Nacktmull-Kult "Säbelzahnwürstchen unter den Nagern"

Google mag es kaum glauben, dass jemand nach so etwas sucht: Als Alternative zur Suchanfrage "Nacktmull" bietet Google "Nacktmodell". Doch immer mehr Surfer suchen und finden und feiern stattdessen ein Nacktmodell, das als "hässlichstes Tier der Welt" gilt.

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Dass es der Nacktmull in Deutschland geschafft hat, so etwas wie "Kultstatus" zu erreichen, liegt ein wenig wohl auch am Namen. Im Englischen heißt er "naked mole rat", was zunächst einmal weit abschreckender klingt: Oft findet man ihn darum als "missglücktes Laborratten-Experiment" beschrieben. Im Deutschen hingegen provoziert eher seine Optik immer wieder neue, gewagte Vergleiche: Als "Penis auf Beinen" beschrieb ihn die "Welt" vor Jahren, was nicht wirklich fair ist.

Das sehen auch immer mehr Menschen so, die sich im Internet für die kleinen Nager begeistern: Ganz offensichtlich greift da der "keiner hat sich selbst gemacht"-Reflex. Man solidarisiert sich eben gern mit dem wehrlosen Geschöpf, über das "die Großen" so gerne lästern.

Doch nicht nur im Osten der Republik, wo Nacktmulle im Zoo zu Dresden zu bewundern sind, stößt der winzige Stachelschwein-Verwandte auf eine so zu sagen durchwachsene Rezeption: "Vor der Glasscheibe stehen die Leute und rufen 'Iiiih', 'Neee' oder 'Wäh, wasndasfürn Zeuch!'", informierte die "Süddeutsche Zeitung" ihre Leser in einem Artikel über die Nacktmull-Kolonie im Münchner Zoo. "Aber es stimmt schon: Als der liebe Gott am sechsten Tag die Tiere erschuf und die Reihe an den Nacktmull kam, muss er in ungewöhnlich boshafter Stimmung gewesen sein."

"FAZ", 8.9.1999:
"Ein Nacktmull, so umschreibt es der Wissenschaftler Sherman, wäre das ideale Tiermodell für einen alten, nackten Einsiedler mit extrem schlechtem Augenlicht und miserabler Hygiene, der sein Haus fast nie verlässt."

Boshaftigkeit entdecken Fans der staatenbildenen Nager dagegen eher bei der Presse. Rochus Wolff etwa outet sich in seinem Weblog bereitwillig als Freund und Verteidiger der kleinen Wühler.

Die Verteidiger der Verhöhnten

Wenn es sein muss, sogar gegen den SPIEGEL. Der veröffentlichte in der letzten Woche einen viel beachteten Nacktmull-Artikel, dessen vermeintlich hämische Untertöne Rochus Wolff unkommentiert so nicht stehen lassen konnte: "Stattdessen setzt der SPIEGEL wie eh und je alle auf den Skurrilitäts-Mehrwert meiner possierlichen Lieblingstierchen und latürnich insbesondere auf ihre Hässlichkeit; wobei die Autorin Barbara Supp behende dem gerne benutzten Bild "schrumpeliger Penis mit Zähnen" (note to self: Dies ist möglicherweise ein Ansatzpunkt, um in der psychoanalytischen Theorie der "vagina dentata" einen "penis dentatus" gegenüberzustellen. Dies ausarbeiten!), oder was da an Bildern noch so kursiert, ausweicht."

Man merkt: Wer sich dem Nacktmull widmet, tut dies gemeinhin mit Liebe und Eloquenz. Vor dem vermeintlich hässlichen Underdog scheidet sich die platte, ahnungslose "Iiiih!"- von der der informierten, faszinierten "Es kommt auf die inneren Werte an!"-Fraktion.

Thomas Gsella am 5.3.1998 in der "taz":
"Ein Nacktmull ging nach Bielefeld,
zu finden Weisheit, Reichtum, Ruhm
und starb recht spät, ja fast posthum.
Moral: Sie bleibt, was sehr erschreckt,
in diesem Falle unentdeckt..."

Im Internet mündet deren Engagement längst in einer rudimentär ausgeprägten "Ein Herz für Nacktmulle!"-Kampagne. Noch stellen derer Webseiten die Minderzahl der 4130 deutschsprachigen Webseiten, die laut Google auf Nacktmulle verweisen. Die "naked mole rat" bringt es da schon auf rund 15.000, was beweist, dass der Nacktmull trotz seines Namens auch in der englischsprachigen Welt Karriere gemacht hat. Am National Zoological Park des Smithonian Institut in den USA zeigt eine von insgesamt nur zwei Webcams natürlich Nacktmulle. Und nicht nur das: Wer will, kann dort sogar einen adoptieren.

"Nacktmull Carnage": Moorhuhn war gestern

Kein Zweifel: Heterocephalus glaber wühlt sich ins Herz aller Betrachter, die sich - nach dem ersten "Iiiih!"-Reflex - ein wenig Zeit für ihn nehmen. Forscher misshandeln ihn nicht nur auf der Suche nach dem ultimativen Schmerzmittel, sondern auch in der Alterungsforschung: Der Nackmull sieht nämlich (ab Geburt) nicht nur alt aus, er wird es auch. Mit einer Lebensspanne von bis zu 30 Jahren ist er Rekordhalter unter Säugern seiner Größe.

Ein wenig Zeit sollte auch mitbringen, wer sich auf die private Homepage "Zoidworld" verirrt. Dort wartet nicht nur eine (zwar nicht sehr) hübsch bestückte Bildergalerie, sondern auch das wohl erste Nacktmull-Spiel "Nacktmull Carnage" ("Nacktmull Massaker").

Feuer frei: Auch Nacktmull-Fans ballern auf virtuelle Viecher

Feuer frei: Auch Nacktmull-Fans ballern auf virtuelle Viecher

Das liegt bereits in Version 2.0 vor und ist natürlich ein kleines Ballerspielchen: Punkte gibt es für jeden Nacktmull- oder Pokemon-Abschuss, Punktabzug für jeden getroffenen Osama. Weiß der Fuchs, warum.

Irgendwie passt selbst das zum Nacktmull, diesem Tier von "bezaubernder Abstrusität", wie die "taz"-Journalistin Heide Plate findet: "Der Mull ist so wahr wie die Evolution wunderlich."

Denn selbst "Nacktmull Carnage" endet mit einer Nacktmull-freundlichen Note. Egal, was man so zusammenballert, am Ende muss man sich vom Mull verhöhnen lassen: "Versuch's nochmal, du Flasche!"

Er mag halt "scheiße aussehen" (Kurt Scheel in der "Welt"), der Nacktmull, aber er ist ganz offensichtlich unkaputtbar. Selbst Mull-Fan Wolfgang Steveker, der auf seiner Webseite "Mumpitz" unter anderem "kuriose Viecher" vorstellt, findet für ihn wenig schmeichelhafte Namen: "der Nacktmull, das Säbelzahnwürstchen unter den Nagern, das Walrossbaby des Erdreichs".

Unfair, unfair, unfair, findet der wahre Fan Rochus Wolff und weiß, dass wahre Schönheit allein im Auge des Betrachters liegt, wie der Brite sagt: "Ich persönlich finde Grottenolme bedeutend hässlicher."



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