Netz-Lexikon Wiki-Scanner spürt Manipulationen auf

Was haben Scientology, Wal-Mart, al-Dschasira und die CIA gemeinsam? Sie alle schreiben heimlich das globale Internet-Lexikon Wikipedia um. Doch mit dem Wiki-Scanner kommt die Community den Maulwürfen jetzt mühelos auf die Schliche.

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Am 15. Dezember 2005 erlaubt sich jemand aus dem Computernetz des US-Geheimdiensts CIA einen Scherz: Er doktert nachmittags um kurz vor fünf am Wikipedia-Eintrag über den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad herum, schreibt vor die Beschreibung des Wahlkampfs Ahmadinedschads den wütenden Ausruf "Wahhhhhh!". Und dann schreibt der CIA-Mitarbeiter noch eine gute Stunde weiter in die Wikipedia, referiert über Nepals Hauptstadt Katmandu und die Geschichte der US-Hauptstadt Washington.

Wikipedia-Logo: Neue Software macht das Gemeinschafts-Lexikon transparenter
DPA

Wikipedia-Logo: Neue Software macht das Gemeinschafts-Lexikon transparenter

Bislang war von den Schöpfern solcher Änderungen bloß eine Nummer bekannt. Die Wikipedia-Datenbank hat bei anonymen Änderungen nur erfasst, von welcher Internetprotokoll-Adresse sie ausging. Der CIA-Mitarbeiter stand als "198.81.129.193" in der Änderungsgeschichte des Ahmadinedschad-Eintrags. Nun spürt ein Programm des US-Hackers Virgil Griffith die Organisationen hinter den Nummern auf.

Der Wiki-Scanner des 24-jährigen Studenten vom "California Institute of Technology" durchforstet systematisch das Gemeinschafts-Lexikon und verknüpft Informationen, die man bislang nur sehr mühsam zusammenfügen konnte: 34,4 Millionen Änderungen an der englischsprachigen Wikipedia, ausgeführt von 2,6 Millionen Firmen, Behörden und Organisationen verknüpft der Wiki-Scanner - mit Hilfe der IP-Adressdatenbank eines großen Anbieters. Der Datenbestand ist derzeit allerdings statisch: Erfasst sind nur die Änderungen bis zum 4. August 2007.

Das Ergebnis: Noch nie war so transparent, wer bei Wikipedia unter dem Deckmantel der Anonymität Artikel ergänzt, verunstaltet, schönt, zu Werbetexten umfunktioniert. Die dazu notwendigen Informationen sind eigentlich frei verfügbar. Bisher hat sie nur niemand verknüpft. Viele IP-Adressen kann man mit speziellen Datenbanken eindeutig Besitzern zuordnen. Denn große Unternehmen, Organisationen und Behören haben meist feste IP-Adressbereiche. Das macht der Wikipedia-Scanner automatisch.

Nicht erfasst: Privat-Surfer und echte Profis

Außerdem verrät die Software nicht nur, wer einen bestimmten Artikel verändert hat. Der Wiki-Scanner kann auch anzeigen, an welchen Artikeln sich anonyme Autoren aus dem Computernetz einer bestimmten Firma zu schaffen gemacht haben. Wer das veranlasst hat und warum, verrät die Software natürlich nicht. Wer am Arbeitsplatz professionell manipuliert, dürfte ohnehin die IP-Adresse über einen Anonymisierungsdienst tarnen. Oder von zu Hause aus das Lexikon umschreiben – denn da registriert Wikipedia nur die IP-Adresse des Internetproviders. Die ist meist wenig aussagefähig – mit "T-Online" kann jeder surfen.

Hacker Griffith beschreibt sein Ziel auf seiner Seite so: "Kleine PR-Desaster für Firmen und Organisationen schaffen, die ich nicht mag." Das könnte tatsächlich funktionieren. Der Wiki-Scanner beweist zumindest, dass Artikel-Änderungen aus bestimmten Computernetzen kamen. Wer und warum da jemand umgeschrieben hat, weiß man natürlich nicht. Wobei die Art mancher Änderungen einiges über die Motivation verrät.

Aber der Wiki-Scanner soll nicht nur Fälscher enthüllen, sondern auch die Qualität der Wikipedia verbessern. Griffith erklärt auf seiner Projektseite: "Bei kontroversen Themen können technische Hilfsmittel wie dieses die Wikipedia zuverlässiger machen." Denn der Scanner macht transparent, in welchem Maß Änderungen aus einer bestimmten Richtung kommen. Wenn alle denselben Tenor haben, dürfte Wikipedia-Nutzern die Glaubwürdigkeit dieser Aussagen schnell klar werden.

Inzwischen ist das neue Werkzeug bereits zu einem Kampfinstrument verschiedenster Wikipedia-Fraktionen geworden: Bei "Wired" kann man bereits abstimmen, welche Änderungen man für besonders verbrecherisch hält, und schon stehen sich die Rechten und die Linken in den USA wieder unversöhnlich gegenüber. Aus dem Adressbereich des Hauptquartiers der US-Demokraten wurden Beschimpfungen in den Eintrag des konservativen Talkmasters Rush Limbaugh eingefügt, schäumen die einen. Die Republikaner haben aus amerikanischen Besatzern im Irak amerikanische Befreier gemacht, kritisieren die anderen.

Anderer Ansatz: Vertrauens-Färbung

Wikipedia-Änderungen will auch der Informatiker Luca de Alfaro von University of California transparenter machen. Sein Ansatz ist aber ein anderer: Er denkt, dass manche anonymen Änderungen durchaus positiv für die Wikipedia-Qualität sind. Mitarbeiter eines IT-Konzern würden zum Beispiel kaum technische Details in Einträgen ergänzen, wenn ihre Arbeitgeber wüssten, dass sie dort ihr Expertenwissen der Allgemeinheit verfügbar machen.

Deshalb versucht de Alfaro nicht herauszufinden, wer hinter einer Änderung steckt, sondern wie gut die bisherigen Beiträge eines Autors bei anderen Wikipedianern ankommen. De Alfaros Software markiert die Textpassagen eines Wikipedia-Eintrags je nach dem Ruf des Verfassers. Die Vertrauens-Färbung funktioniert so: Je dunkler ein Eintrag, desto neuer ist der Autor bei Wikipedia. Frische Änderungen eines ganz neuen Nutzers sind tieforange, die eines erfahrenen Nutzers heller. Wenn niemand sie überarbeitet, wird die Farbe mit der Zeit immer blasser – weil Wikipedianer sie offenbar für zuverlässig halten.

Wiki-Scanner bald für die deutsche Wikipedia

De Alfaro vergleicht gegenüber SPIEGEL ONLINE beide Programme: "Wikiscanner verrät etwas über die scheinbare Zugehörigkeit des Autors, die Vertrauens-Färbung etwas über die Verlässlichkeit eines Beitrags." Beide Systeme ergänzen sich, verschaffen Wikipedia eine neue Transparenz - bislang aber nur der englischsprachigen Variante des Lexikons. Gegenüber SPIEGEL ONLINE kündigt Hacker Griffith aber an, in den kommenden Tagen einen Scanner der deutschsprachigen Wikipedia online zu stellen: "Ich habe die Daten schon runtergeladen, mein Programm verarbeitet sie gerade."

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