Nachrichten.de: Burda googelt im Ungefähren

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Verleger Hubert Burda hat sich häufig und laut über Google News beklagt. Jetzt bietet er mit Nachrichten.de selbst eine automatisierte Sammelseite an. Das Angebot zeigt nach erster Begutachtung, wie man es besser und fairer machen könnte - und krankt doch an den wohlbekannten Schwächen.

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SPIEGEL ONLINE

Wie schön, dass man den Charakterkopf von Franz Müntefering auch dann auf einen Blick erkennt, wenn man nur Ausschnitte davon sieht. Denn eigentlich sind Porträts nicht wirklich dazu geeignet, als Aufmacherfotos auf Nachrichten.de zu landen: Das Design der Seite stellt die großen Bilder als Streifen im Cinemascope-Format dar, erst ein Klick aufs Bild öffnet das gesamte Motiv. Das sieht ganz toll aus, wenn das Bild - wie in den Design-Entwürfen aus der Entwicklungsphase der Seite - passt, ist aber meistens nur lustig, wenn es zum Bilderrätsel wird: Wessen Stirn sehen wir denn da?

Sorry, deaktivieren wir einmal den Ironie-Modus: Sich als Journalist fair und kritisch mit Hubert Burdas Nachrichten.de auseinander zu setzen, ist gar nicht so einfach. Der Münchner Verleger trat in den letzten Monaten als vehementester Kritiker von News-Aggregatoren wie Google News auf, die wir Nachrichtenproduzenten alle mit sehr gemischten Gefühlen beobachten. Jetzt macht er denen Konkurrenz, und zwar mit einer eigenen News-Aggregation - und allen damit verbundenen Wirkungen und Nebenwirkungen.

In der Bildergalerie: Step-for-Step-Kritik der Webseite

Schnell kommt einem da Franz Josefs Degenhardts Lied "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" in den Sinn. Das Lied kritisiert eine elitäre Haltung, die mit den Eckpunkten "Wir bleiben unter uns" und "Mit dem Proleten-Pack haben wir nichts zu tun" gut umschrieben ist. Sollten wir, die Klasse der Medienmacher, uns so absetzen von der Klasse der Medien-Verwerter Google, Yahoo News und Co.? Ist unser Gemecker gegen Aggregatoren nicht nur der Reflex gegen die vermeintlichen Schmuddelkinder?

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Nachrichten.de: Hübsch, aber auch nicht clever

482 Quellen hat Nachrichten.de zum Start gecrawlt, darunter auch SPIEGEL ONLINE. Aggregatoren führen uns - und hier insbesondere den kleineren Marken, die sonst weniger Aufmerksamkeit bekommen - immerhin Leser zu. Andererseits schaffen sie Nachrichten-Überblickseiten, die manchem sehr flüchtigen Leser als Schnell-Info über das, was gerade passiert, genügen mögen. Dann wirken sie ganz klar parasitär: Sie nehmen die Ergebnisse unserer Arbeit, stellen sie in ihren Kontexten dar, ohne dass wir Produzenten, die wir Zeit, Geld und Infrastrukturen in die Produktion investieren, irgendetwas davon haben.

Druck aus dem Web: Quantität statt Qualität

Weit schlimmer noch erscheint uns aber etwas anderes: Die Algorithmen der Nachrichten-Crawler, die denen der Suchmaschinen aufs engste verwandt sind, sind strunzdumm. Nach wie vor orientieren sie sich vor allem an quantitativen Merkmalen. Sie belohnen Faulheit, Uniformität und geringe Themenvarianz. Sie bestrafen Recherche, subjektive Positionen, originäre wie originelle Inhalte und Exklusivität, indem sie sie konsequent ignorieren.

Das ideale Rezept, es auf einer Aggregatorenseite auf eine prominente Platzierung zu bringen, sieht so aus:

  • Melde eine Nachricht nicht als Erster, sondern erst dann, wenn sie durch Masse "Gewicht" bekommt. Viele Meldungen zum gleichen Thema signalisieren dem Aggregator, dass ein Thema wichtig ist. Die Letzten werden die Ersten sein!
  • Schreibe die Meldung oder den Artikel nicht selbst. Nimm eine Agenturmeldung, verändere auch die Agentur-Schlagzeile nicht. Verändere am besten gar nichts!
  • Meide Autorenartikel, Glossen, Reportagen, exklusive Informationen und Interviews mit Leuten, die nicht sowieso gerade überall in den Medien sind. Den Aggregator interessiert nur, was alle haben.
  • Vermeide Scoops - und wenn du exklusive Infos und vertiefte Recherchen zu bieten hast, vergiss nicht, nachher dann auch die von dir selbst lancierte Agenturmeldung darüber zu veröffentlichen. Die wird dann - im Gegensatz zur Originalmeldung - zumindest gesehen.

Was ist wertvoll?

Nochmals sorry, nochmals Deaktivierung des Ironie-Modus: Für Journalisten, deren Alltagsgeschäft es ist, mehr zu tun, als Agenturmeldungen zu verbreiten, sind Aggregatoren ein Affront. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil sie unsere Arbeit entwerten und unterminieren.

So wichtig die Nachricht, die Wasserstandsmeldung über den Zustand der Welt ist, - erst die Exploration und Vertiefung, Deutung und Kommentierung schafft eine qualitativ hochwertige Information. Aggregatoren lassen uns als Köche von Einheitsbrei erscheinen, indem sie zeigen, wie viel Austauschbares in Medien zu finden ist. Zugleich belohnen sie das und fördern es so, weil sie das nicht Austauschbare ignorieren. Das entwertet die Medien und ihre Arbeit insgesamt.

Denn wodurch haben Sie vor Jahren mehr erfahren über das US-Gefangenenlager Guantanamo? Durch die Meldungen über seine Existenz oder durch erste Reportagen und recherchierte Hintergrundberichte? Was hat an den dortigen Zuständen mehr geändert? Welcher Aufwand hat sich mehr gelohnt?

Für Google News und all die anderen Aggregatoren waren zu jedem Zeitpunkt in Massen verbreitete Meldungen - inklusive PR-Mitteilungen der US-Armee - mehr wert als jede exklusive Enthüllungsgeschichte. Erst das Gewitter der Mini-Meldungen über die Enthüllung wird dann wieder wichtig aus Sicht des Aggregatoren.

Wer recherchiert, verliert

Dieser Druck der algorithmisch gut erfassbaren Massenmeldung schlägt längst durch auf die Produktion von Medien. Die möglichst absolute Abbildung von Meldungslagen wird zunehmend wichtig. Immer öfter geraten eigene Geschichten unter die Räder des Aktualitäts- und Vollständigkeitsdrucks. In der zurechtgestauchten, zusammenrationierten Medienrepublik mit ihren schrumpfenden Redaktionsgrößen und steigendem Aktualitätdruck wird die Frage "Warum haben wir das nicht gehabt?" zum Kriterium, an der sich die Qualität der Arbeit entscheidet - und nicht an der Antwort "Weil wir das hatten, was allen anderen fehlte". Darf ein qualitativ orientierter Verlag da mitmachen?

Burda versucht es, indem er einige der typischen Aggregatoren-Nebenwirkungen aushebelt. Dem Launch von Nachrichten.de gingen Angebote an alle möglichen Verlage und andere Nachrichtenproduzenten voraus, sie an durch die Aggregation erwirtschafteten Umsätzen zu beteiligen. Bemerkens- und lobenswert transparent macht Burda das Modell sogar öffentlich: 20 Prozent des mit Hilfe eines Artikel-Links erwirtschafteten Profits soll an den Urheber ausgeschüttet werden. Ausgezahlt wird ab einer kumulierten Umsatzhöhe von 500 Euro. Eine zeitliche Begrenzung dafür existiert nicht. Viele Verlage dürften diese Umsatzhöhe erst nach längerer Zeit erreichen.

Aggregator bleibt Aggregator

Diese Chance wäre wohl größer, wenn sie sich auf Modell zwei einlassen: Wer seine Artikel hergibt, um sie im Seitenkontext von Nachrichten.de selbst darstellen zu lassen, kassiert 50 Prozent. Gerade kleinere Verlage mit einem Anzeigenmarketing, das sich mit Online-Vermarktung noch schwertut, mögen das reizvoll finden. Es erinnert übrigens an die Revenue-Share-Modelle, die das von Burda so hart gescholtene Google gerade US-Verlegern angeboten hat.

Das Fazit über das frisch gelaunchte Nachrichten.de fällt eher süßsauer aus: Zum einen zeigt Burda den Aggregatoren durchaus, wie man gegenüber den Produzenten fairer agiert. Auf der anderen Seite ist Nachrichten.de selbst ein Aggregator mit den typischen, im konkreten Fall sogar besonders ausgeprägten Schwächen (siehe Bildergalerie). Das Angebot ist natürlich neu, an manchen Ecken und Kanten wird man in München noch fleißig schleifen. An den grundsätzlichen Problemen, die mit Aggregatoren zusammenhängen, wird das aber kaum etwas ändern.

Denn auch Nachrichten.de profitiert wie Google News von der Arbeit der anderen, in diesem Fall sogar der direkten Konkurrenz. Die Mindest-Auschüttungshöhe wird dafür sorgen, dass nicht zu viel Umsatz abfließt, während gerade kleineren Verlagen Gelegenheit gegeben wird, durch eine Rolle als bloßer Zulieferer etwas mehr Geld zu verdienen. Der Druck, entsprechend populäres - will sagen: massenkompatibles - Material anzuliefern, wird dadurch eher steigen.

Als Journalist wünschte man sich, dass eine Aggregationsseite aus der Medienwelt anders agieren würde. Dass sie Qualitäten belohnte statt Quantitäten. Dass sie Perlen suchte statt Massenware. So etwas von einer automatisiert erstellten Nachrichtenseite zu erhoffen, ist natürlich völlig naiv. Algorithmus bleibt Algorithmus, Aggregator bleibt Aggregator.

Für das andere, die bewusste Zusammenstellung von Meldung und Analyse, Reportage, Hintergrund, Glosse und Interview, für diesen ganzen bunten Blumenstrauß verschiedener Stilformen betreiben wir Medienmacher ja Web-Seiten und Tageszeitungen, Wochenmagazine und Special-Interest-Titel. Das ist etwas anderes als der Betrieb einer Aggregationsseite, und auch Burda ist da ja aktiv.

Mit Nachrichten.de dokumentiert Burda, dass er sich aber auch diesen anderen Markt nicht entgehen lassen will. Das ist okay, im Ansatz integerer gelöst als bei vielen anderen Aggregatoren. Aber es ist bestimmt nicht zielführend, die Entwicklung von Medien mit einer quantitativen Orientierung nach vorn zu treiben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
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1. Burda nimmt und zahlt nichts.
peterhampelmann 18.09.2009
Auch eine Seite des Burda-Verlags, der ach so ungerecht behandelt fühlt: man nimmt sich Inhalt und weigert sich dafür zu zahlen.
2. Burda
peterhampelmann 18.09.2009
sorry, so kann man das Link wenigstens anklicken http://pudri.blogspot.com/2009/09/internet-is-for-free.html
3. heute-Nachrichten auch nur noch ein Aggregator
avollmer 18.09.2009
Auch die Nachrichtensendungen des ZDF verkommen zum Aggregator, der nur kurze Bilder mit Text-Teaser präsentiert und im weiteren auf heute.de verweist. Damit schrumpften die heute-Blöcke im Frühstücksfernsehen des ZDF auf die Größe des 100sec-Webcasts. Es scheint ein Trend zu sein, die journalistisch erarbeiteten Nachrichten und Artikel durch Ticker, Teaser und Linklists zu ersetzen. Statt der Information bekommt der Leser die Klötzchen aus dem News-Baukasten vorgesetzt, damit er sich selbst eine Nachricht basteln kann. Der Vorteil, da keine tiefe Recherche notwendig ist, gestaltet das Ganze sich billger, kann weniger schiefgehen, man blamiert sich nicht und kann statt qualifizierten und engagierten Journalisten einen Stab von Praktikanten werkeln lassen.
4. Google & Burda
jackk 18.09.2009
Mal im Ernst: Die Jurnalie steht nach meinem Dafürhalten nicht vorm aus: ganz im Gegenteil - wer wirklich eine Information haben will, muß ohnehin diverse Blätter, online oder gedruckt, lesen damit ein ungefährer Eindruck enstehen kann. Daran wird Burda nichts ändern, auch Ihr nicht, obwohl ich das Mißfallen nachvollziehen kann. Am Ball bleiben und nicht zögern. Bild-Leser gibt's schließlich auch noch. Sonst geht es bergab!
5. Gut
H. Krämer 19.09.2009
Zitat von sysop... Verleger Hubert Burda bietet selbst eine automatisierte Sammelseite an ...
Ein guter Artikel, der Anteil an Ironie-Modus bringt die Sache nur noch besser auf den Punkt. Das Fazit "Der Druck, entsprechend populäres - will sagen: massenkompatibles - Material anzuliefern, wird dadurch eher steigen." wird uns allerdings wohl noch einige Zeit erhalten bleiben. Eine Twitter-Kultur und der ganze sonstige anonyme Blogkram ist nicht dazu angelegt, in die Tiefe einer Materie zu gehen. Wer verantwortlich für eine Meinung zeichnet, setzt seinen Namen darunter. Nur um zu sagen, ich renne massenkompatibel bei der ganzen Schafherde mit, dazu reichen anonyme 50 Zeichen à la Twitter. Einige SPIEGEL-Journalisten sind allerdings auch nicht frei vom Wunsch, Absätze in ihren Artikeln wie in einem billigen Roman zu haben; ganze Absätze gehen deshalb im Informationsgehalt gegen Null, nur um zu zeigen, zu welch emotional kreativer Wortakrobatik der Schreiber fähig ist. Allerdings (ERFREULICH) wird auch solche Kritik hier im Forum nicht unterdrückt; da sind andere Redaktionen dünnhäutiger.
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