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Netz-Fotografie: Der Reisende sucht die Webcams dieser Erde

Von Sven Preger

Die Welt ist schlecht aufgelöst. Egal ob in Las Vegas, New York oder Essen. Das stört drei junge Fotografen jedoch wenig. Seit zwei Jahren reisen sie durch die Welt und stellen sich vor Webcams. Ihre Markenzeichen: ein helles Hemd und eine schwarze Tasche. Angefangen hat ihre virtuelle Reise auf einer Rolltreppe in Las Vegas.

"Der Reisende" im Andy-Warhol-Museum in Pittsburg
Der Reisende

"Der Reisende" im Andy-Warhol-Museum in Pittsburg

"Das war richtig knapp!" Jens Sundheim erinnert sich noch sehr genau an das erste Bild am 8. August 2001. "Wir haben am Abend vorher per Mail verabredet, dass ich um genau 15 Uhr Ortszeit oben auf der Rolltreppe vor dem MGM Grand Hotel stehe." Davon wusste Bernhard Reuß nur leider so lange nichts, bis er kurz vor der Verabredung nach Hause kam - da war es fast Mitternacht in Wiesbaden. Er fuhr den Rechner hoch, suchte die Internetseite mit der Webcam und sah Jens vor der Kamera stehen. Fünf Minuten später wäre er weg gewesen und die Chance vertan, denn es war sein letzter Tag in den Staaten.

"Ich war damals in Las Vegas, um meine Diplomarbeit für die Fachhochschule Dortmund zu fotografieren", erzählt der 32-jährige Fotodesigner. Damals lichtete er die Kleinstadt Summerlin ab, eine so genannte Masterplan Community. Dabei handelt es sich um eine Kleinstadt mit 70.000 Einwohnern, die komplett auf dem Papier geplant wurde, bevor 1990 der Bau begann. "Wir haben lange nach einer Webcam gesucht, um ein Bild zu machen und schließlich die vor dem MGM in Vegas gefunden", erinnert er sich.

"Kameras stehen überall rum"

Das war der Startschuss für das Projekt "Der Reisende", der sich mittlerweile vor fast 250 Kameras gestellt hat. Ob Edinburgh, Lyon oder Genf - überall wurde vor der Webcam posiert. Die Idee für das Projekt hatten die beiden Wiesbadener Bernhard Reuß und Sascha Büttner. "Wir haben uns überlegt, dass man die Kamera zum Fotografieren ja nicht immer selbst mitschleppen muss. Die stehen schließlich überall rum", erklärt Reuß die Idee. Die Gestaltung des Bildes wollen die drei trotzdem beeinflussen - das helle Hemd mit dem schwarzen Schulterband der Tasche findet sich als eine Art Leitmotiv immer wieder.

Fotostrecke

9  Bilder
Der Reisende: Virtuelle Weltreise

"Das Besondere ist, dass die Webcam einen ganz anderen Blickwinkel hat, den wir nicht beeinflussen können - so sind wir mal ganz nah zu sehen und manchmal muss man den hellen Punkt auch suchen", erklärt Sundheim. Dabei kann die Feinabstimmung immer erst vor Ort entstehen. Auf den frühen Aufnahmen ist einer der drei manchmal noch mit dem Handy am Ohr zu sehen - heute fällt der Knopf im Ohr kaum noch auf.

"Netter Hintergrund mit Polizeiboot"

Im vergangenen Jahr ist Jens Sundheim mit Bernhard Reuß in die USA geflogen - diesmal machte Reuß aus der Reisefotografie im Internet seine Diplomarbeit als Fotodesigner. Unter anderem in New York wurden sie auf ihrer Suche nach Kameras fündig, ausgerechnet zwei Tage vor dem ersten Gedenktag an die Anschläge auf das World Trade Center. Vor einer Verkehrskreuzung wollte sich Sundheim aufnehmen lassen: "Ich habe noch gedacht, das Polizeiboot, das hinter mir herfährt, sorgt für einen netten Hintergrund." Ein paar Minuten später war der Hintergrund näher gekommen - der 32-jährige Fotograf wurde einkassiert und durfte die kommenden sechs Stunden in einer Zelle verbringen. Nervösen Passanten war der junge Mann, der so nah am Straßenrand stand, wohl nicht ganz geheuer - sie hatten die Polizei gerufen.

Egal ob Überwachungskameras oder die Linse von Privatleuten - nichts ist vor dem Reisenden sicher. "Natürlich spielt auch Spaß eine große Rolle bei dem Projekt", gibt Sundheim zu. "Darüber hinaus ist es allerdings sehr reizvoll, weil man immer wieder Sachen sieht, die man vorher nicht erwartet hat." So geben die pixeligen, unscharfen Bilder eine neue Perspektive: "Für uns ist das auch die Suche nach einer neuen Ästhetik."

Als reines Internetprojekt wollen die drei ihre Arbeit allerdings nicht verstanden wissen. Ziel ist es, die virtuelle Weltreise als Buch zu veröffentlichen. Nachdem sie die Bilder bereits auf zwei Festivals in Frankreich und Tschechien präsentiert haben, stellen sie ihre Werke im kommenden Jahr das erste Mal in Deutschland aus - in einer Frankfurter Galerie. Jens Sundheim glaubt an ihren Erfolg: "Schließlich gibt es, so weit wir wissen, bisher kein vergleichbares Projekt."

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