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MySpace Deutschland: Kostenlos gibt es überall

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Heute geht MySpace Deutschland offiziell online. Damit steigt die Zahl der kostenlosen Web-Hoster hier um schätzungsweise 0,2 Prozent. Wer da herausstechen will, braucht gute Argumente. Der neueste Trend: regionale und spezialisierte Networks - genau das, was MySpace nicht anbietet.

Über einen Mangel an Presse kann sich der amerikanische Freehoster MySpace, bei dem jedermann kostenlos Homepages eröffnen kann, nicht beklagen. Kaum ein Tag, an dem der Dienst nicht in irgendeiner deutschen Zeitungen erwähnt wird.

In aller Regel aber ist MySpace heute nicht mehr Gegenstand der Berichterstattung, sondern taucht im Kontext von Musikberichten auf - in denen erwähnt wird, wo und unter welchem Namen welcher Künstler sein MySpace-Profil hat. In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit mutiert das bis vor wenigen Monaten als Social Community gefeierte Angebot zu einer Art Showcase für Musiker.

MySpace Deutschland: Werbung mit kostenlosen Konzerten

MySpace Deutschland: Werbung mit kostenlosen Konzerten

Das hat Vor- und Nachteile. Wenn MySpace heute Abend die Beatsteakes ins Rennen schickt, um mit einem kostenlosen Konzert Aufmerksamkeit für den Launch des deutschsprachigen Angebotes zu wecken, ist wieder einmal massig Presse garantiert (Sido, Scooter und andere sollen folgen). Die Gefahr ist nur, dass wieder vor allem über die Musiker berichtet wird, nicht aber über MySpace.

Kein Wunder, denn eigentlich passiert ja auch so gut wie nichts.

Irgendwann am Freitag soll sich die Eingangsseite des deutschen MySpace vom Beta- zum offiziellen Status verändern. Im Klartext heißt das, dass MySpace das "Beta" aus seinem Namensschriftzug entfernt.

Denn deutschsprachige Inhalte kann man bei MySpace schon seit einiger Zeit lesen. Schön ist das, aber für die meisten Nutzer wohl wenig relevant: Die sind nicht an der Titelseite der Webseite interessiert, sondern an den Profilseiten, wo sie Musiker wie auch ihre eigenen "Ha-Pes" und die ihrer Freunde finden. Die Menüs dort sind schon seit Monaten deutschsprachig, die Inhalte auch - denn sie kommen ja von hiesigen Usern.

Dass der Launch noch nicht einmal mit einer deutschen Domain einhergeht, sondern nur mit einer fixen Umleitung zu MySpace Deutschland, wenn man die .com-Adresse anwählt, unterstreicht das Non-Event. Für so manchen dürfte das eher ein Ärgernis sein, weil es das Aufrufen der Originalseite verkompliziert. Die .de-Adresse war allerdings auch schon belegt: Unter MySpace.de darf sich der Hotelsoftwareanbieter HSTeam in den nächsten Tagen auf reichlichen, aber fehlgeleiteten und teuren Traffic freuen.

Gibt es also nichts Neues zu berichten aus der Welt von MySpace und Co? Natürlich gibt es das. Mit MySpace Deutschland geht ein Dienst offiziell online, der inzwischen regelrecht gegentrendig erscheint.

Ist kleiner feiner?

Denn so schnell kann das gehen im Web 2.0: Der angebliche Unterschied zu klassischen Anbietern kostenlosen Webspaces wie Tripod, der im nächsten Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiern kann, war die Social-Networking-Komponente bei MySpace. Da konnten Nutzer sich durch einen "Freund"-Status zu Gruppen vernetzen, eingebaute Kommentarfunktionen sorgten für Kommunikation. Die Spielregeln erlaubten großzügig - und bis vor kurzem oft unter Ignorierung von Copyrights - die Einbindung multimedialer Elemente. Was dabei heraus kam, sah lebendig und spritzig und frisch und neu aus - und begeisterte den Medien-Tycoon Rupert Murdoch so, dass er die Community im Juli 2005 für 580 Millionen Dollar aufkaufte.

Seitdem hat sich MySpace nicht nur sehr erfolgreich kommerzialisiert, sondern platzt auch aus allen Nähten. Über 100 Millionen Mitglieder soll der Dienst angeblich haben, wie viele Karteileichen darunter sind, weiß niemand. So mancher treibt seinen Schabernack mit den astronomischen Zahlen: Profis, die nach Öffentlichkeit suchen, verfügen mitunter über Freundesnetzwerke, die mehrere Millionen Personen umfassen. Damit ist die Mär von der Social Community diskreditiert.

Jugendliche, die wirklich Netzwerke stricken, ticken heute bereits anders - und vor allem anderenorts. Überall im Lande entstehen regionale Netzwerke von Jugendlichen. Und anders als vor ein paar Jahren spielen große, hippe Web-Marken mit weltweiter Reichweite dabei keine beherrschende Rolle.

Das läuft folgendermaßen: Ausgehend von regionalen Moden an Schulen setzt sich in einer bestimmten Region ein Instant Messenger durch (AIM, ICQ, Yahoo, MSN, Jabber etc.). Die Chat-Funktionen dort führen zur allmählichen Erweiterung sozialer Kreise. Beginnt dort eine Person mit einer kostenlosen Homepage, folgen die anderen in der Regel zum gleichen Anbieter - und das sind allein in Deutschland Schätzungen zufolge um die 500.

Denn kostenloser Webspace ist eine beliebte werbliche Dreingabe zu kommerziellen Services - und für eine wahrscheinlich dreistellige Zahl von Anbietern durch werbliche Vermarktung die Haupteinnahmequelle.

So entsteht bei tendenziell eher kleinen Anbietern genau das, was vor zwei Jahren als das Web-2.0-Potenzial von MySpace gefeiert wurde: Ein kommunizierendes, semi-geschlossenes Netzwerk aufeinander bezogener Personen. Gerade jüngere Kids empfinden es dabei als Vorteil, damit gerade nicht auf einer weltweit beachteten Plattform präsent zu sein, sondern quasi unter sich. Auf solchen Seiten lassen sich auch noch die gerippten Musikdateien hinterlegen, die heute vornehmlich via Messenging-Software und nicht mehr via P2P getauscht werden. MySpace passt da inzwischen auf.

Viele Anbieter haben auf diese Nachfrage-Trends reagiert. Die Zahl der Dienste, die Webspace im Gigabyte-Bereich bis hin zu unlimitierten Konten ermöglichen, ist längst satt zweistellig. Im Verbund mit ähnlich lockeren Regeln wie einst bei MySpace ermöglichen sie so die Einbindung multimedialer Features. MySpace ist inzwischen quasi überall zu haben.

Und es geht weiter. AOL, Betreiber der populären Instant-Messenging-Dienste AIM und ICQ strickt zurzeit an einem eigenen Social-Networking-Portal. Das könnte was werden, wenn es gelingt, die chattenden Klein-Communitys im eigenen Angebot zu binden, statt darauf zu warten, dass die sich irgendwo einen Freehoster suchen.

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