Nachrichtenjournalismus Die Online-Katastrophe

Revolution in Arabien, Kernschmelze in Fukushima: Die aktuellen Großlagen sorgen bei elektronischen Medien für Rekord-Reichweiten, doch Gedrucktes findet kaum zusätzliche Leser. Was haben Zeitungen also noch zu melden?

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Tageszeitungen: Keine Nachricht ist heute mehr bis zum Folgetag zu halten
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Tageszeitungen: Keine Nachricht ist heute mehr bis zum Folgetag zu halten

"Eeeeextrablatt!", krakeelten diese kleinen, ruppigen Jungen in alten amerikanischen Filmen. Sie trugen grobe dreiviertellange Hosen, Kappen auf dem Kopf und einen Zeitungsstapel auf dem Arm, der rapide dahinschmolz: In Zeiten heißer Nachrichten, lernten wir Fernsehzuschauer, reißt man dem Boten die Zeitung aus den Händen.

Drei Monate nachdem in Tunesien der arabische Aufstand begann, Wochen nach Erdbeben, Tsunami und dem Beginn des AKW-Notstands in Japan, zeichnet sich ab: Diese Zeiten sind vorbei. Außer der Zeitungsbote kommt in Echtzeit.

Es ist heute ziemlich unwahrscheinlich, dass jemand von einem wichtigen Ereignis aus der Zeitung erfährt. Und anders als früher scheint die gedruckte Presse selbst von den Krisen-Meldungslagen seit der Jahreswende nicht profitiert zu haben.

Für Christoph Herrnberger, Leiter des Medienvertriebs der Valora Retail Services, die als Dienstleister rund 380 Verkaufsstellen an Bahnhöfen, Flughäfen und Einkaufszentren mit Presseerzeugnissen versorgt, ist die Kalenderwoche 11 ("KW 11") ein Indikator für die Verschiebungen, die der Nachrichtenmarkt erlebt. Ende der KW 10, am Freitag, 11. März 2011, bebte in Japan die Erde. Bald darauf überrollte der Tsunami weite Teile der nordöstlichen Küste Japans.

Die Zeitung und Fukushima: Die verpasste Katastrophe

Das berichtete auch die Tagespresse am Folgetag. Nur Zeitungen mit relativ spätem Redaktionsschluss wussten sogar schon, dass Japans Regierung den atomaren Notstand erklärt hatte (bei SPIEGEL ONLINE am Freitag um 15.26 Uhr gemeldet - und damit für so manche kleine Zeitung zu spät).

Wie ernst die Lage aber in Wahrheit bereits war, erfuhr man am Samstagmorgen definitiv nicht aus der Zeitung: Nur Online-Medien, Radio und Fernsehen berichteten von der sich abzeichnenden Kernschmelze (Online gemeldet um 6.29 Uhr: Da lagen die Zeitungen bereits am Kiosk), vom Aufflammen der Atomdebatte in Deutschland, von den Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, von der ersten massiven Explosion in Fukushima, ersten Demonstrationen in Deutschland, von den Massenevakuierungen (alles Ereignisse des Samstags).

Von all dem und auch den Ereignissen des Sonntags erfuhren reine Zeitungsleser erst am folgenden Montag. Rundfunk- und Online-Medien beschäftigten sich zu dieser Zeit längst mit Analyse, Hintergrund und Kommentierung. Aus Perspektive der gedruckten Presse war das Timing der Katastrophenserie von Japan somit eine Art Doppel-GAU: Deutlicher hatte man selten vor Augen geführt bekommen, in welchem Maße das gedruckte Werk der Echtzeit-Berichterstattung bei elektronischen Medien heutzutage hinterherhinkt.

Statistiken zeigen: News-Großlagen beeinflussen Verkauf kaum noch

Es ist naheliegend, darin einen Grund dafür zu sehen, warum Zeitungen inzwischen trotz Nachrichten-Großlagen am Kiosk liegen bleiben, zumindest aber nicht signifikant mehr verkaufen als an normalen Tagen. Denn so scheint es zu sein: Die Statistiken von Valora, mit 36,3 Prozent Branchen-Primus im deutschen Bahnhofsbuchhandel, zeigen klar, wie die Nachrichten-Großlagen in Bezug auf den Verkauf der Zeitungen regelrecht verpufften.

In der KW 11, der Woche mit der extremsten Nachrichtenlage seit dem 11. September 2001, verkauften die erfassten Zeitungstitel gerade einmal sieben Prozent mehr als in der Vorwoche. Seitdem brach die stete Flut schlimmster Nachrichten zwar nicht ab, dafür der Verkauf der Zeitungstitel aber wieder ein: In der KW 12 verbuchten die Händler ein Minus von neun Prozent.

Für den Vertriebsexperten Herrnberger sind all das aber noch nicht einmal relevante Zahlen: Sie liegen im Bereich der normalen Fluktuation, die von vielen Faktoren abhängig sei - vom Wetter bis zu Saison- und Ferienzeiten, dazu von Werbeaktionen wie Gutschein-Verteilungen, die Auflagenhöhen kurzfristig beeinflussen können. Seit 2001, sagt Herrnberger, sei der Einzelverkauf der Zeitungen klar rückläufig, und dieser Schwund gehe "weit schneller vonstatten, als man gedacht hat".

Herrnberger hält das für einen Beleg, dass Zeitungen das Aktualitätsrennen gegen andere Medien verloren haben. Das Informationsbedürfnis der Bürger sei nach wie vor vorhanden, "aber die haben heute Smartphones und lesen das online".

Wenn eine Zeitung heute noch als aktuelle Medienmarke glänzen will, gibt es dafür nur noch zwei Möglichkeiten. Die eine ist Hintergrund, Einordnung und Analyse, die man Druckwerken zu Recht nach wie vor zutraut. "Die Magazine", sagt Herrnberger, "konnten im Gegensatz zu den Zeitungen mehr verkaufen." So habe etwa die "Zeit" im Einzelverkauf des Bahnhofsbuchhandels in der KW 11 rund ein Drittel zulegen können, alle politischen Magazine hätten in der Woche gut dagestanden. Magazine haben im Reisebuchhandel allerdings auch ein Heimspiel: Zahlen aus dem Presse-Grosso des normalen Zeitschriftenhandels liegen noch nicht vor.

Die Zeitungen glänzten durchaus - nur nicht am Kiosk

Die andere Möglichkeit haben auch die Zeitungsmacher längst begriffen. Bei allen Bekenntnissen zum Druckwerk, mit dem nach wie vor das Gros des Umsatzes gemacht wird, ahnt man in den Verlagen längst, dass die Zeit der Zeitung als aktuelles Medium zu Ende geht. Aus Perspektive der Zeitungen ist das eine Art Übergang, ein Wechsel des primären Vertriebskanals für Nachrichten.

Die gedruckte Zeitung selbst aber wird sich verändern müssen, um weiter Käufer zu finden - das Beispiel der Magazine deutet an, in welche Richtung es gehen könnte. Auch das Konzept des "Magazins für jeden Tag" wird in Deutschland aber nicht über 130 Zeitungstitel tragen - die Titel werden sich inhaltlich stärker voneinander absetzen müssen, meist wohl über eine stärkere Betonung der regionalen Kompetenzen.

Dass Online-Medien irgendwann die gedruckte Zeitung beerben würden, zeichnete sich seit Ende der Neunziger ab. Dass es längst so weit ist, dokumentierten die Zeitungsverlage mit ihren Entscheidungen und Aktivitäten in den letzten zwei Wochen selbst.

Denn was sie an heißen Nachrichten zu bieten hatten, das hielten sie nicht mehr zurück. Über "online first", die Frage, ob nun Druck oder Internet Vorrang haben sollte, wurde gar nicht mehr diskutiert. Keine Nachricht von Wichtigkeit ist heute mehr bis zum Folgetag zu halten. So brachten die Titel von "Bild" bis zur "Süddeutschen Zeitung" alle ihre relevanten Nachrichten online, ihre Sonderberichte und Korrespondentenbeiträge, ihre Kommentare und Analysen.

Zurückhaltung, um noch Stoff für das "Hauptprodukt" zu halten, wie dies bisher üblich war: Fehlanzeige. Wozu auch?

Was die Verlage ihren Lesern im Web boten, war aktuell und teils sogar beeindruckend. Sie selbst demonstrierten dort, dass der elektronische Vertriebsweg nicht nur schneller ist, sondern auch Darstellungsformen und Vertiefungen erlaubt, die in gedruckter Form gar nicht möglich sind. Man braucht keine seherischen Fähigkeiten für die Prognose, dass alle relevanten News-Portale im nächsten Monat deutlich gesteigerte Abrufzahlen melden werden - unter 20 Prozent plus wird sich das bei kaum einem Titel bewegen, einige werden deutlich mehr zulegen.

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insgesamt 114 Beiträge
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lalito 30.03.2011
1. Speed
Der Spruch "Nichts ist älter als die Zeitung von Gestern" wandelt sich zu "Nichts ist älter als die News von eben". Fraglich ob durch die schnellere Taktung die Hintergründe noch mitkommen.
timewalk 30.03.2011
2. Werbung
Zitat von sysopRevolution in Arabien, Kernschmelze in Fukushima: Von den aktuellen Großlagen kann die Tagespresse nicht mehr profitieren, News erreichen Leser heute längst auf anderen Wegen - schneller, vielschichtiger, direkter als beim gedruckten Produkt. Was haben Zeitungen heute noch also zu melden? http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,752893,00.html
Bei mir nichts, seit Jahren schon. Ärgerlich ist dann immer wenn man den Briefkasten mit kostenlos "Werbungspropaganda" zugemüllt bekommt.
Meckermann 30.03.2011
3. Zeichen der Zeit
Warum sollte man auch aktuelle Informationen in einem Printmedium veröffentlichen? Und dann auch noch einem, welches ein derartig unpraktisches Format hat, dass man es im Zug beispielsweise kaum lesen kann, ohne seinen Nebenmann zu belästigen.
Klartext007 30.03.2011
4. Sonst nichts?
Was Tages- oder Wochenzeitungen noch zu bieten haben? Saubere Recherche, Aussondern von nichtssagendem Informationsmüll, der sowieso in sekunden vergessen ist, inhaltlich anapruchsvolle Texte, die, sollten sie für die Leser ungenießbar sein, einem vom Chefredakteur um die Ohren geschmissen werden, Artikel, die mit Leben gefüllt sind und auch morgen noch gültig sind. Früher machte man sich als Leserbriefschreiber noch Gedanken über eine möglichst knackige Formulierung, damit´s auch in der nächsten Ausgabe abgedruckt wird. Heute können die selbsternannten "Fachleute" in den einschlägigen Foren zu jeder Zeit, jeden Schrott verzapfen. "Hauptsach dumm gebabbelt". Einfach Zeitung in die Hand und zurücklehnen. Waren das noch Zeiten!
Silosis 30.03.2011
5. Glaubwürdigkeit liegt noch bei den Medien.
Zitat von sysopRevolution in Arabien, Kernschmelze in Fukushima: Von den aktuellen Großlagen kann die Tagespresse nicht mehr profitieren, News erreichen Leser heute längst auf anderen Wegen - schneller, vielschichtiger, direkter als beim gedruckten Produkt. Was haben Zeitungen heute noch also zu melden? http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,752893,00.html
...die Chance, welche die Print-Medien ( noch ) haben ( wohl aber dabei sind zu verspielen ) ist der Umstand, das man ihnen mehr Glauben schenkten kann. Alles andere ( faceBook / twitter zum Beispiel u.a.m.) wird nach blankem Gusto bedient. Und dort hat es kein Nachspiel, wenn Stimmung gemacht wird Dort kann jeder seinen Senf dazugeben, auch wenn es oft nur Quark ist
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