Netz-Historie Bitte lächeln! :-)

Emoticons oder Smileys, also aus Computerzeichen zusammengesetzte Gesichter, die im Netz verwendet werden, um Gefühle auszudrücken, feiern in dieser Woche ihren 20. Geburtstag. Lange galt das erste Smiley als verloren. Doch nun wurde es auf einem alten Backup-Band aus dem Jahr 1982 wiedergefunden.

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Smiley, "Textversion": Bitte seitwärts lesen

Smiley, "Textversion": Bitte seitwärts lesen

"Ironie kommt nie!", heißt eine alte Regel für die Verfasser geschriebener Texte. Oder, etwas subtiler formuliert von Sprach-Papst Wolf Schneider: "Es ist gesicherte Erfahrung, dass die meisten Leser die Ironie viel seltener erkennen, als die meisten Schreiber sie zu verwenden lieben." Mancher Autor versucht, dieses Problem dadurch zu umgehen, dass er seine humoristischen Texte nach der Holzhammer-Methode kennzeichnet, etwa mit dem Präfix "Vorsicht Satire!". Doch so richtig befriedigend ist diese Lösung auch nicht.

Stell dir vor, es ist Spaß, und keiner kriegt's mit

Ähnliche Sorgen hatten auch die ersten Nutzer von Computernetzwerken an US-Universitäten. Das war zu einer Zeit, als sich in den "Bulletin Boards", den elektronischen Diskussionsgruppen der Netz-Frühzeit, vorwiegend technikbegeisterte Forscher und Informatikstudenten herumtrieben - eine Spezies, die ohnehin dann und wann mit einem eigenartigen Verständnis von Humor ausgestattet zu sein scheint. So sorgte im September 1982 ein vermeintlicher Witzbold im Bulletin Board der Carnegie Mellon University (CMU) für Verwirrung, als er erklärte, einer der Fahrstühle des Hauses sei nach einem Physik-Experiment wegen einer Quecksilber-Verseuchung gesperrt.

Nachdem sich die Verwirrung um die witzig gemeinte Warnung gelegt hatte, beschäftigte die elektronischen Diskutanten nun die Frage, wie sich solche Probleme in Zukunft vermeiden ließen. Es ging darum, ein Zeichen zu finden, mit dem humoristische Postings gekennzeichnet werden könnten. Vorschläge wie * oder % machten die Runde. Eine Weile hielt sich auch das Zeichen #, das nach den Vorstellungen seines Erfinders die entblößten Zähne während des Lächelns symbolisieren sollte.

Die Idee: Bitte lesen Sie seitwärts!

Doch die zündende Idee hatte der Informatiker Scott Fahlmann. Er schlug zwei Zeichenkombinationen vor, die später weltweit akzeptiert und hundertfach abgewandelt werden sollten. Sie waren seitwärts zu lesen und sollten ein lachendes und ein ernstes Gesicht darstellen: :-) und :-(. Das Emoticon war geboren, zur Welt gekommen am 19. September 1982, vor ziemlich genau 20 Jahren.

Doch mit der Geburtstagsfeier in dieser Woche wäre es beinahe Essig gewesen. Denn das originale Posting von Fahlmann - also quasi die Geburtsurkunde des Smileys - war nirgendwo mehr aufzufinden. "Unglücklicherweise hatte ich keine Kopie aufbewahrt", schreibt Fahlmann auf seiner Homepage. "Als ich dann später mitbekam, dass dieses Smiley-Phänomen eine lang anhaltende und weltweit gebräuchliche Sache werden würde, sah ich keine Möglichkeit mehr, an die originale Nachricht heranzukommen."

Dank eines Informatiker-Teams um den Microsoft-Mitarbeiter Mike Jones kann nun trotzdem gefeiert werden, denn zusammen mit Mitarbeitern der CMU ist es ihm gelungen, das Posting mit dem ersten Smiley auf einem alten Backup-Band zu finden. Die mit einem 9-Spur-Bandgerät ausgestatteten Netz-Archäologen mussten sich durch Unmengen an Datenmaterial kämpfen, denn weder war den Beteiligten klar, wo genau das Posting gestanden hatte, noch welches exakte Datum es trug.

Der Smiley, ein Stück Netz-Geschichte

Ein gutes halbes Jahr forschten Jones, der im September 1982 ebenfalls an der CMU gearbeitet hatte, und seine Mannen, bis sie in der vergangenen Woche das Ur-Smiley gefunden hatten. Smiley, das ist übrigens auch

Smiley, next Generation: Viele Programme übersetzen die bekannten Zeichenfolgen heute in "richtige" Lächelgesichter. Puristen finden's scheußlich

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der Name, den Erfinder Fahlmann für seine Kreation verwendet wissen möchte. Emoticon sei eine "groteske Bezeichnung", sagte er einmal in einem Zeitungsinterview. "Ich bevorzuge Smiley".

Den Original-Smileys folgten weit über 2000 Abwandlungen, mit denen inzwischen in Milliarden von E-Mails gelacht, geflucht, gezwinkert und geheult wurde. Selbst so ausgefalle Kombinationen wie C|:-= für "Ich bin Charly Chapplin" und ':-) für "Ich habe mir versehentlich eine Augenbraue abrasiert" gibt es. Die Netz-Gesichter haben inzwischen auch den Sprung in die Print-Welt geschafft, das Buch "Smileys" von David Sanderson ist längst ein Klassiker.

Doch die aus Zeichen zusammengesetzten Smiley der Netz-Steinzeit haben auch zeitgemäße Nachfolger bekommen. Die meisten Programme für Chats oder Instant Messaging verwandeln heutzutage Kombinationen wie :-) gleich nach der Eingabe automatisch in kleine Bildchen, auf denen kugelige Gesichter zu sehen sind. Doch dem Vater des Netz-Lächelns passt das gar nicht. Auf seiner Homepage beklagt Fahlmann: "Ich persönlich glaube, dass so das launige Element des Originals zerstört wird." Wenigstens ist nun das erste Smiley - also ein Stück Computergeschichte - für die Zukunft bewahrt.



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