MySpace-Wahlkampf in den USA Reservat für bedrohte Polit-Stars

Hillary Clinton will alle Gegner ins Lager schicken. Rudolph Giuliani lobt sich für die Einführung des Polizeistaats. Mit derart gefälschten MySpace-Seiten werden US-Wahlkämpfer bloßgestellt. Inzwischen gibt es einen MySpace-Bereich, in dem man garantiert echte Politiker findet - mit unfreiwillig komischen Profilen.

Von


Hinter den Kulissen lief das Ganze vermutlich ungefähr so ab: Hillary Clintons Beraterteam hatte entschieden, dass es Zeit für den Internet-Wahlkampf ist – Webcasts, Blog-Präsenz und so weiter. Und da muss natürlich auch MySpace mit hinein, in so eine Online-Strategie von heute, um an die Wähler von morgen heranzukommen. Also richtete eine Agentur Hillary Clinton eine schöne Profilseite ein, mit Bildern und Videos und ermutigenden Sätzen wie "durch das Wunder der Technologie kann ich jetzt MIT Euch sprechen, nicht nur auf Euch einreden".

Irgendwann ein paar Tage später hatte Hillary im Fonds ihres Dienstwagens Zeit, sich mal kurz diese MySpace-Seite anzusehen, und suchte im 150-Millionen-Netzwerk nach ihrem Namen.

Dabei stieß sie auf diverse Seiten, die alle "Hillary" oder "Hillary Clinton" hießen. Mit Selbstbeschreibungen wie "Alle, die sich mir entgegen stellen, (…) werden in Lager geschickt" oder "Ich werde Euer nächster Präsident, sobald ich Bush ins Exil im All geschickt habe". Das war dann vermutlich der Moment, als Clinton entschied, dass mal jemand würde anrufen müssen bei MySpace - immerhin geht es um die Präsidentschaft.

Wer sich ins Internet begibt, das ist eine einfache Regel für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, kommt darin nicht notwendigerweise um, aber doch mit großer Wahrscheinlichkeit in Schwierigkeiten. Clinton ist nicht die einzige Politikerin mit einem echten und vielen falschen MySpace-Profilen. Betroffen sind vor allem Kollegen von der Konkurrenz. Der Republikanische Kandidatur-Aspirant Rudolph Giuliani etwa äußert sich in einem Profil mit seinem Namen so: "Die Menschen vergessen oft, dass ich während meiner Schreckensherrschaft als Bürgermeister von New York City die Kriminalitätsraten senkte, indem ich Gotham in einen Polizeistaat verwandelte." Andernorts outet sich ein falscher Giuliani als "Fan von Snuff-Movies".

"Ich bin sehr für den Krieg"

Viele der Politiker-Duplikate sind durchaus nett gemeint – der Demokratische Präsidentschafts-Anwärter Barack Obama etwa hat viele Fans im Netz, so dass man eine Vielzahl Pro-Obama-Profile findet. Bei manchen der verdoppelten MySpace-Seiten jedoch ist es schwierig, zwischen ernstgemeinter Unterstützung und Satire zu unterscheiden – etwa wenn auf einer Seite mit dem Namen des Republikaners Duncan Hunter solche Aussagen auftauchen: "Ich bin für den Verteidigungshaushalt verantwortlich, der über 445 Milliarden Dollar beträgt. Ich bin sehr für den Krieg."

Mit anderen Worten: Die US-Politik bemüht sich redlich, Amerikas Jugend dort abzuholen, wo sie sich herumtreibt – aber eben diese Jugend nutzt das Netz am allerliebsten als Satire-Plattform und macht es so fast unmöglich, zwischen Wahlkampf und Krampf zu unterscheiden. Image-Kontrollverlust ausgerechnet zu Kampagnenzeiten - Clinton, Giuliani und andere sind sicher wenig begeistert über die Missrepräsentationen ihrer selbst auf MySpace. Und jetzt wurden ihre Klagen erhört.

Seit gestern gibt es innerhalb des Netzwerks einen Unterbereich mit der Adresse impact.myspace.com. Der soll nicht nur der US-Politik dienen, sondern generell für saubere Information und karitative Zwecke zur Verfügung stehen – im Moment aber ist "Impact" vor allem die Adresse, unter der man ganz sicher die echten Politiker findet. MySpace-Chef Chris DeWolfe sagte Associated Press, MySpace werde als "meistfrequentierte Website des Landes eine mächtige Rolle bei der kommenden Wahl spielen" – und die soll, kann man zwischen den Zeilen lesen, keine allzu unrühmliche sein.

John McCain mag Terroristenjäger im Fernsehen

Die MySpace-Presseabteilung verkauft das Projekt als soziales Gewissen des Freundesnetzes. Immerhin: Neben den garantiert echten Clintons, Obamas und Giulianis bietet "Impact" auch eine Plattform für Aktivisten wie die vom "Burrito Project", das sich für Verpflegung für Obdachlose einsetzt, oder das "Foundation FunKollective", das sozialen Zusammenhalt mit den Mitteln des HipHop stärken will. MySpace-Seiten solcher Projekte sollen bei "Impact" gebündelt und gelegentlich mit Preisen ausgezeichnet werden.

Für die hoffnungsvollen Anwärter aufs Präsidentenamt wird es mit "Impact" jedenfalls ein bisschen leichter, die richtigen Botschaften unters junge Volk zu bringen - auch wenn das meist sehr bemüht wirkt. Senator John McCain etwa verrät in seinem Profil, dass er ein Fan der für ihre Folterszenen kritisierten Terroristenjägerserie "24" ist. Der Demokrat Chris Dodd publiziert seine Mp3-Playlist ("Dodd Pod"). Die echte Hilllary Clinton lässt in der dritten Person wissen, dass "das Versprechen Amerikas für sie sehr real war, als sie aufwuchs" – und der Demokrat Dennis Kucinich präsentiert unter anderem eine Audiodatei, die erklärt, wie man seinen Namen ausspricht.

Besonders bizarr wirkt das Wahlkampf-Profil von Rudolph Giuliani – nach all der bösen Satire hatte New Yorks ehemaliger Bürgermeister wohl keine Lust mehr auf die Aufmerksamkeit der MySpace-Jugend. Wer sein Profil aufruft, wird mit dieser Meldung beschieden: "Dieses Profil ist privat. Der Nutzer muss Dich als Freund hinzufügen, damit Du sein Profil sehen kannst."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.