Videobloggerin Hannah Hart Besoffen kochen

Diese Kochshow ist anders: Wenn sich Hannah Hart für "My Drunk Kitchen" vor die Kamera stellt, sind Zutaten und Zubereitung Nebensache - viel wichtiger ist der Alkoholpegel.

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Entertainerin und Anti-Hausfrau Hart: Trinken und ein bisschen kochen
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Entertainerin und Anti-Hausfrau Hart: Trinken und ein bisschen kochen


Hannah Hart war gerade im Weißen Haus eingeladen. Um Barack Obama bei seiner Kampagne zu helfen, junge Amerikaner und Amerikanerinnen für seine neue Gesundheitsversicherung zu gewinnen, debattierte sie mit anderen YouTubern und dem Präsidenten. Gar nicht mal so schlecht für eine 27-jährige Videobloggerin, die ihre Karriere damit begann, besoffen zu kochen.

Genau genommen tut Hannah Hart das immer noch: Einmal in der Woche betrinkt sie sich vor der Kamera und kocht dabei. Oder genauer: Sie versucht es. Denn das Gelingen der Rezepte stand noch nie im Vordergrund, wenn Hannah Hart in ihrer Sendung "My Drunk Kitchen" mit einem stets gut gefüllten Glas in der Hand durch die Küche torkelt und in die Kamera lallt. Im Vordergrund stehen Hannah Hart und ihr sehr spezieller Humor.

Begonnen hat alles vor drei Jahren: Hart war damals von Kalifornien nach New York gezogen und fristete ihr Berufsleben hinter einem Büroschreibtisch. Für eine Freundin drehte sie zum Spaß ein Video, wie sie im Suff versucht, ein Grilled Cheese Sandwich zuzubereiten. Auf halbem Weg durch das Rezept merkte sie, dass sie keinen Käse im Haus hat, so wurde es nur ein gebratenes Toast. Die Freundin fand das lustig. Hart stellte das Video auf YouTube. Ein paar Wochen später hatten drei Millionen Menschen die erste Folge von "My Drunk Kitchen" gesehen, Celebrities twitterten über sie und Hart wurde zum Internetstar.

Inzwischen ist Hannah Hart wieder zurück nach Los Angeles gezogen, um dort das, wie sie sagt, pralle Leben einer YouTube-Entertainerin zu führen. Und das Hart'sche Medienimperium ist um einige Marktsegmente angewachsen: Im Februar kam ihr erster Film "Camp Takota" heraus, vergangenes Jahr ging sie auf eine von den Fans (von ihr liebevoll "Hartosexuals" genannt) finanzierte Tour durch Nordamerika, Australien und Großbritannien. Sie produziert Songs, die auf iTunes zu kaufen sind, und im Sommer erscheint ihr erstes Kochbuch. Diese Frau macht irgendetwas offenbar sehr, sehr richtig.

Einfach gute Comedy

Nur was? Warum wollen Millionen von Menschen Hannah Hart betrunken beim Kochen zusehen? Auf den ersten Blick scheint es als sei Hannah Hart die neue Mini-Martha-Stewart: Eine kluge Medienunternehmerin, die es versteht, das Bedürfnis ihres Publikums nach dem besten Rezept für Tacos oder Banana Bread zu befriedigen und daraus ein Geschäft zu machen.

Aber das ist falsch. Hannah Hart ist nicht Über-, sondern Anti-Hausfrau. Die Rezepte, die sie in "My Drunk Kitchen" mal alleine, mal mit Gästen kocht, sind vollkommen schnurz. Brownies backt sie aus einer Backmischung, für Pizza schmiert sie fertige Tomatensoße auf einen fertigen Pizzateig. Oft genug verteilt sie die Zutaten im Suff auch einfach auf dem Boden und liegt am Ende selbst kichernd darin. "I made this from my freezer," erklärt sie in Folge acht, während sie Vanilleeis aus der Packung in ein Hörnchen löffelt und das Ganze mit zwei Bissen in den Mund stopft. Zuvor hatte sie alleine zwei Flaschen Rosé geleert.

Was Hart in "My Drunk Kitchen" tatsächlich bietet, ist nicht die auf zeitgenössisch gebürstete Hausfrauenspießigkeit, mit der zahllose Koch-, Deko- und Beautybloggerinnen heute im Netz aufwarten: appetitliche Pinterest-Fotos von Quinoa-Fenchel-Salat, gerösteten Aprikosen oder sich selbst im Petticoat. Hart liegt diese Form von Häuslichkeit sehr fern, sie hat auf diesem Gebiet keinerlei Ambition. Auf ihrem Menu steht stattdessen: gute Comedy.

Kalkulierter Kontrollverlust

Schon im nüchternen Zustand kann sich Hannah Harts Slapstick-Performance mit der von Amy Poehler oder Tina Fey messen, den amtierenden Parteichefinnen der US-Comedy. Kommt dann noch der kalkulierte Kontrollverlust durch Alkohol hinzu, läuft sie zu Höchstform auf. Dann spricht sie mit dem piepsenden Backofen ("Shhh, Ofen-Babies. Mami trinkt gerade"), lässt das Gemüse mit verteilten Rollen Dialoge aufführen oder gibt tequilagetränkte Lebensratschläge. "Ignorier dieses kleine Rezept, dass dir sagen will, was du mit deinem Leben anstellen sollst. Dieses Rezept kennt dich doch gar nicht."

Für Frauen, die in Anbetracht der neokonservativen Hausfräulichkeit, die die Blogosphäre dominiert, um ihre Selbstachtung ringen, ist Hart ein Triumph. Seht her!, will man mit jeder Episode schreien, es gibt Frauen, denen ist Kochen wirklich scheißegal.

Zur Autorin
Chris Köver ist Chefredakteurin des "Missy Magazine" und freie Journalistin. Sie lebt in Berlin und Hamburg, schreibt über das Netz, Kultur und Gesellschaftspolitik. Für Spiegel Online berichtet sie im Wechsel mit Sonja Eismann und Katrin Gottschalk als netzfeministische Korrespondentin.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
alisme 03.06.2014
1. Lieber Herr Köver
"Ignorier dieses kleine Rezept, dass dir sagen will, was du mit deinem Leben anstellen sollst. Dieses Rezept kennt dich doch gar nicht." Ich versteh's nicht. Was ist so schwer daran an dass/das?
alpha.nerd 03.06.2014
2. das alles
wirkt gestellt. und selbst wenn ich mich da irre, es ist nicht besonders lustig. die frau hätte dann ein ernstes alkoholproblem. ein video ohne nachbearbeitung würde zeigen, ob sie wirklich hackedicht wird oder ob es nur schlecht geschauspielert ist.
ivo2012 03.06.2014
3. Göttlich!
Hab mich köstlich amüsiert! Es ist schon eine Kunst im betrunkenen Zustand gleichzeitig beim Essenmachen zu versagen und trotzdem so wortgewandt und kreativ (und gleichzeitig offensichtlich betrunken und verplant) zu unterhalten! ;D
Olaf 03.06.2014
4.
Zitat von sysopYouTube Diese Kochshow ist anders: Wenn sich Hannah Hart für "My Drunk Kitchen" vor die Kamera stellt, sind Zutaten und Zubereitung Nebensache - viel wichtiger ist der Alkoholpegel. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/my-drunk-kitchen-hannah-harts-rezept-zum-erfolg-a-935593.html
Frauen sollten also mehr saufen, weil sie sich dann frei fühlen?
MichiD 03.06.2014
5. Absolut Uncool!
Es ist bestimmt für viele lustig Frau Hart bei alkoholisierten Kochversuchen zuzuschauen. Wenn andere Promis z.B. der Promi Hasselhoff betrunken vom Sohn gefilmt werden empfinden viele das aber eher als peinlich oder traurig. Ok, Hasselhoff ist vielleicht nicht so originell. Aber genau das ist es was herauskommt es wird traurig. Sich einmal wöchentlich zu bis zum Kontrollverlust zu betrinken ist bereits traurig. Wenn dieses Verhalten wie in diesem Beitrag von der Presse unkritisch gelobt und beworben wird, dann sehe ich das als peinlich aber auch traurig an. Alkoholmißbrauch ist ein riesiges Problem. Das zu verharmlosen ist m.E. verantwortungslos. Ich bin weder dafür, Alkohol zu verbieten noch Frau Harts Videos zu sperren. Aber man sollte sich zumindest fragen, wie man so ein Verhalten in der Öffentlichkeit bewertet.
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