Musikpiraterie-Urteil 220.000 Dollar für 24 Lieder

Das Urteil dürfte viele Tauschbörsen-Nutzer aufschrecken: Wer Musikdateien auf seinem Rechner für andere freigibt, macht sich strafbar - ganz gleich, ob jemand die Daten herunterlädt oder nicht. Die Musikindustrie jubelt – doch US-Tauschbörsen sind beliebter denn je.

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"November Rain" von Guns 'N' Roses und "Let's wait Awhile" von Janet Jackson – ob diese Songs 9250 Dollar wert sind? So viel muss die Amerikanerin Jammie Thomas, 30, zahlen – für jedes der 24 Musikstücke, die sie über das Tauschbörsen-Programm Kazaa verbreitet hat. Etwa 220.000 Dollar insgesamt. Dieses Grundsatzurteil eines US-Bundesgerichts in Chicago - die erste Tauschbörsen-Entscheidung in solch einer Instanz überhaupt - ist ein Erfolg für die Musikindustrie.

Verurteilt: 220.000 Dollar Schadensersatz muss die 30-jährige Jammie Thomas an sechs Plattenfirmen zahlen
AP

Verurteilt: 220.000 Dollar Schadensersatz muss die 30-jährige Jammie Thomas an sechs Plattenfirmen zahlen

Vor allem, weil der Vorsitzende Richter Michael Davis in einer entscheidenden technischen Frage zur Beweisführung der Argumentation der Musikindustrie folgte: Die Angeklagte machte sich allein durch die Freigabe der Musikstücke für eine etwaige Übertragung über die Tauschbörse schuldig. Wie oft und ob überhaupt jemand Stücke von Thomas' Rechner heruntergeladen hat, mussten die sechs klagenden Plattenfirmen nicht belegen.

Diese Entscheidung erleichtert der Plattenindustrie die Beweisführung erheblich. Ihr US-Branchenverband RIAA hat nach eigenen Angaben in den Vereinigten Staaten seit 2003 etwa 26.000 Klagen gegen Nutzer von Tauschbörsen angestrengt. Bislang versuchte der Verband aber immer, die Beschuldigten vor dem Beginn eines Prozesses zu einer außergerichtlichen Einigung zu bewegen. Das spart Anwaltskosten und minimiert das Risiko, bei der Beweisführung zu scheitern.

Das Geschäft ging so: Die beschuldigten Tauschbörsen-Nutzer zahlen eine Geldstrafe, die RIAA zieht die Klage zurück. Denn bei einem Prozess drohen den Beklagten existenzvernichtend hohe Geldstrafe.

Solch eine außergerichtliche Einigung hatte die nun verurteilte Jammie Thomas abgelehnt. Sie hoffte offenbar darauf, dass die klagenden Musikfirmen ihr die Schuld nicht nachweisen können.

Nun hat aber die Grundsatzentscheidung in dem Zivilprozess gegen Thomas sehr öffentlichkeitswirksam die Beweisführung für die Plattenindustrie erheblich vereinfacht: Schuldig ist, wer Musikdateien auf seinem Computer für Tauschbörsennutzer freigibt – ganz egal, wie oft diese abgerufen wird. Die Argumentation des Anwalts der Angeklagten Thomas wurde hinfällig. Er hatte noch im Schlussplädoyer betont, dass Thomas die Dateien nie verschickt habe.

Wer Dateien freigibt, macht sich strafbar

Aber darauf kommt es nicht mehr an. Deshalb dürfte das Urteil und die exorbitant hohe Schadensersatzsumme auch viele andere Tauschbörsen-Nutzer ins Grübeln bringen. So könnte mittelfristig das Musikangebot in Tauschbörsen austrocknen.

Entsprechend euphorisch kommentieren Branchenvertreter das Urteil. RIAA-Anwalt und Berater Richard Gabriel sagte der Nachrichtenagentur AP: "Das hier sendet eine klare Botschaft, hoffe ich. Das Herunterladen und Verteilen unserer Musik ist nicht in Ordnung."

US-Recht ermöglicht abschreckenden Schadensersatz

Die abschreckende Summe von 220.000 Dollar resultiert aus einer besonderen Form des Schadensersatzes im US-Recht. Bei sogenannten "statutory damages", also gesetzlich festgelegten Schadensersatzsumme, muss der tatsächliche Schaden nicht beziffert und belegt werden. Nach US-Recht kann der Richter den Schadensersatz zwischen 750 und 30.000 Dollar je Musikstück ansetzen.

Der 1999 erlassene "Digital Theft Deterrence and Copyright Damages Act" sieht bei besonders schweren Urheberrechtsverletzungen im Netz sogar Schadensersatzsummen von bis zu 150.000 Dollar je Musikstück vor.

Für deutsche Nutzer von Tauschbörsen hat das Urteil zunächst keine Bedeutung. Allerdings geht auch hierzulande die Musikindustrie gegen Tauschbrösen-Nutzer vor. Die deutsche Landesgruppe des Musikverbandes IFPI konzentriert sich bei Klagen aber vor allem auf Großanbieter illegaler Kopien von Musikstücken im Netz. So erwirkte die IFPI zum Beispiel im Juli per einstweiliger Verfügung, dass ein Deutscher einen von ihm betriebenen Server der Tauschplattform eDonkey abschaltet (Landgericht Hamburg Az. 308 O 273/07).

Abschreckungs-Strategie funktioniert nicht

Natürlich wird Jammie Thomas die Summe von 220.000 Dollar nie bezahlen können. Insofern dürfte der US-Musikindustrie finanziell kaum an vielen weiteren solcher Prozesse und Urteile gelegen sein. Die zu erwartenden, tatsächlich gezahlten Schadensersatzsummen dürften wohl nicht einmal die Anwaltskosten der RIAA decken. Die RIAA muss also auch nach diesem spektakulären Urteil weiter auf Abschreckung setzen.

Diese Strategie verfolgt die Branche allerdings schon seit Jahren - bislang ohne deutlichen Erfolg. Denn die Tauschbörsen sind heute sogar beliebter als vor Beginn der Klagewelle im April 2003. Das ergab eine Untersuchung ( PDF-Version) der US-Bürgerrechts-Organisation Electronic Frontier Foundation (EFF). Demnach lag die Zahl von gleichzeitig in Tauschbörsen aktiven Nutzern 2007 bei 9,35 Millionen - im Jahr 2003 waren es diesen Zahlen zufolge nur um die drei Millionen Nutzer. Das Fazit der Sekundär-Untersuchung mehrere Analysen: "Das Wachstum der Popularität von P2P-Tauschbörsen hält auch 2006 und 2007 an."

US-Urteil: Die 220.000-Dollar-Playlist

Interpret Titel Schadensersatzsumme
in Euro
Preis iTunes
in Euro
Preis Musicload
in Euro
Aerosmith Cryin' 6.554 0,99 1,29
Bryan Adams Somebody 6.554 0,99 1,29
Def Leppard Pour Some Sugar on Me 6.554 0,99 1,29
Destiny's Child Bills, Bills, Bills 6.554 0,99 1,29
Gloria Estefan Coming Out of the Dark 6.554 0,99 1,29
Gloria Estefan Here We Are 6.554 0,99 1,29
Gloria Estefan Rhythm is Gonna Get You 6.554 0,99 1,29
Goo Goo Dolls Iris 6.554 0,99 1,49
Green Day Basket Case 6.554 0,99 1,29
Guns 'N' Roses November Rain 6.554 0,99 1,29
Guns 'N' Roses Welcome to the Jungle 6.554 0,99 1,29
Janet Jackson Let's wait Awhile 6.554 0,99 1,49
Journey Don't Stop Believing 6.554 0,99 -
Journey Faithfully 6.554 0,99 1,29
Linkin Park One Step Closer 6.554 0,99 1,49
No Doubt Hella Good 6.554 0,99 1,29
No Doubt Bathwater 6.554 0,99 1,29
No Doubt Different People 6.554 0,99 1,29
Reba McEntire One Honest Heart 6.554 0,99 1,29
Richard Marx Now and Forever 6.554 0,99 1,49
Sara McLachlan Building a Mystery 6.554 0,99 1,29
Sara McLachlan Possession 6.554 0,99 1,29
Sheryl Crow Run Baby Run 6.554 0,99 1,29
Vanessa Williams Save the Best for Last 6.554 0,99 1,29

Quelle: Wired

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Forum - Musikpiraterie - gerechtes Urteil?
insgesamt 993 Beiträge
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Seite 1
M@ESW, 05.10.2007
1.
Bevor man sich über die Gerechtigkeit dieses Urteils äußern kann müsste man eigentlich wissen auf welcher Basis der Schaden ermittelt wurde. Etwa $10k pro Song klingt auf sich allein gestellt erst mal weder viel noch wenig, dazu müsste man wissen wie oft jeder weiterverteilt wurde und wie diese weiterverteilung gewertet wurde. Wenn jeder Song jetzt 10.000x geladen wurde und die davon ausgehen das jeder davon einem entgangenen Verkauf entspräche, dann wäre das Urteil ein Witz. Wenn jeder Song jetzt 100.000x geladen wurde und die davon ausgehen das jeder 10. davon den Song deshalb nicht gekauft hat, dann wärs schon akzeptabler.
Zwietracht, 05.10.2007
2.
Zitat von M@ESWBevor man sich über die Gerechtigkeit dieses Urteils äußern kann müsste man eigentlich wissen auf welcher Basis der Schaden ermittelt wurde. Etwa $10k pro Song klingt auf sich allein gestellt erst mal weder viel noch wenig, dazu müsste man wissen wie oft jeder weiterverteilt wurde und wie diese weiterverteilung gewertet wurde. Wenn jeder Song jetzt 10.000x geladen wurde und die davon ausgehen das jeder davon einem entgangenen Verkauf entspräche, dann wäre das Urteil ein Witz. Wenn jeder Song jetzt 100.000x geladen wurde und die davon ausgehen das jeder 10. davon den Song deshalb nicht gekauft hat, dann wärs schon akzeptabler.
Wenn ich das Urteil richtig verstehe, dann geht es hier nicht oder nicht allein um Schadenersatz sondern um eine Strafe für eine Straftat in Form einer Geldbuße.
Coolie, 05.10.2007
3.
Zitat von sysop220.000 Dollar für 24 Lieder US-Grundsatzurteil: Wer Musikdateien auf seinem Rechner für andere freigibt, macht sich strafbar. Ganz egal, ob jemand die Songs tatsächlich lädt, kostet das 10.000 Dollar Strafe je Lied. Ein gerechtes Urteil?
Dass die Musikpiraterie nunmehr nicht mehr als Kavaliersdelikt, sondern als Straftatbestand angesehen wird, ist m.E. ein längst überfälliger Schritt gewesen. Die Strafe, die hier allerdings verhängt wurde, ist hoffnungslos überzogen. Sie sollte - wie es z.B. in Deutschland üblich ist - sich nach dem Einkommen richten.
Emmi 05.10.2007
4. Natürlich nicht!
Die Verhältnismäßigkeit ist hier völlig abhanden gekommen. Die Musikindustrie erfindet irgendwelche Phantasiesummen, die angeblich als Schaden entstanden sein sollen, und die Richter legen das dann auf eine Privatperson um, die den Fehler gemacht hat, einige Musikdateien weiterverbreiten lassen zu haben (das ist ja bei Kazaa und Konsorten kein aktives Tun a la "ich brenne eine CD und verteile sie auf dem Schulhof" sondern geschieht automatisch, indem andere Benutzer des Dienstes diese Dateien von dem PC herunterladen). Wenn dieses Tun, bei dem kein Diebstahl o.ä. stattgefunden hat (wenn ich eine Datei kopiere, ist sie hinterher immer noch da, also habe ich niemandem was weggenommen, egal was irgendwelche Rechtsverdreher auch behaupten mögen), mit derartigen Strafen bedacht wird, wird auf Ladendiebstahl wohl bald die Todesstrafe stehen...
lichtschalter 05.10.2007
5. Falscher Eigentumsbegriff
An dem Urteil ist über nichts zu begrüßen. Erstens zerstören die Richter und Anwälte das Leben einer Frau. Zweitens tun sie das wegen einer Handlung, die niemanden anderes Leben in seinem Wesen berührt. Drittens liegt der Grund in einem völlig überzogenen Eigentumsbegriff, welcher auf die Maxime zurückzuführen ist, daß alles Leben nach seinem Geldwert taxiert und ökonomischen Regeln unterworfen werden soll. Welches Eigentum ist aber schützenswert? Für die meisten Menschen betrifft der Eigentumsschutz vor allem ihre Gebrauchsgegenstände, mit denen sie das tägliche Leben bestreiten. Für wenige schützt er vor allem Dinge, die sie nicht brauchen und nicht benutzen: Reichtümer, Eitelkeiten, Land daß sie nicht beackern und niemals betreten haben- manche besitzen vor allem, um andere von dem Besitz auszuschließen. Und was ist die Leistung eines Musikers wert, wenn sie tot auf einem Medium gespeichert ist? Jeder Mensch würde einsehen, daß er für ein Konzert bezahlen soll- schliesslich arbeitet da jemand. Bei einer Aufnahme, die man sich vielleicht einmal anhört ist der Kaufpreis dabei völlig überzogen. Wenn man ein Album wirklich mag, kauft man es sich ohnehin. Die Rechtsordnung orientiert sich am Schutz der Macht und dem Reichtum der Mächtigen, sie geht dabei am Leben vor bei. Auch Ökonomie ist nicht "das Leben", sondern nur ein Teil davon- mehr nicht.
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