Von Judith Horchert
Eins, drei, null, fünf, fünf, drei, vier, null, neun, null, fünf, vier, vier: Das Bild ist zwar unscharf, aber die Ziffern auf der Plastikkarte sind gut zu lesen. Auch das Ablaufdatum: September 2015, und der Name der Bank. Die Kartenbesitzerin hat ein Foto auf Twitter gepostet, weil ihre Karte durchgebrochen ist und sie dieses Missgeschick mit ihren Bekannten teilen wollte. "Ich habe meine Debitkarte zerbrochen", als Beweis zeigt sie das ganze Ding - nicht nur ihren Followern, sondern allen.
Die kanadische Nutzerin ist nicht die einzige, die Bilder der eigenen Debit- oder Kreditkarte ins Netz stellt. Oft sind die Daten vollständig lesbar, Name, Nummer, Datum. Der Twitter-Account "Debit Card" (@NeedADebitCard) sammelt jetzt solche Postings und retweetet sie. "Bitte hört auf, Fotos von Euren Debitkarten zu posten, Leute", steht in der kurzen Beschreibung. Darunter die Liste derjenigen, für die diese Warnung zu spät kommt. Schon jetzt wurden 25 verräterische Tweets aus verschiedenen Ländern gefunden, in denen das englische Wort "debitcard" verständlich und gebräuchlich ist - deutsche Tweets sind bisher nicht dabei.
Meistens haben die Twitterer einen Grund, ein Bild ihrer Karte zu posten. Die lang ersehnte Karte ist endlich angekommen, kaputt gegangen oder sieht einfach cool aus: mit Fußballern, einem Panda oder Hello Kitty drauf. Dass beispielsweise neben der Kultkatze etwas viel Interessanteres steht, nämlich zwölf Ziffern, scheinen manche dabei einfach zu vergessen. Das hat jetzt Folgen. Debit Card ist ein Online-Pranger, der eigentlich nichts tut als etwas bereits Öffentliches bekannter zu machen, indem er bündelt und verbreitet.
Wer sucht, wird auch woanders fündig
Es ist davon auszugehen, dass die Dame, die eine Hello-Kitty-Kreditkarte zeigte, lediglich an ihre eigenen 64 Follower dachte und nicht an die mittlerweile mehr als 8000 Follower von Debit Card. Natürlich ist das ein Fehler, denn ihre Tweets sind öffentlich und ohnehin für jeden zu sichtbar, der sie sehen möchte - ob er ihr nun folgt oder nicht. Aber tatsächlich hätte womöglich kaum jemand etwas davon mitbekommen im endlosen Strom der Tweets und Postings, die täglich auf Netznutzer einprasseln.
Mittlerweile sind auch einige der Betroffenen auf ihren Fauxpas aufmerksam geworden und haben ihr Bild rasch gelöscht. Auch die Instagram-Links funktionieren schon nicht mehr. Wer sucht, wird aber trotzdem fündig: Selbst eine simple Web-Suche führt gleich zu Statigram, wo die Instagram-Bilder zum Begriff "Debitcard" zu sehen sind - und das sind nicht wenige.
@NeedADebitCard ist wohl gut gemeint: Der Account soll eine Warnung sein. Diese Idee ist nicht neu, aber zur Zeit beliebt: Erst vor wenigen Tagen machte die Seite Weknowwhatyouredoing.com von sich reden, auf der ebenfalls Tweets und Postings gesammelt werden: Solche, in denen die Leute schreiben, dass sie ihren Chef hassen. Oder solche, in denen sie ihre neue Telefonnummer nennen. Oder solche, in denen sie berichten, wie verkatert sie sind.
I Can Stalk You zeigte schon vor einiger Zeit, wie viel sich über unbedachte Postings erfahren lässt - mittlerweile ist die Seite inaktiv. Please Rob Me warnt davor, im Netz ständig seinen Aufenthaltsort anzugeben - weil Einbrecher dadurch ein leichtes Spiel hätten.
Es ist immer die gleiche Methode, die gegen die Unvorsichtigkeit wirken soll: Ein virtueller Schandpfahl, an dem Menschen vorgeführt werden, die nicht aufgepasst haben. Naming and Shaming.
Der Schwarm erzieht seine Mitglieder
Vielleicht ist es eine Mischung aus Schadenfreude und Sensationslust, die viele Zuschauer zu den virtuellen Prangerplätzen zieht. Außerdem mag es manchem Nutzer Befriedigung verschaffen, auf vermeintlich Dümmere herabsehen zu dürfen, und sei es nur für einen Moment.
Es ist nicht zu vermuten, dass die Mehrzahl der gut 8000 Follower von Debit Card über kriminelle Energie verfügt und nach gültigen Kreditkartennummern für den eigenen Gebrauch sucht. Aber einer würde ja auch reichen. Noch weniger wahrscheinlich ist allerdings, dass Nutzer dem Account folgen, um selbst nicht in Versuchung zu kommen, versehentlich ein Foto ihrer Kreditkarte zu teilen.
Tatsächlich dürften Voyeurismus und Schadenfreude der Hauptgrund sein, gefolgt vom Vorwand des guten Zwecks. Ein Pranger ohne Zuschauer wäre schließlich keiner; ein Schild um den Hals braucht auch jemanden, der es liest.
Für die so Vorgeführten dürfte das trotzdem kein schönes Gefühl sein, auch wenn sie selbst schuld sind. Im besten Fall finden sie ein bisschen Trost darin, als schlechtes Beispiel die Schmach zumindest anderen zu ersparen. Im schlimmsten Fall wird tatsächlich eine Kreditkarte belastet, die ein Dieb niemals gefunden hätte, wenn er nicht darauf aufmerksam gemacht worden wäre.
Die freundlichere Warnung wäre vielleicht ein Tweet: Liebe Leute, bitte postet niemals komplette Bilder von Euren Kreditkarten. Falls es passiert ist: Sofort sperren lassen! Bitte RT.
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