Nachrichtenströme: Wir sind alle Ägypter

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Ägypten stürzt seinen Despoten - und die Welt leidet und hofft mit. Wie Menschen überall die Ereignisse in Kairo verfolgen, ist ein Meilenstein in der Geschichte der Massenmedien: Netz und TV verschmelzen zum globalen Kommunikationsraum, aus Informationssuche wird Anteilnahme.

Direkter Draht ins Netz: Ägypter rufen nach Facebook und Twitter Fotos
Getty Images

"Warum Mubarak spät dran ist? Er muss gerade 79 Millionen Facebook-Freundschaften beenden." Das ist einer von Tausenden Tweets zum Thema, die seit Donnerstagabend durchs Netz rauschen. Aus den USA, aus diversen europäischen Ländern, von überallher. Unter dem Hashtag #ReasonsMubarakIsLate hat sich ein internationaler Witzewettbewerb entwickelt: Wer lässt den sturen Diktator in unter 140 Zeichen am dämlichsten aussehen? Nun, da es aussieht, als habe der alte Mann tatsächlich das Handtuch geworfen, können sie alle sich ein bisschen fühlen, als hätten sie einen winzigen Anteil daran gehabt, am Ende der Ära Mubarak.

"'Lang lebe Facebook', skandieren die Demonstranten am Freitagvormittag auf dem Tahrir-Platz, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Hasnain Kazim. Die Menschen sagen, dank des Internets hätten sie eine Stimme, die nicht zum Schweigen gebracht werden könne. An Rolltore in Kairos Innenstadt haben Protestierende das Wort " Twitter" gesprüht, andere halten Pappschilder hoch auf denen "Facebook" steht und "Danke, ihr Jugendlichen Ägyptens". Die Lenker der neuen Netzunternehmen können sich freuen: Ihr aus der Hippie-Ära geerbtes Selbstverständnis als Weltverbesserer wird derzeit von den Demonstranten in Kairo aufs Hübscheste gespiegelt. Bessere PR gibt es nicht.

Als ich am Donnerstagabend mit meiner Mutter telefonierte - sie ist an die 70 - und fragte, was sie denn gerade so machte, antwortete sie, fast empört: "Wir gucken natürlich Ägypten!" Dann setzte sie mit Abscheu in der Stimme zu einer wütenden Tirade gegen den Noch-Präsidenten Husni Mubarak an. Ein Schwein sei das, das sein Volk ausgebeutet habe. Aber sie müsse jetzt zurück zum Fernseher.

Involviertheit statt Informiertheit

Die Lage in Ägypten war und ist in diesen Tagen auch für viele Menschen weit außerhalb des Landes eine ausgesprochen persönliche Angelegenheit. Was sich da vollzieht, hat mit dem, was man früher Nachrichtenkonsum nannte, nur noch wenig zu tun. Am nächsten Morgen oder nach Feierabend aus dem Radio zu erfahren, ob der Mann nun endlich zurückgetreten ist oder nicht, reicht längst nicht mehr. Der Wunsch, die Breaking News live mitzuerleben, dabei zu sein, ist längst stärker als das bloße Bedürfnis nach Informiertheit. Das gilt im Kleinen für Stuttgart-21-Anhörungen oder Castor-Proteste. Und im Großen für Ereignisse von globaler Bedeutung.

24-Stunden-Nachrichtensender schaffen im Konzert mit Social Media und dem Netz im Allgemeinen einen verschachtelten, riesigen Kommunikationsraum, an dem - gefühlt - jeder mitarbeiten kann. Nachrichten werden nicht mehr einfach rezipiert. Die alte Journalistenregel, wonach sich Menschen primär für das interessieren, was sie wirklich selbst betrifft, gilt in diesen Tagen nicht. Irgendwie sind wir im Moment alle Ägypter.

Demonstratives Lob für den arabischen Nachrichtensender

Was die Menschen jetzt tun, hat mit Informationsbeschaffung im engeren Sinne nur noch wenig zu tun - es ist ein emotionales Bedürfnis, das nur kontinuierliche Live-Berichterstattung und, für viele, das 24/7-Gespräch im Netz befriedigen können. Geradezu wütende Kommentare waren bei Twitter und Facebook in den letzten Wochen über die teils dürftige Berichterstattung deutscher Nachrichtensender, über die Trägheit der öffentlich-rechtlichen Programme beim Thema Ägypten zu lesen. Der deutsche TV-Zuschauer fordert aber nicht primär mehr Information. Er will sich nicht nur informiert, sondern involviert fühlen können, und zwar jederzeit. Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira wurde vielfach und demonstrativ für seine Live-Berichterstattung gelobt. Eine globale Kommunikationsgesellschaft interessiert sich für nationale Institutionen und Loyalitäten nur noch begrenzt.

Aus Medienkonsum ist mediale Anteilnahme geworden. Und das hat viel mit dem Internet zu tun.

Das globale Jetzt

Als Husni Mubarak am Donnerstag gegen halb zehn vor die Kamera trat, um dann doch nicht seinen Rückzug zu erklären, waren nicht nur die Menschen auf dem Tahrir-Platz dank Bettlakenleinwand und Beamer live dabei und kommentierten seine Worte mit zunehmend wütenden Rufen (und erbosten Tweets und Status-Updates). Rund um den Globus sahen Menschen bei CNN, bei al-Dschasira und anderen Nachrichtensendern zu - und kommentierten im Netz ihrerseits.

Das Bild des hartleibigen Despoten wurde von den Sendern mit dem der schuheschwenkenden Menge kombiniert, dazu blinkten und rollten Schriftbänder, die eben Gesagtes rekapitulierten - ein moderner Nachrichtensender ist schon längst nicht nur ein Informationskanal, sondern mehrere auf einmal. Und dennoch ergänzten viele, die zusahen, diese ohnehin schon komplexe Darstellung des ägyptischen Jetzt noch durch eigene Kanäle, die sie übers Handy, über den Rechner nach Wunsch zuschalteten. Und sie redeten mit. Machten aus dem ägyptischen ein globales Jetzt.

Bei Twitter wurde, auch in Deutschland, zwischen 21 Uhr und der tiefen Donnerstagnacht über kaum etwas anderes gesprochen als über Mubaraks Rede. Wer es wagte, ein anderes Thema anzuschneiden, wurde zuweilen mit sarkastischen Bemerkungen zurechtgewiesen: "In Ägypten wird Geschichte gemacht, und du...". Emotionale Erregung macht manchmal auch ein bisschen selbstgerecht.

Auch Menschen, die sich sonst eher für neue Handys, für Webdesign oder Witze interessieren, sprachen und schrieben nahezu ausschließlich über das Stück Geschichte, das sich da vor ihren Augen vollzog. Sie dachten sich Mubarak-Witze aus und reichten per Retweet die erbosten Kommentare ägyptischer Twitterer weiter - Kommentare, die von den Handys der Menschen auf dem Tahrir-Platz verschickt wurden, den die internationalen Anteilnehmer vor sich im Fernsehen oder auf dem PC-Monitor sahen. Echtzeit-Geschichte in der Echokammer. Die kommunikative Verzahnung durch Netz und Live-TV erzeugt schwindelerregende Rückkoppelungsschleifen.

Dazwischen tauchte US-Präsident Barack Obama auf den Bildschirmen auf und sagte: "Es ist offenkundig, dass wir in Ägypten Zeugen einer historischen Entwicklung sind."

Vielen aber reicht das Zeuge-Sein längst nicht mehr. Sie wollen dabei sein, mitmachen. Wenigstens ein bisschen auch auf dem Platz in der Menge stehen und das Gefühl haben, für die gute, die gerechte Sache mitzustreiten. Geschichte zu machen. Wie es aussieht, ist genau das gerade geschehen.

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Forum - Sollte der Westen die Protestbewegungen in Arabien stärker unterstützen?
insgesamt 2123 Beiträge
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1.
nusskern 05.02.2011
Tatsächlich war Ägypten eines der Länder, in die Bush Verdächtige zwecks Folterung einfliegen liess. Sollte dann gerechterweise nicht auch Bush vor ein Gericht gestellt werden? Und ja, ich bin der Meinung dass der Westen den Demokratisierungsprozess in der arabischen Welt stärker unterstützen sollte. Auch wenn es zu Entscheidungen kommen kann, die nicht genehm sind. Sonst verliert der Ruf nach Demokratisierung und Reformierung traditioneller islamisch geprägter Gesellschaften jede Glaubwürdigkeit. In den arabischen Ländern gibt es genügend junge Leute, welche Arbeit und Wohlstand erringen wollen. Diese werden sich einer fundamentalistischen, isolierten Haltung entgegenstellen. Zudem kann es nichts schaden, wenn Israel begreift, dass zum Frieden auch Zugeständnisse gehören. Auf Dauer ist die gegenwärtige Situation so oder so instabil.
2. Problem: Glaubwürdigkeit
The_Mimi 05.02.2011
Zitat von sysopNach den Unruhen in Ägypten rührt sich auch in anderen Staaten der Widerstand gegen bestehende Herrschaftsverhältnisse. Die Umstände sind nicht immer vergleichbar, gemeinsam ist den Protesten jedoch die Forderung nach größerer Freiheit. Grund genug für den Westen, die Protestbewegungen generell mehr zu unterstützen als bisher?
Mal ehrlich, bisher hat der Westen mit den nordafrikanischen Diktatoren ganz gut kooperiert. Die sorgten für Ruhe und Ordnung (bei Folter für Islamisten wurde dann auch gern weggeguckt)und dafür gab es "Entwicklungshilfe". Dieses unausgesprochene Abkommen ist nun offenbar hinfällig. Was also tun? Wegschauen, bis ein Sieger feststeht? Ignorieren? Helfen? (Wie denn?) Das Problem ist, das man, egal welcher Schritt folgt, ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Deshalb, und auch weil es an Ansprechpartnern (noch) mangelt, gibt wohl es bisher nur zurückhaltende Schritte in Richtung Befreiungsbewegungen.
3. Die Protestbewegung eine Gefahr für den Westen?
merapi22 05.02.2011
Zitat von sysopNach den Unruhen in Ägypten rührt sich auch in anderen Staaten der Widerstand gegen bestehende Herrschaftsverhältnisse. Die Umstände sind nicht immer vergleichbar, gemeinsam ist den Protesten jedoch die Forderung nach größerer Freiheit. Grund genug für den Westen, die Protestbewegungen generell mehr zu unterstützen als bisher?
Der Westen hat einen Diktator unterstützt, der sich unglaubliche Menschenrechtsverletzungen begangen hat, der 40 Milliarden US$ zusammengerafft hat! Da sind die angeprangerten Menschenrechtsverletzungen der Taliban vor 2001, des Irak vor 2003 und des Iran ab 1978 doch im Vergleich harmlos! Die Demokratie des Westens bedeutet: Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing, dessen Partei ich wähl! Angeblich hat es nichts Besseres als die westliche Parteiendemokratie??? Freiheit - ein selbstbestimmtes Leben führen, geht im Westen nur mit viel Geld, wer nix hat, muss sich zu jeden Preis verkaufen! Die Menschen leben unter ständiger Existenzangst! Sollte der Westen der Demokratiebewegung helfen, oder die Demokratiebewegung den Menschen in Westen? Dies lässt hoffen: http://www.heute.at/news/welt/Kuwait-Buerger-bekommen-Geld-und-14-Monate-gratis-Essen;art414,516147
4. Die müssen sich selbst helfen...
off_road 05.02.2011
Zitat von sysopNach den Unruhen in Ägypten rührt sich auch in anderen Staaten der Widerstand gegen bestehende Herrschaftsverhältnisse. Die Umstände sind nicht immer vergleichbar, gemeinsam ist den Protesten jedoch die Forderung nach größerer Freiheit. Grund genug für den Westen, die Protestbewegungen generell mehr zu unterstützen als bisher?
Afrika (auch der Norden Afrikas) muss sich endlich selber helfen. Die Neigung dem Westen für alles die Schuld zu geben ist sehr verbreitet (auch im Westen selbst). Totalitäre Herrscher nicht aktiv zu unterstützen ist völlig ausreichend.
5.
T. Wagner 05.02.2011
Zitat von sysopGrund genug für den Westen, die Protestbewegungen generell mehr zu unterstützen als bisher?
Es sind innenpolitische Probleme, die jedes Land für sich lösen kann und lösen muß. Westliche Staaten haben sich hier herauszuhalten.
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Liveticker-Übersicht zu Ägypten
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Vom Beginn der Revolte bis jetzt - lesen Sie hier die Minutenprotokolle der Aufstandstage in Ägypten:

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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Ägyptens Opposition
Muslimbruderschaft
Die konservative Bewegung wird von einem Kollektiv aus Gelehrten angeführt. Neben anderen tritt der 66-jährige Mohammed Badie häufig als Sprecher auf. Die Muslimbruderschaft ist die größte Oppositionsgruppe. Um Repressalien der Regierung zu vermeiden, hält sich die Bruderschaft in der Öffentlichkeit mit politischen Forderungen zurück. Die Regierung hat die Bewegung zwar offiziell verboten, erlaubt ihr aber begrenzte Aktivitäten.
Mohamed ElBaradei
Der frühere Chef der Uno-Atombehörde IAEA steht an der Spitze einer "Nationalen Koalition für den Wandel", der sich auch kleinere Gruppen angeschlossen haben. Der 68-jährige Jurist fordert ein Ende des autoritären Mubarak-Regimes. Der Friedensnobelpreisträger von 2005 bietet sich für eine Übergangsregierung an. Viele Oppositionelle kritisieren, dass ElBaradei die vergangenen Monate zu großen Teilen im Ausland verbracht hat.
Wafd-Partei
Die Partei gilt traditionell als Bastion der liberalen Demokraten im Land. Doch ihr wird vorgeworfen, in den vergangenen Jahren mit Mubaraks Regierung gemeinsame Sache gemacht zu haben. Wafd heißt übersetzt "Delegation". Zu ihren Anhängern zählen vor allem die koptischen Christen.

Tagammu-Partei
Tagammu heißt übersetzt "Sammlung". Die linksgerichtete Partei spielt eine ähnliche Rolle wie die Wafd-Partei. Sozialisten, Kommunisten und Nasseristen - Anhänger des arabischen Volkshelden Gamal Abdelnasser, der in den fünfziger und fechziger Jahren eine Art arabischen Sozialismus propagierte - sie alle finden sich in der Tagammu-Partei. Die verschiedenen Strömungen galten als zerstritten.
Bewegung 6. April
Diese Gruppe gilt als Sammelbecken der aufständischen Jugend. (Quelle: Reuters)
Kefaja
Die Kefaja-Bewegung wurde 2004 von Gewerkschaftschef George Ischak gegründet. Sie spricht insbesondere Geschäftsleute der Mittelklasse an und trat im Jahr 2005 bei Protesten gegen Mubaraks Herrschaft in Erscheinung.
Al-Ghad-Partei
Fast bedeutungslos ist die liberale Bewegung Al-Ghad-Partei (übersetzt: Morgengrauen) des Rechtsanwalts Aymar Nour. Er hatte Präsident Husni Mubarak 2005 medienwirksam herausgefordert und wanderte dafür anschließend für vier Jahre ins Gefängnis.
Twitter
Prinzip
zu Deutsch zwitschern oder schnattern, ermöglicht es, kurze Textnachrichten als Mikroblog per SMS, Instant Messaging oder Web-Oberfläche zu veröffentlichen. Andere Nutzer können diese Meldung beispielsweise mit ihrem Mobiltelefon oder RSS-Reader verfogen. Der Dienst heißt Twitter, die SMS-ähnlichen Nachrichten Tweets. mehr zu Twitter auf der Themenseite
Geschäft
Twitter hat bislang kein Erlösmodell. Im Gespräch sind Werbung oder kostenpflichtige Twitter-Accounts für Unternehmen. Ende 2008 lehnte CEO Evan Williams ein Übernahmeangebot über 500 Millionen Dollar von Facebook ab. Akute Geldsorgen hat die Firma dennoch nicht - 55 Millionen US-Dollar Risikokapital hat das Unternehmen seit Gründung erhalten, zuletzt brachte eine Finanzierungsrunde noch einmal 35 Millionen US-Dollar.
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