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Nach Pöbeleien: "Washington Post" macht Blog dicht

Nach knapp zwei Monaten hat die "Washington Post" ihr Experiment, Leser unter dem Dach der Zeitung bloggen zu lassen, beeendet. Als Grund gibt die Redaktion eine Flut von Regelverstößen, Beschimpfungen von Autoren und generell Unflätigkeiten an.

Ganz unproblematisch ist das nie, wenn professionelle Medien "bloggen": Das Führen von Weblogs ist per definitionem eine Sache des "alternativen Journalismus", der "Community" - es definiert sich teils dadurch, dass es eben nicht kommerziell und "professionell" motiviert ist. Medien nehmen das Blog dagegen als bloße Stilform auf, was mal mehr, viel öfter aber weniger glaubwürdig ist.

Richtig "Blog" ist so eine Plattform auch nur, wenn sie sich auf die freie Kommunikation mit dem Leser einlässt. Kommentarfunktionen sind ein fester Bestandteil des Blogs, in dieser Hinsicht sind sie Verwandte des Forums. Genau an diesem Punkt beginnen für Medien die echten Probleme, auch, wenn es sich um so angesehene Titel wie die "Washington Post" handelt.

Denn kein Medium kann es sich leisten, dass unter dem Dach ihrer Marke einfach alles publiziert wird. Die Beiträge müssen Grundregeln gehorchen, dürfen geltendes Recht nicht verletzen und nicht die Persönlichkeitsrechte von Personen. Das offene Blog der "Washington Post", heißt es nun anlässlich seiner Schließung, habe zuletzt zwei Personen Vollzeit nur damit beschäftigt, die eingesandten Beiträge vor ihrer Veröffentlichung auf Rechts- und Regelverstöße zu kontrollieren. Weil sich das als Sisyphus-Aufgabe entpuppte, zog die Chefredaktion nach knapp zwei Monaten die Notbremse - und den Kommentarfunktionen der Blog-Webseite den Stecker.

Abschuss in nur vier Tagen

Auslöser war eine Flut von derbsten Beschimpfungen gegen eine Kolumnistin des Blattes in den letzten vier Tagen, die nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen waren. In einem öffentlichen Statement zur Schließung des Angebots, das man zurzeit noch auf der Blog-Webseite lesen kann, erklärte Online-Chefredakteur Jim Brady die Gründe des Blattes. Wenig später ließ er ein Update folgen, das die Sache noch vertieft.

Gegen Kritik wegen des Rückzuges aus dem Bloggen verteidigt er sich mit einem Aufruf, der schon fast nach Hilferuf klingt: "Wir haben die Idee, einen gesunden Dialog mit der Öffentlichkeit zu führen, nicht aufgegeben, aber diese Erfahrung zeigt uns, dass wir vorsichtiger an diese Sache herangehen müssen."

Brady schließt seinen Brief an die Leserschaft mit dem Aufruf, sich mit konstruktiven Anregungen ruhig an ihn zu wenden - per E-Mail, der heute üblichen Form des Leserbriefes.

Eine ähnliche Erfahrung wie die "Washington Post" machte im Juni letzten Jahres die "Los Angeles Times". Nach nur zwei Tagen Laufzeit schloss sie ihr offenes Blog wieder, nachdem dort pornografisches Material veröffentlicht worden war.

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