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Videostreaming: Warum uns Netflix enttäuschen wird

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Bald kommt Netflix mit seiner Film- und Serienplattform nach Deutschland. Mancher hofft nun auf unbegrenzten Zugang zu Top-Produkten - wohl vergebens. Die Branche wiederholt die Fehler der Musikindustrie.

Netflix-Logo: Neue Konkurrenz für die TV-Anbieter Zur Großansicht
REUTERS

Netflix-Logo: Neue Konkurrenz für die TV-Anbieter

Der US-Streamingdienst Netflix startet im September in Deutschland. Das haben wir am Dienstagmorgen gemeldet. Zu dieser Meldung hat uns eine einzige Leserzuschrift erreicht: "Soso, Netflix kommt. Aber wissen sie was? The Pirate Bay ist schon da!"

Natürlich werden hier Äpfel mit Birnen verglichen, eine legale, kostenpflichtige Streamingplattform mit einer Sammelseite für Bittorrent-Files, mit deren Hilfe man sich - unter anderem - Zugriff auf illegale Raubkopien von Filmen und Serienfolgen verschaffen kann. Gleichzeitig aber fasst die Zuschrift ein Dilemma zusammen, vor dem die Bewegtbildbranche ebenso steht wie ihre Kunden. Es ist wie bei digitaler Musik, damals zu Zeiten von Napster: Das illegale Angebot im Netz ist besser, schneller, vollständiger als jedes legale Angebot, das heute verfügbar ist. Und daran wird auch Netflix nichts ändern, obwohl mancher darauf hofft.

Nirgends findet man alles, was man sucht

Längst gibt es mit Watchever, Maxdome, T-Entertain, Amazons Prime Instant Video und ähnlichen Diensten eine Vielzahl von Anbietern, die Filme und TV-Serien als Stream auf den Fernseher bringen. Aber so richtig befriedigend ist deren Angebot nie, irgendetwas fehlt am Ende immer. Wer "Game of Thrones" zeitnah und nicht erst Monate nach der US-Ausstrahlung sehen will, der muss ein Sky-Go-Abonnement abschließen. Das Gleiche gilt, kurioserweise, für die von Netflix produzierte Serie "House of Cards" - die Rechte an der fiesen Politsatire hält hierzulande Sky.

Wer dagegen endlich einmal alle Staffeln von "Breaking Bad" sehen will, wird bei Sky Go nicht fündig, dafür bei mehreren Konkurrenten wie Watchever und Maxdome. Auch die BBC-Serie "Sherlock" gibt es bei Maxdome und Watchever, der letztere Dienst aber hat nur die ersten zwei Staffeln im Angebot, die dritte nicht. Bei Watchever findet man etwa Filme von Alfred Hitchcock, bei Maxdome nicht, dafür gibt es dort "The Wolf of Wall Street", bei Watchever aber nicht. Diese beiden Dienste sind hier nur exemplarisch herausgegriffen - gemeinsam ist allen Anbietern, dass ihr Angebot Lücken aufweist. Nirgends findet man alles, was man sucht.

Erst Steve Jobs zwang die Musikbranche unter ein Dach

Das erinnert ein bisschen an die Situation der Musikbranche ein paar Jahre nach der Erfindung von Napster. Die großen Plattenverlage reagierten auf die plötzliche Existenz eines Dienstes, der seinen Nutzern - illegalen -Zugang zu weiten Teilen mindestens der Pop- und Rockgeschichte bot, nicht mit einem einheitlichen, legalen Bezahlangebot. Sondern mit zweien. Wer einen bestimmten Song oder ein bestimmtes Album kaufen wollte, musste erst einmal herausfinden, bei welcher Plattenfirma der Künstler oder die Band unter Vertrag war. Das Ergebnis ist bekannt: Die Branche erlebte ihr digitales Desaster, erst Steve Jobs' iTunes brachte einen einheitlichen, umfassenden Digitalkatalog und zwang der Musikbranche zugleich Bedingungen auf, über die sie bis heute klagt.

Die Bewegtbildbranche ist gerade dabei, diesen Fehler zu wiederholen: Viele der größten Fans ihrer Produkte haben sich damit abgefunden, dass man an die besten dieser Produkte oft am schnellsten auf illegalem Weg herankommt. Daran wird auch Netflix nichts ändern, auch wenn der Startkatalog bislang noch unbekannt ist. Irgendetwas wird fehlen, so wie bei allen anderen auch.

Netflix selbst wird vermutlich versuchen, mit einer Betonung seiner exklusiven Eigenproduktionen wie der Frauengefängnisserie "Orange Is the New Black" oder "Arrested Development" fürs eigene Angebot zu werben. Für "Game of Thrones" oder "True Detective" wird man aber vermutlich weiterhin ein Sky-Go-Abo benötigen - und so weiter.

Kundenunfreundlich - aber hart gegen Piraterie

Tatsächlich ist die Gemengelage im Bereich TV und Film noch viel komplizierter, als sie bei Musik jemals war: Die Rechte für Filme und Serien werden - oft schon vor Beginn der eigentlichen Produktion - mehrfach verkauft, getrennt nach "Territorien". Das hat uns schon andere eher kundenunfreundliche Regelungen wie Regionalcodes für DVDs beschert. Heute führt es unter anderem zu transatlantischen Kuriositäten wie dieser: Netflix darf in den Niederlanden die Krimiserie "Fargo" (basierend auf dem grandiosen Film der Coen-Brüder) zeigen, in den USA aber nicht, denn dort läuft "Fargo" im Pay-TV-Kanal FX.

In der Film- und TV-Branche ist die Problematik lange bekannt, geändert hat sich daran nichts. Tatsächlich scheint sich die Geschichte zu wiederholen: Während das Internet die Konsumgewohnheiten gerade der glühendsten Fans nachhaltig verändert, gelingt es einer weiteren Branche nicht, ihren Kunden ein erschöpfendes, legales Angebot zu machen - während sie gleichzeitig mit großem juristischem und Lobby-Aufwand versucht, gegen Piraterie im Netz vorzugehen.

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insgesamt 89 Beiträge
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1. Guter Artikel
bluemetal 22.07.2014
Ich will nicht extra für Game of Thrones eine Sky-Abo abschliessen das ich sonst nie benötige, und ich will auch nicht warten bis RTL2 ein Jahr später zu absurden Sendezeiten die wohl beste Serie aller Zeiten mit 30 Werbeunterbrechungen "erst"austrahlt. Usenext bietet hier sofort eine Problemlösung. Solange diese absurde Situation so bleibt regelt das der illegale Markt.
2. Die Illegalen sind nicht nur Schneller...
Andreas-Schindler 22.07.2014
Die Illegalen sind nicht nur Schneller sondern liefern bessere Qualität. Es ist nicht unbedingt Lustig wenn man bereit war paar Euro zu Bezahlen für eine legale Fassung und dann zu merken das sie wesentlich schlechter ist als die sogenannte "Böse Raubkopie". Die Filmindustrie macht zu viele Fehler im digitalen Zeitalter, sie lebt noch in der analogen Welt und wundert sich über die digitalen Möglichkeiten.
3. Ich habe Netflix ...
weitWeg 22.07.2014
und bin sehr zufrieden damit. Richtig, nicht jeder Film ist zu finden, aber genuegend viele kann ich finden. Kein Angebot von Produkten ist allumfassend.
4. Nicht PirateBay ist der Konkurrent
thsherlok 22.07.2014
Der Konkurrent zu Netflix nennt sich z.B. Popcorn Time . Diese Software läuft auf allen Plattformen ohne irgend welches DRM geraffel. Sie ist einfach zu bedienen und die Auswahl ist riesig.
5. Äpfel und Birnen
Meth Usalehm 22.07.2014
Die Musik- und Filmstindustrien haben in der digitalen Welt quasi ähnliche Entwicklungen durchgemacht, nur deutlich zeitversetzt. Alles fing an mit filesharing, über legale, aber unvollständige Dienste (siehe Artikel, heute zB Netflix) und mündete bei der Musikindustrie in umfassende Streamingdienste, bei der heute nahezu alles zu finden ist (zB Deezer). Es wird wohl noch Jahre dauern, bis eine solch vollständige virtuelle Videothek entsteht.
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