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Nachrichtenglobus: Google klebt News auf die Weltkarte

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Seit heute ist Google Earth auch ein Nachrichtenmedium. Die digitale Weltkarte lässt sich nun mit Meldungen aus Google News kombinieren - Lokalberichterstattung einmal anders. Bislang gibt es das Angebot nur für US-Kunden, in Europa soll es demnächst kommen.

Es gibt eine Faustregel zu den Faktoren, die darüber entscheiden, wie sehr sich Menschen für eine Nachricht interessieren: Relevanz und Nähe. Google hat eben einen Dienst vorgestellt, der Nähe zum primären Merkmal macht - was für ihn relevant ist, muss sich der Nachrichtenkonsument dann selbst heraussuchen.

Ein Autounfall mit zwei Verletzten in Mosambik interessiert in Deutschland in der Regel niemanden, ein Autounfall mit zwei Verletzten direkt vor der eigenen Haustür dagegen schon. Ein Regierungswechsel oder eine explodierte Ölpipeline in Mosambik dagegen würde auch hier für Interesse sorgen. Das klassische Medienmodell sucht auch nach diesen Kriterien Nachrichten aus und serviert sie dem Leser/Hörer/Zuschauer.

Das Netz lässt eine andere Möglichkeit zu - weil hier erstmal alles, ob Nachrichten, Fotos oder Orte, einfach Daten sind, die sich beliebig miteinander verknüpfen lassen. Google macht mit einer neuen Anwendung für seinen Digitalglobus nun genau das: Ort statt Schlagzeile, könnte man das Modell zusammenfassen. Vor dem Globus sind alle Meldungen gleich.

Seit heute kann man sich, zumindest in den USA, die vom Nachrichten-Suchalgorithmus aggregierten Google News auf dem Google-Earth-Globus einblenden lassen. Wer in Huntsville, Texas wohnt, kann jederzeit einen Blick auf die Karte werfen und sehen, wo in seiner Region irgendwelche Neuigkeiten angefallen sind. Welche Neuigkeiten das sind und ob sie für ihn relevant sind oder nicht, findet er allerdings erst heraus, wenn er das entsprechende Kästchen mit Überschrift und Text-Anlauf aufklickt, das sich hinter einem kleinen Zeitungssymbol auf der Kartenoberfläche verbirgt. Vor Längen- und Breitengrad sind alle Nachrichten zunächst mal gleich, egal, ob es sich um eine politische Demonstration oder die Eröffnung eines Baumarktes handelt.

Der Dienst ist in Europa derzeit nicht verfügbar - "in Kürze" soll sich das aber ändern, erklärte Google-Sprecher Stefan Keuchel auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Zudem soll der Dienst bald auch von Google Maps aus zugänglich sein - also vom Browser aus, ohne dass man sich die Globus-Software eigens installieren muss. 4500 Nachrichtenquellen sollen in die Anwendung bislang einlaufen. Die Meldungen kommen wie immer nicht von Google selbst, sondern sind Verweise auf die Online-Angebote von Zeitungen, Zeitschriften, Nachrichtenagenturen und anderen, die tatsächlich im Nachrichtengeschäft tätig sind. Viele der Produzenten nehmen Google News die Verwertung der Früchte ihrer Arbeit durchaus übel, mehrere Klagen hat es schon gegeben. Der Nachrichten-Globus dürfte diesen Debatten neue Nahrung geben.

Diesmal waren andere schneller als Google

Google ist mit diesem Dienst mal nicht am schnellsten - ähnliche Nachrichten-Karten gibt es schon von verschiedenen Anbietern. Die WAZ etwa versucht mit ihrem Online-Portal "Der Westen" die Leser zu Geotaggern zu machen - neben jeder Meldung steht ein Kartenausschnitt mit der Aufforderung "Zeigen sie uns wo!". Wer will, kann den Ort des Geschehens auf einer Karte eintragen. Die Funktion erfreut sich bislang allerdings eher beschränkter Beliebtheit - obwohl lokalisierte Nachrichten natürlich gerade im lokalen Bereich wirklich ihren Sinn haben. Vielleicht muss man der Leserschaft die Aufgabe des Verortens eben abnehmen.

So wie das bereits einige MashUps mit Hilfe von Googles Kartendienst Google Maps machen. Hier etwa kann man sich aktuelle Nachrichten der Agentur Associated Press auf einer Karte der USA anzeigen lassen - die Ortsmarken der Meldungen entscheiden darüber, wo die virtuellen Stecknadeln in der Landkarte stecken. Das ist oft nicht sonderlich präzise - man kann sich vorstellen, dass in der Mitte von Berlin bei diesem Vorgehen ziemlich viele Nädelchen stecken würden.

Ohne echtes Geotagging geht es nicht

Bei MetaCarta, einem ähnlichen Projekt, werden Meldungen von AP und Reuters mit Google Maps verknüpft. Die Meldung über den Brand in der Berliner Philharmonie findet sich auf der Karte gleich zweimal, einmal korrekt verortet am Potsdamer Platz und einmal am Schiffbauerdamm. Andere Nachrichten scheinen mehr oder minder wahllos irgendwo auf die Karte gepinnt worden zu sein. MetaCartas Nachrichten-Karte ist aber ohnehin eher eine Art Demonstrationsobjekt eines Unternehmens, das mit "geographic intelligence solutions" Geld verdienen will.

Damit so ein System wirklich Sinn ergibt, müssen die Nachrichtenorte "geotagged" werden, also mit präzisen Längen- und Breitenangaben versehen. So wie das viele Menschen inzwischen mit ihren Flickr-Fotos oder auch mit bei YouTube hochgeladenen Videos freiwillig machen. Diese Daten lassen sich auch jetzt schon in Google Earth einbinden - entsprechend verortete Videos findet man dort auch jetzt schon. Wer die vielen tausend Google-News-Meldungen präzise geotaggen soll, ist noch unklar - manche Netzpropheten fordern schon seit langem, Web-Seiten mit solchen sogenannten Metadaten zu versehen, bislang ist das jedoch nicht sehr verbreitet.

Im "Lat Long Blog" der Entwickler, die für Google an Earth und Maps arbeiten, ist jedenfalls schon einmal vom "Geobrowser" die Rede - statt den Zugängen Verlinkung oder Suche soll auch der Ort zu einem Zugangsweg in den Informationsdschungel Internet werden. "Von den Speisekarten der Schulkantinen bis hin zur globalen Erwärmung haben Sie nun buchstäblich eine Welt voller Information jederzeit griffbereit", schwärmt Produktmanager Brandon Badger im Blog.

Bleibt abzuwarten, ob die Weltkugel der Netzzugang der Zukunft wird - oder ob ein Globus voller Symbölchen für Nachrichten, Aussichtspunkte, Urlaubsvideos und Wikipedia-Einträgen den Nutzer nicht langfristig ein bisschen überfordert.

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1. Auch für europäische Sprachen schon lange verfügbar / warum es so schwierig ist
cunning-linguist 22.05.2008
Als Sprachwissenschaftler (Computerlinguist), der selbst am Thema Geo-Tagging (der Erkennung und Disambiguierung von Ortsnamen in Texten) gearbeitet hat, möchte ich zweierlei zu dem Artikel anmerken: erstens gibt es ähnliche Online-Anwendungen schon seit Jahren auch für europäische Sprachen; zweitens gibt es gute Gründe dafür, warum die Software Orte manchmal falsch erkennt - aber auch recht gut funktionierende Lösungsmöglichkeiten, die scheinbar von Google noch nicht voll ausgenützt werden. Die öffentlich zugänglichen Anwendungen des 'Europe Media Monitor' der Europäischen Kommission (vor allem NewsExplorer und NewsBrief) benützen schon seit langem Landkarten, um einen Nachrichten-Überblick zu geben. Die Artikel verschiedener Quellen zum selben Thema oder Vorfall werden dort zuerst automatisch gruppiert, wodurch das Geo-Tagging akkurater wird. Web-Links zu den Anwendungen (zwischen 19 und 43 Sprachen) gibt es auf http://press.jrc.it/overview.html . Es gibt weiterhin mehrere an Universitäten entwickelte Prototypen mit ähnlicher Funktionalität. Für Geo-Tagging werden immer Ortsregister (Listen von Orten und deren Längen- und Breitengrade) gebraucht, damit die Koordinaten von im Text gefundenen möglichen Ortsnamen gefunden werden können. Umfangreichere Ortsregister enthalten mehr als eine halbe Million Ortsnamen. Geo-Tagging - vor allem mehrsprachig - ist unter anderem aus den folgenden Gründen schwierig: (a) Ortsnamen sind oft homograph mit anderen Wörtern der Sprache (werden also gleich geschrieben). Beispiele sind ‚Die’ (ein Ort in Frankreich), ‚Den’ (Äthiopien’), ‚Zu’ (Zaire), ‚Als’ (Dänemark), u.v.m. (b) Ortsnamen sind oft homograph mit Personennamen. Es gibt z.B. Orte mit dem Namen ‚Bush’ (USA), ‚Blair’ (Malawi) und ‚Solana’ (Philippinen). (c) Es gibt viele Ortsnamen mit dem gleichen Namen. Um die richtigen Koordinaten für einen gefundenen Ortsnamen finden zu können, muss man somit erst erkennen, um welchen der Orte es sich im Text handelt. Es gibt beispielsweise je 15 Orte namens ‚Berlin’, und ‚Paris’. Der häufigste Ortsname ist Aleksandrovka (244 Orte gleichen Namens). (d) Orte haben - je nach Sprache - oft unterschiedliche Namen. Alle Varianten müssen somit im Ortsregister enthalten sein, damit sie erkannt werden können. Die italienische Stadt ‚Venedig’ heißt auf italienisch ‚Venezia’, auf französisch ‚Venise’, auf englisch ‚Venice’. Die Stadt wird in anderen Ländern natürlich auch mit griechischen, kyrillischen und arabischen Buchstaben geschrieben. (e) Ortsnamen werden - wie andere Wörter auch – oft gebeugt (z.b. ‚Münchens’) oder anders dem Kontext angepasst (z.B. ‚Münchner’). Die zusätzlichen Wortformen müssen natürlich auch im Text erkannt werden. Slawischen Sprachen wie das Russische und Finno-ugrische Sprachen wie das Finnische kennen manchmal Dutzende von Formen für den gleichen Ort. Ortsnamen innerhalb eines Artikels oder einer Gruppe von Artikeln eindeutig zu erkennen ist somit nicht so einfach, wie es auf den ersten Moment erscheinen mag, und sprachspezifische Unterschiede müssen in jedem Fall berücksichtigt werden. Aus diesem Grund werden Anwendungen zur Visualisierung von Nachrichten auf Landkarten wohl nur nach und nach für weitere Sprachen verfügbar werden. Da die eindeutige Erkennung aufwändiger ist als die anderen von Suchmaschinen benützten Prozeduren (vor allem Volltextindizierung), wird Geo-Tagging wohl weiterhin nur für manche Texttypen (z.B. Nachrichten) verfügbar bleiben.
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