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13. Januar 2013, 09:46 Uhr

Online-Aktivist Aaron Swartz

Freiheit oder Tod

Von , New York

Aaron Swartz, 26, war ein Pionier der Hacker-Szene. Der ehemalige Teilhaber der Website Reddit kämpfte für ein offenes Internet - auch mit illegalen Mitteln. Im April sollte ihm der Prozess gemacht werden, ihm drohten bis zu 35 Jahre Haft. Jetzt nahm er sich das Leben.

Keiner weiß, was in einem Menschen vorgeht, der sich das Leben nimmt. Vielmehr ringen die Hinterbliebenen mit Fragen ohne Antworten, Trauer ohne Trost, quälenden Spekulationen.

So auch bei Aaron Swartz. Die Nachricht vom Suizid des 26-jährigen Internet-Wunderkinds raste am Samstag wie ein viraler Schock durch das Netz. Die Trauer um den kompromisslosen Hacker, der mit nicht nur legalen Mitteln für offenen Informationsfluss gefochten hatte, verbreitet sich schnell und ohne Grenzen.

Zahllos die Nachrufe auf den Online-Aktivisten, dessen Name nicht nur in der Szene nachhallt, erst recht jetzt. "Aaron Swartz machte unsere Welt freier", klagt die Organisation Public.Resource.Org, die Regierungsdaten auf legalem Weg "befreit", auf ihrer eigens dazu in schwarzen Trauerflor eingefärbten Homepage. "Sei frei, Internet. Danke, Aaron, für was du uns gegeben hast."

"Aaron tot", twitterte der Brite Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web. "Hacker fürs Recht, wir sind einer weniger. Alle Eltern, wir haben ein Kind verloren. Lasst uns weinen."

Ein hoher Preis für das Ideal der Freiheit

Swartz war mit 14 schon Co-Autor des ersten Codes für RSS-Newsfeeds und half später, die populäre Webseite Reddit zu dem zu machen, was sie heute ist. Folgenschwerer aber war sein Engagement für ein schrankenloses und zensurfreies Netz. Ein Engagement, das in buchstäblich sträflicher Überzeugung wurzelte und ihn zuletzt der Justiz ins Netz trieb. Im April sollte sein Prozess beginnen, ihm drohten Jahrzehnte Haft für Datenklau - ein hoher Preis für ein Ideal.

War es die Aussicht des Verfahrens, die ihn verzweifeln ließ? Sein langer Kampf gegen Depressionen? "Aarons Tod ist nicht nur eine persönliche Tragödie", schreibt seine Familie. "Er ist das Produkt eines Justizsystems voller Einschüchterung und staatsanwaltschaftlichen Zu-weit-Gehens." Doch auch hier bleibt vorerst nur Ambivalenz. Fragen ohne Antworten, Trauer ohne Trost, quälende Spekulationen.

Das Programmieren und die Liebe zu Computern waren Swartz in die Wiege gelegt worden. Sein Vater hatte eines der ersten IBM-Betriebssysteme erfunden. Swartz besuchte die Silicon-Valley-Kaderschmiede Stanford University, brach das Studium aber nach einem Jahr ab, um seine eigene Softwarefirma Infogami zu gründen.

Eine der "besten Seelen der Internet-Generation"

Swartz selbst sah sich als Mitbegründer von Reddit. Doch die Social-News-Website wurde 2005 von Alexis Ohanian und Steve Huffman aus der Taufe gehoben; Swartz kam 2006 dazu, als Reddit Infogami akquirierte. So oder so: "Reddit ist ein sozialer Meilenstein", schreibt ein Reddit-Nutzer namens Frankocean2, "und Aaron war maßgeblich an seiner Gestaltung beteiligt."

Im Oktober 2006 verkaufte sich Reddit an den Verlagsgiganten Condé Nast ("Vogue"). Das Haus packte Reddit in die Redaktion seines Web-Magazins "Wired" in San Francisco. Doch Swartz hasste die etablierte Atmosphäre: "Ich war unglücklich, in einem Büro zu arbeiten, und verbarg das nicht." Als er wochenlang nach Europa verschwand, wurde er gefeuert.

Erst als Einzelkämpfer fand Swartz seine Berufung. Im Kampf um die Offenheit des Netzes und Zugänglichkeit von Information war er ein Pionier - ein "Programmierer mit Gewissen", wie ihn ausgerechnet "Wired" jetzt posthum lobt. "Aaron war unerschütterlich in seinem Streben nach einer besseren und offeneren Welt", schreibt Brewster Kahle, der Gründer des Internet Archives. "Er gehört zu den besten Seelen der Internet-Generation."

Zugleich rang er mit Schwermut. Fast jedem passiere es mal, dass er sich "wertlos" fühle, nach einer Trennung etwa, schrieb er 2007 in einem Blog-Eintrag. "So sind Depressionen auch - nur dass sie ohne jeden Grund kommen und dann ohne jeden Grund wieder verschwinden."

Die Justiz wollte ihn hinter Gitter bringen

Sein Kampfgeist jedoch kannte keine Schranken, virtuell wie legal. 2009 lud Swartz 20 Prozent aller - kostenpflichtigen - Informationen der Justizdatenbank Pacer herunter, indem er die Bezahlschranken umging, und stellte sie gratis ins Netz. Das FBI ermittelte, doch ohne Folgen.

So viel Glück hatte er beim nächsten Mal nicht. 2010 schlich sich Swartz ins Massachusetts Institute of Technology (MIT) und zapfte mit einem Laptop fast fünf Millionen akademische Artikel aus der digitalen Bibliothek JSTOR ab. Als das MIT das herausfand, sah es von einer Klage ab. Die Justiz allerdings war weniger milde gestimmt.

2011 wurde Swartz wegen Betrugs und Datendiebstahls angeklagt. Chefankläger war der Staatsanwalt Steve Heymann, der dem Hacker Albert Gonzalez eine Gefängnisstrafe von 20 Jahren verschafft hatte. Auch für Swartz sah es düster aus, glaubte man seinen Verteidigern: Aus der Befreiung des Internets drohte der Verlust der eigenen Freiheit zu werden, mit potentiell 35 Jahren Haft und einer Geldstrafe von einer Million Dollar.

Warum die Justiz so hart gegen einen Hacker vorging, darüber rätseln Swartz' Freunde bis heute. "Diese Regierung muss beantworten, warum es so notwendig war, Aaron Swartz als Schwerverbrecher zu brandmarken", schreibt der Harvard-Juraprofessor Lawrence Lessig, ein ehemaliger Mentor von Swartz. Theorien gibt es viele. Wollten sie ein Exempel statuieren? Hofften sie, über die Hacker-Szene dem Soldaten Bradley Manning, der WikiLeaks mit vertraulichen Informationen aus der US-Administration versorgt haben soll, einen Strick zu drehen?

Die Bestohlenen verschenken alles

Am 1. April sollte der Prozess beginnen. Am Freitag wurde Swartz von seiner Freundin Taren Stinebrickner-Kauffman in seiner Wohnung in Brooklyn erhängt aufgefunden.

"Die Entscheidungen von Mitgliedern der US-Staatsanwaltschaft in Massachusetts und des MIT trugen zu seinem Tod bei", schreiben Swartz' Familie und Stinebrickner-Kauffman am Samstag in einer Erklärung, die sich ihrerseits wie eine Anklage liest. Die Vorwürfe seien "außerordentlich harsch" gewesen für "eine Straftat ohne Opfer", und auch das MIT habe sich geweigert, "sich hinter Aaron zu stellen".

Am Mittwoch erst hatte JSTOR - die Datenbank, die Swartz beklaut haben soll - bekanntgegeben, dass sie "mehr als 4,5 Millionen Artikel" für begrenzte Zeit kostenlos verfügbar machen werde: "Unser Ziel ist es, dass jeder auf der Welt die Inhalte, die wir ins Netz stellen, nutzen kann."

Mit Material von AP

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