Social-Web-Star NeinQuarterly: "Adorno hätte Twittern gehasst"

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Twitter-Account von NeinQuarterly: "When in doubt, Umlaut."

Bekannt wurde er mit Intellektuellenwitzen und klugen Wortspielen zur deutschen Sprache auf Twitter: Der US-Professor Eric Jarosinski alias NeinQuarterly wird von den Feuilletons gefeiert. Jetzt will er aus seinem Twitter-Konto eine Marke machen - die Chancen stehen gut.

Nein. "Das ist in Deutschland die erste Antwort, mit der man rechnen muss", sagt Eric Jarosinski. Zum Beispiel am Postschalter. "Da heißt es oft erstmal: 'Nein, das geht nicht!'", sagt Jarosinski und lacht. Unter anderem deshalb hat er seinen Twitter-Account @NeinQuarterly mit diesem Wort überschrieben.

Jarosinski ist ein amerikanischer Germanist, er lehrt an einer Elite-Universität in Pennsylvania. Bekannt wurde er aber durch seine Tweets, eine Mischung aus deutsch-englischen Wortspielen und Scherzen für Intellektuelle. "Alle Pronomen reden von anderen. Wir nicht", schreibt er dort zum Beispiel. Er schafft Wortkreationen wie "Bitter schön" "Misskunst" und "Trollwut". Er spielt mit Begriffen wie Leitmotiv, Weltschmerz und Bildungsroman - Anspielungen für einen kleinen Kreis. Einst galt sein Account als Geheimtipp, mittlerweile hat er sich mehr als 30.000 Fans ertwittert.

Jarosinski steht am Hamburger Bahnhof, es ist noch zu Beginn seiner mehrwöchigen Deutschlandreise. Damit wir uns erkennen, hat er sich selbst beschrieben: "Schwarzes Hemd. Klein. Brille. Zwei Taschen. Sehe müde aus. Keine Blume." Fast alles stimmt, nur wirkt er keineswegs müde: Er gestikuliert mit beiden Armen und redet fast ohne Pause. So wie er fast ohne Pause twittert.

Eric Jarosinski: Tweets für Akademiker Zur Großansicht
Eric Jarosinski

Eric Jarosinski: Tweets für Akademiker

Das sind dann Sätze wie "When in doubt, Umlaut", "I miss the Ständeklausel", "Ich denke mich weg" oder "schönen Wochenuntergang". Schon mit seinem Account @ShitGermansSay hatte er sich eine Fangemeinde aufgebaut, "aber irgendwann wollte ich das Ganze salonfähig machen." Er schuf NeinQuarterly, eine fiktive Viertelsjahresschrift. Intellektuellenhumor.

"Gutes Twittern ist Handwerk"

Mehr als 26.000 Tweets werden in seinem Profil angezeigt, in Wahrheit sind es mehr, aber er löscht immer mal wieder etwas. Jetzt, in den Semesterferien, twittert er manchmal stundenlang.

Er lässt eine Kunstfigur sprechen, die lose auf Adorno basiert. Dieser Twitter-Adorno macht erstaunlich gute Witze, bemüht sich dabei aber, einen grummeligen Eindruck zu machen. "Adorno war ein großer Feind der Popkultur, was ich verstehen kann", sagt Jarosinski, "weil diese Popkultur eher eine Unkultur ist."

Es ist ein erstaunlicher Satz aus dem Munde von einem, der einen beträchtlichen Teil seiner wachen Stunden am Smartphone verbringt und twittert. "Adorno hätte Twitter wahrscheinlich gehasst", gibt er zu, "aber Facebook hätte er noch viel mehr gehasst. Facebook hätte er verachtet."

Dabei eignet sich die knappe Form der Tweets gut für Aphorismen. Und genau das verbreitet Jarosinski: Gedankensplitter, intelligente Wortspiele, zynische Witze zum Tagesgeschehen. Es sind kleine Kunstwerke, Jarosinski sagt: "Gutes Twittern ist Handwerk, man wird durch Übung immer besser."

Die Katzenmumie aus Wisconsin

Mehrere Jahre hat er in Deutschland verbracht, in Bonn, Frankfurt, Freiburg und Berlin studiert. "In dieser Zeit habe ich übrigens gelernt, dass 'nein' in Deutschland gar nicht immer 'nein' heißt." Antworte man am Postschalter etwa: "Ach schade, meine Mutter hat Geburtstag, ich hatte gehofft, dass das Paket noch heute mit der Post abgeht", dann klappe es plötzlich doch.

Schon als Kind war er von Deutschland fasziniert: Er kommt aus einer ländlichen Gegend in Wisconsin. In diesen Staat wanderten im 19. Jahrhundert viele Deutsche aus, hier gibt es ein New Berlin und ein New Holstein. "Es haben auch viele deutsche Zeitungen und Brauereien eröffnet. Auch den ersten 'Kindergarten' gab es in Wisconsin."

In der Schule hat Jarosinski ein bisschen Deutsch gelernt, ein Jahr lang an der Highschool. "Da war aber ganz wenig, der Bürgermeister des Ortes hat uns unterrichtet", sagt er und lacht. Hängen geblieben ist nur "mein Plattenspieler ist kaputt" oder das Wort "Katzenmumie".

Später, an der Universität, lernte Jarosinski die Sprache richtig. "Das habe ich gar nicht besonders gemocht", sagt er. "Dieses Präzise - das war eher wie Mathematik." Noch heute witzelt er in seinen Tweets über die Komplexität dieser Sprache: "Deutsche Wörter sind nicht zu lang. Das Leben ist zu kurz."

Bald wird er seinen Job verlieren

In einer Bar im Hamburger Bahnhofsviertel bestellt er sich das letzte Bier vor dem Sturm. Noch ist er ein Geheimtipp, in den kommenden beiden Wochen wird sich das ändern. Er wird die "Zeit" besuchen, vielen Journalisten Interviews geben, in der Zeitung stehen. Der Tagesspiegel wird schreiben: "Jetzt ist er in Berlin - und halb Mitte will ihn kennenlernen." NeinQuarterly wird ein bisschen berühmt.

Eigentlich verdient Jarosinski sein Geld als Assistenzprofessor, aber im Sommer 2014 wird er seine Stelle an der Uni verlieren. Denn von ihm wurde erwartet, dass er in dieser Zeit keine Tweets publiziert, sondern ein Buch. "Aber ich will kein Buch schreiben, das nur ein Dutzend Experten verstehen, die es dann auch noch scheiße finden."

Natürlich habe er angefangen, das Buch sei eigentlich fast fertig, abgegeben hat er aber nicht. "Im Grunde möchte ich nämlich diesen Job gar nicht." Er lehre zwar sehr gern, aber das Forschen liege ihm nicht so. "Ich will kein Leben als wissenschaftlicher Forscher führen. Das ist ein sehr einsames Leben."

Einsam fühle er sich auch so schon genug. "Ich bin ein ziemlich depressiver Typ", sagt der, der ständig lacht, "vor allem, wenn ich einsam bin." In diesen Momenten twittere er, schließlich sei "bei Twitter immer jemand da, zu jeder Tages- und Nachtzeit", erst seine Follower aus Australien, dann aus Asien, dann die Europäer, schließlich die Amerikaner. "Meine Aufgabe ist es doch, die Themen vielen Menschen zugänglich zu machen." Am späten Abend, allein in seinem Hamburger Hotelzimmer, setzt er noch mehrere Tweets ab.

Seine Fans zahlen für ein Blog, das noch keins ist

Nur lässt sich von Tweets schlecht leben, und Jarosinski braucht Geld. Seine Ausbildung war teuer, wie viele amerikanische Akademiker hat er sich durch sein Studium hoch verschuldet.

Jarosinski braucht also einen Plan. Deshalb macht er aus NeinQuarterly gerade eine Marke - mit Erfolg. Seine Fans hatten angeboten, für seine Tweets etwas zu zahlen. Also hat er ein Blog gegründet, das noch keinen Inhalt hat. Es gibt nichts zu sehen, aber eine Möglichkeit, für dieses Nichts zu bezahlen. Die Fans tun das. "Es gibt eine große Nachfrage nach T-Shirts und solchem Zeug, und dafür brauche ich Startkapital." Wenn alles klappt, könnte er, der "gescheiterte Intellektuelle", wie er sich selbst nennt, eines Tages hauptberuflich twittern und Herausgeber eines werbefinanzierten Autorenblogs sein. Und über Deutschland und Deutsches schreiben.

Die Deutschen seien sehr gebildet und liberal

Man dürfe Deutschland nicht zum Märchenland stilisieren, sagt er, aber er liebe es: "Meiner Erfahrung nach sind die Deutschen sehr gebildete, liberale Menschen. Viele Dinge hier sind der Versuch, eine Gesellschaft anders zu gestalten." Das sehe man zum Beispiel bei der Datenschutzdebatte nach dem Prism-Skandal. "Es erstaunt mich, dass die 'Bild'-Zeitung hier die größte Zeitung ist."

Vielleicht hat sich Jarosinski eben doch ein Märchenland geschaffen, in dieser Blase aus universitärem Betrieb, umgeben von Akademikern. Vielleicht hat er ein Land der Dichter und Denker im Kopf, wenn er twittert. Und vielleicht ist NeinQuarterly genau deswegen so erfolgreich - gerade hier in Deutschland.

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insgesamt 24 Beiträge
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1.
danido 22.08.2013
Zitat von sysopBekannt wurde er mit Intellektuellen-Witzen und klugen Wortspielen zur deutschen Sprache auf Twitter: Der US-Professor Eric Jarosinski alias NeinQuarterly wird von den Feuilletons gefeiert. Jetzt will er aus seinem Twitter-Konto eine Marke machen - die Chancen stehen gut. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/nein-quarterly-ein-amerikanischer-twitterer-erobert-deutschland-a-917500.html
Stört sich der Herr Jarosinski denn nicht an der Humorlosigkeit der Deutschen? Für mich eins der größten Ärgernisse der deutschen Kultur. Er hat übrigens Recht mit der deutschen Sprache, wenn er sagt sie ähnele sehr der Mathematik. Deutsche Sprache fördert Autismus wegen ihrer Komplexität und ihrem Verlangen nach Genauigkeit. Vielleicht ist das ja auch der Grund für die Humorlosigkeit der Deutschen.
2.
Andr.e 22.08.2013
Zitat von danidoStört sich der Herr Jarosinski denn nicht an der Humorlosigkeit der Deutschen? Für mich eins der größten Ärgernisse der deutschen Kultur. Er hat übrigens Recht mit der deutschen Sprache, wenn er sagt sie ähnele sehr der Mathematik. Deutsche Sprache fördert Autismus wegen ihrer Komplexität und ihrem Verlangen nach Genauigkeit. Vielleicht ist das ja auch der Grund für die Humorlosigkeit der Deutschen.
Wenn man die Aussage konsequent weiterverfolgt, ist die Sprache also nicht Produkt einer Entwicklung, sondern spiegelt vielmehr einen Entwicklungsstand wider? Frei nach dem Motto: Wenn wir nur alle anders sprächen, wären wir auch viel lockerer. Aber beruhigen Sie sich, schauen Sie des öfteren in einem digitalen Forum vorbei. Der laxe umgang mit der sprache,,, wird ihnen so fort in's AUGE fallen. Ich freu mich auf jeden Fall auf die dann lockeren Deutschen...
3. Auch ein wenig Küchenpsychologie von mir
elpepino 22.08.2013
Zitat von danidoStört sich der Herr Jarosinski denn nicht an der Humorlosigkeit der Deutschen? Für mich eins der größten Ärgernisse der deutschen Kultur. Er hat übrigens Recht mit der deutschen Sprache, wenn er sagt sie ähnele sehr der Mathematik. Deutsche Sprache fördert Autismus wegen ihrer Komplexität und ihrem Verlangen nach Genauigkeit. Vielleicht ist das ja auch der Grund für die Humorlosigkeit der Deutschen.
Solche Sätze deuten für mich auch auf ein etwas angespanntes Verhältnis ihrerseits zum Thema Humor hin.
4. sehr gebildete, liberale Menschen
BettyB. 22.08.2013
Was ist denn das für ein Schleimer?
5. Mangelnde Integrationsfähigkeit...
soano 22.08.2013
Zitat von sysopBekannt wurde er mit Intellektuellen-Witzen und klugen Wortspielen zur deutschen Sprache auf Twitter: Der US-Professor Eric Jarosinski alias NeinQuarterly wird von den Feuilletons gefeiert. Jetzt will er aus seinem Twitter-Konto eine Marke machen - die Chancen stehen gut. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/nein-quarterly-ein-amerikanischer-twitterer-erobert-deutschland-a-917500.html
... der Deutschen in den USA ;-) Musste übrigens sehr lachen über die Kostproben. Mark Twain war übrigens sehr viel bissiger gegenüber der deutschen Sprache.
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