Musikvideo-Plattform "They shoot Music": Die Lebensgefühl-Fänger

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Eine der coolsten Musik-Websites überhaupt kommt aus Wien: Seit vier Jahren filmen die Macher von "They shoot music - don't they" Künstler, wie sie an Orten des Wiener Alltags auftreten - in Kaffeehäusern, Parks und Skateboard-Halfpipes.

Live-Musik: So arbeiten die Guerilla-Filmer von "They shoot music - don't they" Fotos
theyshootmusic.at

Es ist eine dieser Nächte, in denen man keinen Hund vor die Tür jagt, November in Wien, nasskalt. Auf den Straßen, durch die der kalifornische Musiker Ken Stringfellow läuft, glänzt noch der Regen. Er trägt und spielt eine Gitarre, mitunter tanzt er, stampft den Takt seines Liedes. Seine kehlige, tragende Stimme hallt wider von den nackten Wänden eines heruntergekommenen Hinterhofes mit Graffiti-besprühten Wänden.

Ken wer? Kennt kaum einer, und doch hat man ihn mit höchster Wahrscheinlichkeit schon gehört. Stringfellow spielte live mit R.E.M., er war Frontman von The Posies und The Disciplines, Studiomusiker bei Aufnahmen von R.E.M., Snow Patrol und zahlreichen anderen Künstlern. Und mitunter tourt er solo, füllt zuverlässig kleinere Hallen, so wie in Wien, im November 2007. Den größten Eindruck aber hinterließ er mit einer ungewöhnlichen Videosession.

Das Video ist das älteste in der Sammlung der Wiener Musik-Website " They shoot music - don't they" (TSMDT). Das war die Generalprobe für das TSMDT-Konzept, wenn man so will. Das Video enthält bereits alle Elemente, die die inzwischen beeindruckende Filmsammlung auszeichnen: TSMDT präsentiert Musiker im Umfeld des lebendigen, urbanen und eben nicht des berühmten museal-touristischen Raumes Wien - unplugged, wie man sagt, ganz aufs Wesentliche reduziert.

Es ist eine Art Musik-plus-Geoblogging-Projekt. Klänge und Wien, beides ungefiltert, unbearbeitet, ungeschönt.

"Die Idee", erzählt Mitbegründer Matthias Leihs, "entstand Ende 2007, die ersten Videos gingen Anfang 2008 online. Wir hatten damals das Gefühl, dass Wien wenig für Subkultur und junge Kultur bekannt war."

Es ging also darum, das Image der Stadt zu brechen, Wien als junge Metropole zu zeigen. Viel mehr steckte anfänglich nicht dahinter - vor allem kein Geschäftskonzept. Es stellte die Macher schnell vor Probleme, denn ein nennenswerter Umsatz ergab sich nicht. Öffentliche Fördertöpfe aus der Start-up- und Kulturförderung dienten als Starthilfe. Argumente für eine Förderung gab es wohl wenige - wenn man davon absieht, wie schön TSMDT schon bald war.

Im Sinne des Wortes einmalig: TSMDT ist ein Unikat

Das Stringfellow-Video ist bei aller Vielfalt durchaus typisch: TSMDT vermittelt eine seltsam anrührende Intimität mit der Musik und den Künstlern. Bereits 2009 wurde TSMDT mit dem österreichischen Staatspreis für Multimedia & e-Business ausgezeichnet - ausgerechnet in der Kategorie "Talent trifft Markt". Man kann sich der schrägen Filmsammlung eben nur schwer entziehen.

Denn intimer sind Musikvideos nicht zu machen. Da hört man die stimmlichen Wackler bei We are Scientists, die Shout out louds demonstrieren Spielspaß, als sie in einer Skateboard-Halfpipe aufspielen. Tom Smith von den Editors, nach Millionen verkaufter Alben, Brit-Awards und UK-Top-Notierungen nach allen Maßstäben des Business ein Star, zeigt, dass er auch als Busker auf der Straße überleben könnte. Kritiker-Liebling Gruff Rhys (Super Furry Animals) hat seine Gitarre mit Sperrholz aufgehübscht. Die Wild Mocassins posieren vor Schlossansichten, andere Bands spielen in Garagen, Kneipen, Cafés, Treppenhäusern, auf Dächern, auf Bäumen - wo auch immer sich das ergibt oder ein angemessen schräges Bild verspricht.

Und immer ist man mitten drin in Wien, mal prächtig, mal schmutzig. Passanten laufen durchs Bild, im Hintergrund wird gejoggt, Billard gespielt, Leute trinken weiter ihre Melange, während in einer Raumecke geklampft und leise gesungen wird. Autos fahren, Regen fällt, Hintergrundgeräusche überdecken kurz die Musik. Manchmal bleiben Leute stehen, laufen zusammen, wachsen an zum Publikum eines dieser Ad-hoc-Konzerte.

"Können wir mal eben ein Musikvideo drehen?", fragt einer der TSMDT-Teamer aus dem Off eines der mit oft wackeliger Handkamera gefilmten Stücke. "Dauert nur zehn Minuten."

"Kein Problem", antwortet der Gefragte. Kurz darauf hocken die Musiker auf dem Boden einer gerümpelvollen Werkstatt - oder was diese "Location" auch immer sein mag. Man zweifelt keine Sekunde daran, dass das Video genau so entstanden ist. Es holt kleine und große Stars höchst effektiv vom vermeintlichen Himmel, erdet sie im Sinne des Wortes.

Ein Job für Begeisterte und Bescheidene

"Oft", sagt Matthias Leihs, "ist das reiner Pragmatismus, weil so wenig Zeit bleibt." Eine Stunde dauere so ein Dreh gemeinhin.

Leben kann davon natürlich keiner. Alle Mitglieder des Gründer-Teams, zu dem neben Leihs das Geschwisterpaar Sarah und Simon Brugner und Michael Luger gehört, sind selbständig, alle sind Überzeugungstäter. Und tatsächlich hat sich They Shoot Music indirekt "ausgezahlt", wenn man so will: Es wirkt wie eine Empfehlung.

Die Macher setzen auf eine indirekte Refinanzierung: Sie dokumentieren als Dienstleister Festivals, bieten Web-Dienstleistungen an von der Social-Media-Promotion bis hin zur Abwicklung von gestreamten Live-Übertragungen.

Längst verlagert sich das Geschäft auch in andere Bereiche, wie Michael Luger ergänzt: Man funkt auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen, Twitter, MySpace, Lastfm, Flickr, YouTube. "Die Facebook-Seite", sagt Luger, "versorgt unsere Community zwischen den Session-Veröffentlichungen mit Making-of-Fotos, Gewinnspielen, Videoempfehlungen und TSMDT-bezogenen Hinweisen und hat sich nach und nach auch zu einem pophistorischen Fotoblog entwickelt."

Und wie soll es weiter gehen? Ab Herbst 2011, erzählt Matthias Leihs, wird man ein von TSMDT entwickeltes TV-Format auf einem österreichischen Kabel-TV-Kanal sehen. Ein möglicher, auch logischer Entwicklungsschritt. Den "Prototypen" gibt es schon bei YouTube zu sehen.

Auf den Folgeseiten: Highlights aus dem Video-Angebot von They Shoot Music:

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insgesamt 7 Beiträge
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1. nicht sonderlich originell
megamoser 25.06.2011
ich denke nicht, dass TSMDT sonderlich originell ist. es wirkt eher wie ein wiener abklatsch von "les concerts à emporter" von vincent moon (la blogothèque). das macht die qualität der videos nicht schlechter, aber ob es zur coolsten musikseite im netz reicht...?
2. http://www.cardinalsessions.com/
Proud Harry 25.06.2011
es gibt da so ein ähnliches, ich nenns mal projekt, aus Köln soweit ich weiss. Lohnt sich da mal reinzusehen! http://www.youtube.com/watch?v=CpYH10BZH3c
3. ..
I-D- 25.06.2011
musste auch gleich an la blogothèque denken, die wirklich unglaublich gut sind. aber es ändert ja nichts dran, dass das hier ein cooles projekt ist und sich wien so mal von ner anderen seite zeigt :)
4. Ähnliches Prinzip...
Deer Dance 25.06.2011
...verfolgt Musikmob aus Leipzig. http://www.musikmob.com/ Die regionale Musikszene muss sich selbst zu helfen wissen.
5. Unikat? Nicht ganz!
08005 25.06.2011
---Zitat--- Im Sinne des Wortes einmalig: TSMDT ist ein Unikat ---Zitatende--- Nicht ganz: "Concerts privats" aus Barcelona. http://www.xiptv.cat/programa/135/concerts-privats
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