MySpace & Co. Kauf Dir schöne Freunde

Rettung für Cyber-Loser: Wer keine Freunde findet, kann jetzt wenigstens im Internet so tun, als ob er welche hätte. Ein Dienst für Social-Networking-Portale wie MySpace oder Facebook hilft mit gutaussehenden, netten Bekannten aus dem Katalog - für 99 Cent pro Monat.

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Wunsch und Wirklichkeit klaffen mitunter weit auseinander. In den neunziger Jahren waren es Angeber, die mit Mobiltelefon den Anschein von Wichtigsein erwecken wollten. Und weil Handys von ranghohen Managern alle Nase lang klingeln mussten, heuerten die Aufschneider Leute an, die sie zu passenden Momenten anriefen, etwa wenn sie gerade mit einem Geschäftspartner verhandelten. Tricksen und Täuschen gehört seit jeher zum Geschäft.

Das gilt erst recht im Online-Zeitalter, in dem immer mehr Menschen ein Doppelleben im Internet führen. In "Second Life" schlüpfen sie in fremde Rollen, auf Social-Networking-Portalen wie MySpace, Xing oder StudiVZ sammeln sie Freunde wie vor 20 Jahren ihre Eltern Briefmarken.

Dumm nur, wenn sich niemand findet, der in die eigene Freundesliste will und regelmäßig Kommentare hinterlässt. Für solche Mauerblümchen hat Brant Walker, ein Multimediadesigner aus San Diego, einen Schummelservice entwickelt. Auf seiner Webseite Fakeyourspace.com verkauft der 26-Jährige Freunde aus dem Katalog. 99 Cent kostet es, eine attraktive Schönheit einen Monat lang seinen Freund oder seine Freundin nennen zu dürfen. Im Preis inklusive sind zwei Kommentare, die der gekaufte Kontakt auf der Seite des Online-Mauerblümchens hinterlässt. Der Dienst unterstützt nicht nur MySpace, sondern auch Friendster, Consumating und das Studentenportal Facebook.

Die Idee zu Fake Your Space sei ihm gekommen, als er sich verschiedene MySpace-Profile angeschaut habe, sagte Walker der "New York Times". "Manche hatten eine Menge gut aussehender Freunde, andere nicht." Er wolle Cyber-Loser zu Social-Networking-Magneten machen, indem er ihnen zu Postings attraktiver Menschen verhelfe.

Was ist wahr, was vorgetäuscht?

"Vielleicht möchtest du ja, dass andere denken, du hättest ein Model als Freund", heißt es auf der Webseite. Oder aber, man wolle seinen Ex-Partner eifersüchtig machen? Dies sei kein Problem. "Lass eines unserer Models mit dir in deinem Kommentarbereich flirten."

"Fake Your Space hat mein Online-Leben komplett verändert. Ich war noch nie so beliebt", schreibt eine angebliche Lindsey aus San Diego auf Fakeyourspace.com. Das Posting kam allerdings, wie ein Blogger hämisch bemerkt, bereits zwei Tage, nachdem die Seite online gegangen war.

Es überrascht kaum, dass Schummeldienste wie Fake Your Space mittlerweile versuchen, im Web-2.0-Geschäft mitzumischen. Die boomenden Plattformen laden geradezu zum Fälschen und Täuschen ein. Freunde zum Kaufen sind nur eine weitere Variante von bezahlten Bloggern und PR-Agenturen, die Kommentare verfassen oder Wikipedia-Einträge im Sinne ihrer Auftraggeber anpassen.

"Wohin soll das alles führen?", fragt der renommierte IT-Experte Bruce Schneier in seinem Blog. "Was kommt als Nächstes? Dienste, die Freunde auf deiner MySpace-Seite überprüfen? Oder Angebote, die Freunde-Überprüfungs-Dienste blockieren?" Das Ganze sei einfach nur traurig, meint ein Surfer in einem Kommentar dazu.

Nervende Freunde abservieren

Völlig neu sind die Freunde zum Kaufen freilich nicht. Auf eBay konnten Surfer mit Kontaktmangel bereits MySpace-Freundschaften ersteigern. "Sei mein Freund oder meine Freundin für einen Monat", heißt es in einer Auktionsbeschreibung. Besonders attraktiv war das Angebot offenbar nicht: 10,50 US-Dollar bezahlte der Höchstbietende schließlich.

Wer stattdessen einfach nur möglichst viele Online-Freundschaften in möglichst kurzer Zeit schließen will, kann auf Dienste wie "Add Your Face" zurückgreifen, die eine Datenbank von angeblich 25.000 Personen besitzt. Die Software "Power Friend Adder" stellt Anfragen an andere Personen. "Auf diese Weise kannst du jede Woche Tausende Freunde in deine Liste aufnehmen", wird auf der Webseite versprochen. Es geht dabei ganz offensichtlich vor allem um Masse.

Da kann es auch ganz schnell passieren, dass plötzlich zu viele Leute in der Freunschaftsliste stehen. Man könnte sie einfach löschen, aber das sorgt mitunter für Verstimmungen, wenn diese einen tatsächlich kennen. Für diesen Fall hat Brant Walker, der Erfinder von Fake Your Space, einen weiteren Service im Angebot: Break Your Space. Dieser soll helfen, "nervende Freunde" aus der Kontaktliste zu tilgen. Angeblich, ohne dass deren Gefühle verletzt werden. Kostenpunkt: 99 Cent pro zu eliminierendem Freund.

Für die hilflosen Web-Existenzen, die nicht wissen, wie man am besten Schluss macht, hat Break Your Space Nachrichten für alle möglichen Situationen vorbereitet. Die Nachricht werde binnen zwölf Stunden zugestellt, und danach werde der Empfänger einen "wahrscheinlich" aus seiner Freundesliste gestrichen haben, wird auf Breakyourspace.com versprochen. Falls dies nicht geschehen sei, könne man den Betreffenden "bedenkenlos" aus der eigenen Liste streichen.

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