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Nach dem Tsunami: Die Web-Gemeinde reagiert schnell und besonnen

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Das Internet hat sich verändert in den letzten vier Jahren. Seit der Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember zeigen seine Nutzer, wozu das WWW wirklich gut sein kann - mit Hilfsaktionen und Vermissten-Datenbanken. Wirrköpfe, Voyeure und Abzocker halten sich dagegen weitgehend zurück.

Tsunami-Überlebende in Indien
AFP

Tsunami-Überlebende in Indien

Wenige Stunden, nachdem am 11. September 2001 die Flugzeuge der Terroristen in WTC und Pentagon einschlugen, begann sich das Web von seiner finsteren Seite zu zeigen: Verschwörungstheorien erblühten, kranke Scherzkekse machten sich einen Spaß aus dem Horror. Hysteriker, Choleriker, Zyniker und Rassisten fanden im Web und in unzähligen Gerüchte-E-Mails ihren Toberaum. Unvergessen der "Touristguy", dessen Foto um die Welt ging: Da lächelte einer auf dem Dach des WTC stehend in die Kamera, während sich unter ihm der erste Flieger nähert. Ein blöder Scherz, wie sich wenig später herausstellte, eine zynische Bildmontage.

Berühmte Bildmontage "Touristguy": Dummer Scherz über den Terror

Berühmte Bildmontage "Touristguy": Dummer Scherz über den Terror

Der Terror des 11. September etablierte das WWW als Nachrichtenmedium, aber das "Rauschen" der unsinnigen, ärgerlichen, verantwortungslosen, hasserfüllten oder infantil-humorigen Postings zementierte auch seinen Ruf als Trash-Medium. Das Web, so stellte sich das dar, teilte sich in eine um Professionalität bemühte kommerziell-publizistische und eine anarchische, nicht ernst zu nehmende Gegenwelt.

Vier Jahre später sieht das alles ganz anders aus.

Die Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember wird unter anderem auch Mediengeschichte schreiben. Nie zuvor wurde eine Naturkatastrophe von so vielen Kameras eingefangen. Die Bilder und Filme zahlloser digital ausgerüsteter Urlauber fanden teils binnen Stunden ihren Weg ins Web - und in die Nachrichten. Für die nächsten Wochen ist eine Welle von neuen Bildern im Internet zu erwarten.

Eine andere bange Erwartung hingegen hat sich nicht erfüllt - oder sollte man sagen wiederholt? Ebenfalls schon nach wenigen Stunden gab es zahlreiche Veröffentlichungen zum Tsunami im Web. Ihr Ton jedoch war anders als im September 2001: In Blogs und auf privaten Homepages, in Foren und Chats tauschten Menschen Nachrichten und Meinungen aus - sachlich, wenn nicht sogar offensichtlich emotional erschüttert.

Kaum eine Spur von dem grenzdebilen, leichenfleddernden Voyeurismus, den man in Anbetracht des vieltausendfachen, oft von Kameras dokumentierten Todes hätte befürchten können. Klar gibt es auch das, doch selbst in den Foren der finsteren Ecken des Webs werden heute die zur Ordnung gerufen, die sich am Foto-dokumentierten Tod ergötzen. Viele davon gibt es nicht.

Fotowand mit Vermisstenanzeigen: Die Hinterbliebenen brauchen Gewissheit - so oder so
REUTERS

Fotowand mit Vermisstenanzeigen: Die Hinterbliebenen brauchen Gewissheit - so oder so

Natürlich wachsen die Sammelseiten mit Laienfilmen und -fotos. Natürlich entgleisen sie im Ton: Als dem Betreiber von "Wafeofdestruction" Pietätlosigkeit vorgeworfen wird, nachdem er einen "netten Zusammenschnitt" der spektakulärsten Filme ankündigt, fällt ihm das auch selbst offenbar auf. Natürlich auch vermischen sich nun zunehmend originäre Bilddokumente mit Fotos anderer Flutkatastrophen.

Einzelne Fotomontagen von monströs großen, Hochhäuser verschlingenden Wellen kursieren im Web. Missverstandene Bilder von Chinesen, die an einer Kaimauer von vier, fünf Meter hohen Wellen einer Springflut erwischt werden. Doch solche Dinge sind weit seltener als Mails, die Hilfsaufrufe, Suchanfragen und Ähnliches enthalten.

Natürlich gibt es auch darunter Trittbrettfahrer des Elends, aber es gibt nicht viele davon. Die bekannte Hoax-Infoseite an der TU Berlin kann im Augenblick nur auf zwei Kinder-Suchanzeigen verweisen, die nur deshalb als "falsch" einzuordnen sind und deshalb nicht mehr verbreitet werden sollten, weil die Kinder bereits ihren Verwandten zugeführt wurden. Snopes hingegen, das weltweit größte Verzeichnis für im Internet verbreitete Falschmeldungen und "urban legends", kennt bisher nicht einen einzigen Fall massenhaft verbreiteten Tsunami-Unsinns.

Selbst bei eBay, mitunter auch der Basar der Gewinnler und Abzocker, läuft diesmal nichts: Der versuchte Verkauf mehrerer Internet-Adressen mit Asien- und Tsunami-Bezug scheiterte daran, dass niemand dafür bieten wollte. In einigen Fällen zogen Menschen, die sich Stunden nach der Katastrophe entsprechende Adressen gesichert hatten, ihre Angebote wieder zurück, nachdem sie das Ausmaß des Elends begriffen hatten.

Hilfe für Angehörige: Vermissten-Datenbanken

Das Web, könnte man da bilanzieren, scheint erwachsen geworden. Viel mehr noch als vor vier Jahren nehmen seine Nutzer das weltumspannende Netzwerk nicht mehr nur als Entertainment- und Inforaum wahr, sondern als Kommunikationsraum auch für die Verbreitung nicht "professioneller" medialer Information. Dazu zählen die Blogger, von denen manche längst selbst "Medienmarken" geworden sind, dazu zählen die zahlreichen privaten Initiativen, die über das Web versuchen, Hilfe zu leisten.

Wie so etwas aussehen kann, macht "Asienflut.de" vor, ein privates Projekt von fünf Münchner Studenten. Die Webseite will "rund um die Uhr aktuelle Informationen, Links, Daten, Forum, Opfer/Vermissten-Listen, Spendenmöglichkeiten zur Verfügung" stellen. Kern des Angebotes ist "Deutschland sucht", eine Datenbank mit teils bebilderten Personenbeschreibungen.

Privatinitiative: Vermissten-Datenbank Asienflut.de

Privatinitiative: Vermissten-Datenbank Asienflut.de

So etwas ist neu in Deutschland: Müsste so etwas nicht eigentlich der Staat leisten, das DRK, sonst wer offiziöses?

Vielleicht, aber oft ist "privat" eben schneller, und das Web macht vieles früher undenkbare möglich. So wie die ersten deutschen Rettungshelfer vom rheinischen Düren aus spontan, professionell aber aus privater Initiative schon gen Südostasien gestartet waren, während Hilfsorganisationen und Staat noch über die organisatorischen Abläufe debattierten, entstand mit Asienhilfe ein Portal, das teils verzweifelte Informationsbedürfnisse bedient, die weder vom Auswärtigen Amt, noch vom Roten Kreuz oder anderen befriedigt werden. Wer beim Außenministerium einen Vermissten sucht, darf ein entsprechendes Online-Formular ausfüllen.

Dagegen bringt die Suche über das Web durchaus etwas, davon ist Stefan Zimmermann von Asienflut.de überzeugt. Bisher stehen in der Datenbank die Beschreibungen und Fotos von rund 300 Personen. Aufgegeben werden die Suchanzeigen von Verwandten und Freunden. Seit Mittwoch letzter Woche gibt es das Angebot, und schon, erzählt Zimmermann, habe Asienflut.de 38 konkrete Hinweise an das Auswärtige Amt weitergeben können.

Die Hoffnung ist natürlich die, von Zeugen etwas über das Schicksal der Vermissten zu erfahren. "Sucht auch, wenn sie tot sind", wurde Zimmermann schon gebeten, der sich darüber bewusst scheint, dass seine Webseite neben ihrem intendierten Nutzen auch so etwas wie Beistand leistet: sie vermittelt den Betroffenen das Gefühl, etwas versucht zu haben.

Und die Chancen, dass dabei wirklich etwas heraus kommt, steigen tatsächlich. Im Laufe der letzten Woche entstand weltweit ein ganzes Netzwerk ähnlicher, miteinander vernetzter Seiten, oft aus privaten Initiativen heraus. Erste Erwähnungen in den Fernsehnachrichten von n-tv und ARD brachten Asienflut.de Zehntausende Besucher. Jetzt will die "Deutsche Welle" in ihrem Asienprogramm über die Seite berichten, die Adresse dort publik machen. Noch ist die Katastrophe nicht vorbei, die Zeit drängt, weiß Zimmermann. Gerade eben habe ihm ein Anrufer aus Thailand von herumirrenden Kindern verschiedener Nationalität am Strand erzählt. Weit weg, aber potenziell nah dran.

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