Werke aus der Netz-Frühzeit Ist das Kunst, oder können wir das löschen?

Das Internet vergisst nicht, heißt es. Bei digitaler Kunst ist das anders. Nur selten bleiben Werke aus Bytes und Pixeln für die Nachwelt erhalten. Ein groß angelegtes Projekt soll das ändern.

Mouchette

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Die Internetpräsenz der 13-jährigen Mouchette aus Amsterdam ist knallbunt - und wirkt doch morbide. Über die großformatigen kitschigen Blumenfotos auf der Seite krabbeln Ameisen und eine dicke Fliege, wie tierische Vorboten des Verfalls. Wer Mouchettes Seite aufruft, hört erst mal ein lautes Schluchzen aus dem Lautsprecher dringen. Mouchette ist fasziniert von Tod und Melancholie, sie badet in Weltschmerz.

Sie ist aber kein echtes Mädchen, sondern eine Kunstfigur. Mouchettes Webseite ist ein lange anonym geführtes Kunstprojekt, das der Französin Martine Neddam zugerechnet wird. Ihre Seite ging schon 1996 online, es ist ein über die Jahre gewachsenes interaktives Kunstwerk . Das Projekt "Net Art Anthology" der digitalen Kunstplattform Rhizome stellt das Werk von Mouchette aktuell neu vor - als eines von rund 100 Werken, die das Label Internetkunst tragen.

Das Internet vergisst doch

Viele halten das Internet für ein alles umfassendes digitales Archiv. "Das Internet vergisst nicht", heißt es oft warnend: Was einmal ins Netz gestellt wird, lässt sich nur schwer wieder ausradieren. Für Digitalkünstler und ihr Werk gilt der Spruch aber nicht, im Gegenteil.

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Net Art Anthology: Diese Werke gibt es online zu sehen

"Digitale Kunst ist mit dem Problem der kulturellen Amnesie konfrontiert. Man kann sie nur schwer in einen Kunstkatalog transferieren", sagt Michael Connor, der künstlerische Direktor von Rhizome. "Bei Net Art gilt bisher viel zu oft das Prinzip: Entweder warst du zur richtigen Zeit am richtigen Ort, oder du hast etwas verpasst."

Connor will mit der "Net Art Anthology" gegen diese Vergesslichkeit angehen. Er möchte mit dem Projekt eine umfassende Werkschau der Internetkunst seit den Achtzigerjahren schaffen.

Gestartet ist das Projekt der "Net Art Anthology" im Oktober, als auf zwei Jahre ausgelegte Online-Ausstellung. Jede Woche wird dem Netz-Publikum ein neues Werk, ein neuer Künstler vorgestellt. In vier Kapiteln soll die Ausstellung sich von den Anfängen der Internetkunst bis in die Gegenwart bewegen.

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Technik und Design: Die Digital-Ära kommt ins Museum

Bei Connors Streifzug durch die Jahrzehnte der Digitalkunst geht es immer auch um die Frage: Wie haltbar sind die Ergebnisse der Künstler? Und wie kann man Seiten wie die von Mouchette, die technisch und vom Look her fürs Netz der Neunzigerjahre gemacht worden sind, heute angemessen präsentieren? Für welche Bildschirmauflösung war das Werk vorgesehen? Wie schnell war das Internet zum Entstehungszeitpunkt, wie lange dauerte es, bis das Werk geladen war?

Das Videokassetten-Problem

Das Medium der Digitalkünstler, das Internet, hat sich in den ersten Jahrzehnten nach seiner Entstehung rapide gewandelt. Das färbt auch auf die Netzkunst ab. Sie folgt heute gänzlich anderen formalen und ästhetischen Kriterien als früher - auch wenn aktuell der sogenannte Web-Brutalismus als Netztrend den Look der Neunzigerjahre wiederbelebt, wie diese Fotostrecke zeigt:

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Design-Phänomen Web-Brutalismus: Das gehört so

Digitale Werke originalgetreu zu präsentieren, ist aber nur eines der Probleme, das die Rhizome-Organisation lösen muss. Es gibt auch eine viel grundlegendere Bedrohung: den technischen Fortschritt.

Ähnlich wie bei einer Videokassette, die heute in Zeiten von DVD- und Blu-ray-Playern kaum noch jemand abspielen kann, drohen auch Teile der Internet-Kunst in Vergessenheit zu geraten, weil die eingesetzte Technik veraltet und nicht mehr verfügbar ist. Wie viele Menschen haben daheim noch eine CD-ROM eines Spiels für Windows 98 rumliegen, das sie nie wieder spielen können? Oder eine Diskette, auf der eine alte Textdatei gespeichert ist, die ohne Laufwerk nie wieder abgerufen werden kann?

Ähnliche Probleme plagen auch Vertreter der Digitalkunst. "Die Technik der Ölmalerei hat sich seit Hunderten Jahren nicht wesentlich verändert. Werke der Net Art sind nach ein paar Jahren oft schon nicht mehr zugänglich", sagt Mark Tribe. Er hat Rhizome 1996 gegründet, weil er diese Probleme der Haltbarkeit digitaler Kunst kommen sah.

Kunstgeschichte zerstört, per Mausklick

Wird die technische Infrastruktur hinter den Werken nicht mehr gepflegt - oder bezahlt - können die künstlerischen Beiträge zum Digitalzeitalter zudem schnell von den Servern verschwunden sein. Speicherplatz für eine Web-Präsenz kostet Geld, wie die Miete für einen Ausstellungsraum. Bleibt die aus, wird geräumt.

Das digitale "Hiroshima Project" von Künstler Akke Wagenaar von 1995 verschwand sogar ohne Geldprobleme noch im selben Jahr aus dem Netz, beschreibt Tribe. "Ein Systemadministrator hatte Wagenaars Account gelöscht - und so mit einem Mausklick ein Fragment der Kunstgeschichte zerstört."

Aus dem Archiv

So soll Kunst haltbar werden

Neben der Dokumentation von Werken versuchen die Bewahrer der Digitalkunst bei Rhizome, alte Werke und neue Technik zu harmonisieren und so über die Jahre zu retten. Zum Beispiel, indem Tags in altem HTML-Code an Standards angepasst werden, nach denen heutige Internetbrowser arbeiten.

Rhizome setzt außerdem auf das Prinzip der sogenannten Emulation. Damit wird in der Computertechnik ein System im System bezeichnet. Wer zum Beispiel seinen heutigen Chrome-Browser öffnet, kann dank eines Emulators darin eine Art zweites Fenster erzeugen, zum Beispiel nach dem Vorbild eines alten Internet Explorers. So können Betrachter trotz moderner Technik noch nachvollziehen, wie pixelig und roh ein Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aussah.

"Wenn man darüber nachdenkt, wie man Net Art erhalten kann, hilft es außerdem, sie nicht als Objekt zu verstehen, das man in ein Regal stellen kann, sondern als Performance", sagt Kurator Connor. Lässt sich ein interaktives Werk wegen technischer Schwierigkeiten überhaupt nicht in die jetzige Zeit heben, gibt es für Rhizome deshalb immer noch die Möglichkeit, die ursprüngliche Idee neu umzusetzen mit den aktuellen Mitteln der Technik. Ein Kunst-Remake sozusagen.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
akkzent 20.02.2017
1. Ich bin komplett kunstfrei ....
Ich kann da hingucken wie ich will. Leider ist für mich auf diesen Bildern keinerlei "Kunst" erkennbar. Auch wenn ich der "Kunst im üblichen Sinn" fallweise durchaus etwas abgewinnen kann. Bin anscheinend nicht von dieser Cyber-Welt!
t_mcmillan 20.02.2017
2.
Damit wird das Spezielle dieser Kunst neutralisiert und es wird definitiv sehr viel Müll gespeichert werden. Nicht jede Kunst ist für die Ewigheit gedacht.
noalk 20.02.2017
3. Teil der Kunst
Das Medium ist immer Kunstbestandteil. Das Holz, aus dem die Statue gefertigt ist;, das Buch, in dem der Text geschrieben steht; die Leinwand, die bemalt wurde. So ist auch der digitale Träger der digitalen Kunst als Betandteil der Kunst zu betrachten. Auch die Vergänglichkeit des jeweiligen Materials ist somit Bestandteil des Kunstobjektes. Daher enthält eigentlich nur der erste Datenträger, auf dem die digitale Kunst gespeichert wurde, das eigentliche Kunstobjekt (alles andere sind wertlose Kopien, so wie z.B. Fotografien der Mona Lisa). Wenn dieser Datenträger futsch ist, ist das Kunstobjekt eben auch futsch. Diese Vergänglichkeit ist Teil der digitalen Kunst. Vom Schöpfer vielleicht sogar so gewollt, zumindest in Kauf genommen.
Knossos 20.02.2017
4. Komm mal mit
, sagte der Bekannte und führte mich Mitte der Achtziger an seinen fetzigen Computer. Auf dem Monitor konnte man spektakulärer Weise zeichnen. Jedenfalls Linien aus Quadraten, die mir so groß in Erinnerung scheinen, wie Würfelzucker. Zehn Jahre später fummelte ich ein Bild in Windows Paint zusammen, dessen Pixel soviel kleiner auch nicht waren. Mir dünkt, es noch irgendwo in aktuellen Ordnerkaskaden gesichtet zu haben. ´werde es bei nächster Sichtung aus Witz & Dollerei einmal ausdrucken. Schließlich ist es ein Dokument der Zeit und nicht einmal häßlich anzuschauen. Irgendwann in der Kreidezeit fragte ich meinen Cousin, warum er ausgerechnet Informatik studierte. Und als mein Musiklehrer davon schwärmte, sich einen Rechner für schlappe 30 000 DM zulegen zu wollen (kostenloser Oszillator 'gleich mit drin'), fragte ich mich, was mit dem Mann nur los sei. Kleines analoges Dummerchen, ich. |OD
carlwilde 20.02.2017
5. Kunst digital erhalten...
...lässt sich über die App "Art worldwide": Abfotografieren, upload erfolgt automatisch, Kunstwerk ist gesichert für die (digitale) Ewigkeit - und weltweit sichtbar. Derzeit noch akommerzielles Projekt zur Dokumentation von gelungener (und weniger gelungener) Kunst.
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