Nach Vandalismus Wikipedia friert Artikel ein

Nachdem bestimmte Artikel wiederholt verändert worden waren, haben Wikipedia-Administratoren diese tageweise für Änderungen gesperrt. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales kündigte an, dass es bald stabile Artikelversionen geben soll.


Die Zweifel an der Qualität von Wikipedia sind fast so alt wie die Online-Enzyklopädie selbst. Ein Lexikon, in dem jeder dahergelaufene Internetnutzer Texte munter ändern und löschen kann – dem soll man trauen? Spektakuläre Fälle mit böswillig veränderten Artikeltexten hatten das Mitmachprojekt wiederholt in Misskredit gebracht. Die Artikel werden, anders als bei der Encyclopaedia Britannica oder dem Brockhaus, nicht von einem Expertengremium geschrieben und kontrolliert, sondern von jedem Surfer, der Lust dazu hat.

Dies funktioniert in der Regel sehr gut, geht aber gelegentlich auch schief. So mussten Administratoren in den vergangenen Tagen in der englischsprachigen Wikipedia wiederholt Artikel für weitere Änderungen sperren, wie die "New York Times" berichtet. Vorausgegangen waren Vandalismus und sogenannte Edit-Wars, bei denen Streithähne immer wieder Texte in ihrem Sinne ändern. Bereits seit 2003 ermöglicht eine Funktion der Wiki-Software, Artikel für die Bearbeitung zu sperren. Diese wird seitdem regelmäßig genutzt.

Betroffen waren diesmal unter anderem die Einträge über Albert Einstein und die Sängerin Christina Aguilera. Insgesamt wurden nach Angaben der "New York Times" 82 Artikel gesperrt. Weitere 179 Einträge, darunter über George W. Bush, Islam und Adolf Hitler bekamen den Status "halb-geschützt". Wer diese ändern wollte, musste bereits mehrere Tage bei Wikipedia registriert sein. Dies verhindert zwar nicht automatisch Vandalismus – zumindest aber spontane Aktionen.

Offenbar wurden die Artikel aber nur temporär gesperrt, wie aus der Edit-History ersichtlich ist. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales erklärte, nur ein kleiner Teil der insgesamt 1,2 Millionen Artikel sei davon überhaupt betroffen – gewöhnlich erfolge eine Sperrung nur für eine begrenzte Zeit. In der Regel hätten sich streitende Autoren schon nach wenigen Tagen wieder beruhigt, hieß es von Wikipedia-Seite. Ein Experte nannte die zeitweise Sperrung eine sehr gute Mediationstechnik.

Wie groß die inhaltlichen Mängel von Wikipedia-Artikeln unter Umständen sein können, zeigt der Fall des renommierten US-Journalisten John Seigenthaler. Er war in der englischsprachigen Wikipedia monatelang fälschlicherweise mit der Ermordung von John F. Kennedy in Zusammenhang gebracht worden. In dem Artikel über Seigenthaler stand die Behauptung, er habe früher einmal im Verdacht gestanden, in die Ermordungen von John F. Kennedy und Robert Kennedy verwickelt gewesen zu sein.

In einem anderen Fall hatte der ehemalige MTV-Moderator Adam Curry den Eintrag zum Thema "Podcasting" bearbeitet - den Vorwürfen seiner Kritiker zufolge in eigenem Interesse. Curry gilt selbst als Pionier der zum Download angebotenen Radioprogramme für MP3-Player. Durch seine Änderungen versuchte er aber angeblich Mitstreitern auf diesem Gebiet ihren Ruhm zu nehmen. Er habe Verweise auf Ideen und Arbeiten anderer Podcast-Vorreiter aus dem Eintrag gelöscht, so der Vorwurf.

Wikipedia veränderte nach den Vorfällen seine Regeln. Zwar durften anonyme Nutzer weiterhin noch Einträge ändern, aber keine neuen mehr erstellen. Auch das Einfrieren von Artikelversionen fasste die Wikipedia-Community damals ins Auge.

Jimmy Wales konkretisierte auf der der Göttinger Tagung Wikipedia-Academy die Pläne zur Verbesserung der Qualität der Wikipedia-Inhalte. Der nächste Schritt sei es, stabile Artikelversionen einzuführen, die auf Richtigkeit überprüft seien, sagte er heise online. "Noch wissen wir nicht genau, wie das funktionieren wird". Da sich die deutschsprachige Wikipedia schon heute auf hohem Qualitätsniveau befinde, würde die Einführung stabiler Artikelversionen wahrscheinlich zuerst hier ausprobiert.

hda

Korrektur: Anfangs hieß es im Teaser dieses Artikels, die zeitweise Sperrung von Wikipedia-Einträgen sei eine Abkehr von der bisherigen Praxis, nach der jedermann Texte editieren könne. Dies ist jedoch falsch. Einzelne Artikel der Online-Enzyklopädie werden schon seit 2003 kurzzeitig gesperrt, um Diskussionen abzukühlen.   



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