Musikvideos im Netz Ein Heim für Parasiten

Krasse Bilder, gewagte Einstellungen oder schlicht unkonventionelle Musik - Videokunst hat es im Musikfernsehen traditionell schwer. Dabei gibt es eine große Szene von Regisseuren, die mit ihren Musikvideos Kunst machen oder sich einfach mitteilen wollen. Im Netz finden sie ihr Publikum.


Sheena ist ein Parasit. Kurz blitzen Bilder auf, in denen die mädchenhafte Frau im weißen Kleid sich verwandelt und dem Publikum ihre Eingeweide entgegenschleudert. Eine Minute und 40 Sekunden Musikvideokunst, die nie auf MTV oder anderen Musiksendern gezeigt wurden. Und das, obwohl der Clip von Chris Cunningham stammt, der kein Unbekannter im Bereich der Videokunst ist.

Auf der Internetseite von YouTube finden sich professionelle Videos wie dieses von Cunningham, aber auch viel Improvisiertes.
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Auf der Internetseite von YouTube finden sich professionelle Videos wie dieses von Cunningham, aber auch viel Improvisiertes.

Auf YouTube haben bisher immerhin 47.567 Leute den Clip gesehen, den Cunningham zu "Sheena is a Parasite" von der Band "The Horrors" gemacht hat. Und viele haben ihn nicht nur gesehen, sondern gleich auch noch rezensiert. Von "Fucking great" bis zu Plagiatsvorwürfen reichen die Urteile. Rückmeldung ausdrücklich erwünscht. Mittlerweile gibt es bei YouTube auch eine Parodie auf "Sheena is a Parasite".

Nicht alle Musikvideos, die im Netz auftauchen, vertreten einen so hohen künstlerischen Anspruch wie das Cunninghams. Das Angebot für Videoliebhaber reicht von ambitionierten, experimentierfreudigen und oft auch talentierten Clipregisseuren, die teils unter waghalsigen Bedingungen gedreht haben, bis hin zu Hobbyfilmern, die bei der heimatlichen Karaokeshow draufgehalten haben.

Den größten Musikvideo-Fundus bietet YouTube. Es ist der ideale Ort für alle, die sich einen Überblick über seltsame Trends auf der ganzen Welt verschaffen wollen. Und für alle Fans von MashUps, Remixes und selbstgedrehten Heimvideos. Wie zum Beispiel das der 22-jährigen Tasha aus Israel, die zusammen mit einer Freundin mittels Webcam ein Video zu "Hey" von der Rockband "Pixies" gemacht hat. Fast elf Millionen Menschen haben den Clip bisher gesehen.

Um den Überblick bei dem riesigen Angebot nicht ganz zu verlieren und zur ersten Orientierung können Videomacher ihr Angebot dank "Taggin" grob beschreiben. Bandname, Liedtitel, Jahrgang, Regisseur, Musikstil, Besonderheiten. Diese Kurzbeschreibungen heißen "Tags". Sie gelten als Wunderwaffe in der Organisation von Inhalten. Dank der Tags kann man sich zum Beispiel bei YouTube ausschließlich japanische Popmusik oder seltsame Auftritte in TV-Shows anschauen. Allerdings nutzen die User die Möglichkeit des "Taggins" bisher eher zurückhaltend.

Reichweite riesig, Qualität gering

Die Qualität bei YouTube ist meist schlecht. Das liegt nicht nur an den mangelnden technischen Fähigkeiten der Freizeitregisseure, sondern auch an der Übertragung per Videostream. Wer filigrane Machwerke von detailverliebten Regisseuren mit künstlerischem Anspruch bevorzugt, wird sich schnell an der schlechten Farbwiedergabe und der körnigen Darstellung stören und lieber bei Gleichgesinnten nach besseren Videos suchen.

Diese Klientel bedient zum Beispiel "videos.antville.org". Hier gibt es zwar auch immer mehr Links zu YouTube-Videos anstelle von auf dem Webserver hinterlegter Clips. Doch der Anteil von Videos in guter Qualität ist noch verhältnismäßig hoch. Gerade Clip-Regisseure von wenig bekannten Bands suchen hier professionelle Kritik von erfahrenen Videomachern. Einer schreibt: "Ich habe dieses Video gemacht und würde sehr gerne die Meinung der Antvillianer hören. Hat schon mal einer was Ähnliches gesehen?" So hat sich "videos.antville.org" in den vergangenen Jahren vom Geheimtipp zur Anlaufstelle für Videoliebhaber gemausert. "Eine Online-Perspektive für Regie-Neulinge und eine Goldmine für Videophile", schrieb das kanadische Modemagazin "Flare".

Auf den Musikvideoblogs "So Hot Right Now" und "Shots Ring Out" gibt es zwar weniger Auswahl als bei den "videos.antville.org", dafür aber zusätzlich Texte und Interviews. Außerdem sind die meisten Clips für den iPod optimiert, man kann sie sich direkt auf den tragbaren Videospieler herunterladen.

"Distribution Killed the Video Star"

So verlockend die Verbreitung über das Internet für Musikclip-Regisseure sein mag, sie tun sich nicht unbedingt einen Gefallen damit. Diese Ansicht vertritt unter anderem "James" auf "Shots Ring Out" in einem Artikel mit der Überschrift "Distribution Killed the Video Star". Die Verbreitung durch YouTube oder Google Video habe zwar diverse Vorteile, Qualität gehöre aber nicht dazu. Und was nutze einem Regisseur die kostenlose Verbreitung, wenn seine Filme schlecht rüberkommen.

Bei vielen Plattformen sei die Übertragung so schlecht, dass Unterschiede in der Produktionsqualität gar nicht mehr auffielen. Als besonders abschreckendes Beispiel hat "James" seinem Artikel ein Video beigefügt: "Dieses Video sieht genauso gut aus, wie alle anderen, die Ihr da draußen finden könnt. Und das ist das Problem: Es ist mit einem Handy gefilmt worden."

P.S.: Beide in den Text eingebundenen Musik-Videos sind ältere Werke von Chris Cunningham, die man bei MTV und Co wohl kaum noch zu sehen bekommt. Das erste Stück ist "Only You" von Portishead, das zweite "All is full of love" von Björk.



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