weiß nicht, ob das auf dem Label etwas wird damit. Ist eine schwierige Situation gerade für so ein Album. Ich mache Gitarrenmusik. Keine Ahnung, wohin der Zeitgeist geht, aber viele fahren jetzt mehr auf Elektro ab als auf Gitarrenmusik, da musst du auch immer gucken, ob du im Zeitgeist deine Nische findest bei einem Label.

Wir machen eine Low-Budget-Platte. Akustikgitarre, Schlagzeug, wir spielen noch einen Bass ein. Da wirst du durch die wirtschaftlichen Zwänge und die technischen Möglichkeiten auch erfinderischer. Ich habe mir überlegt, ob ich die Platte komplett allein rausbringe. Da musst du Promo machen, da musst du dir ein Presswerk suchen, da musst du die Finanzierung machen. Du grübelst und denkst irgendwann: Ich will Musiker sein, nicht so sehr Geschäftsmann. Ich versuche das so weit wie möglich abzustoßen und mich auf die Musik zu konzentrieren. Wenn ich als Künstler jetzt ständig überlege: Wo bringe ich denn meine Platte raus? Was könnte jetzt ein massentauglicher Song sein? Das führt nirgends hin.

Beim Musikmachen versuche ich mir etwas zu bewahren, was mich als Kind und Jugendlicher glücklich gemacht hat. Auf Tour hast du die Gelegenheit: Da machst du eine Mix-CD für den Bus, dann hängst du ab, hörst Musik, quatschst darüber. Das kann dir schnell kaputt gemacht werden, wenn du ständig daran denkst, wie du damit Geld verdienen kannst.

Du musst pragmatisch sein, Sachen angehen, die dir vielleicht nicht so viel Spaß machen. Man kann ja nicht erwarten, dass der Traum wahr wird, einfach nur Musik zu machen. Man muss die Zeichen der Zeit erkennen. Ich liebe Musik, das ist meine Berufung, aber ich habe da auch keine Skrupel, einen anderen Job zu machen, wenn ich einmal merke, jetzt wird es wirklich gefährlich, jetzt kann meine Familie nicht mehr davon leben.

Ein alter Freund von mir, mit dem ich gestern was trinken war, ist Hörgeräte-Akustiker. Der ist glücklich, verdient gutes Geld. Wenn mir jetzt einer einen Job als Hörgeräte-Akustiker anbietet - ich weiß nicht. Würde ich vielleicht machen.

Olli Schulz - "Es brennt so schön" (Columbia/Sony)

Olli Schulz & der Hund Marie - "Warten auf den Bumerang" (Labels/EMI)

Wie man von Musik lebt

Der Musikmarkt schrumpft, die Branchenriesen jammern - aber was spürt die Independent-Szene eigentlich von der Krise? SPIEGEL ONLINE fragt unabhängige Musiker, Booker und Labelgründer, die nach dem Krisenjahr 2003 begonnen haben.

Aufgezeichnet von Konrad Lischka

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