Netz-Plattform StudiVZ-Mitglieder treiben Extremisten in die Flucht

Im Namen der Meinungsfreiheit verbreiten Antisemiten und Islamisten auf StudiVZ krude Propaganda. Das Management der Studentenplattform schreitet nur selten dagegen ein. Oft genug reicht einfach die geballte Kritik der anderen Mitglieder - sie macht die Extremisten mürbe.

Von Khuê Pham


Ob nationalistisch, islamistisch oder christlich fundamentalistisch - im Studentennetzwerk StudiVZ betreibt eine Reihe von Nutzern und kleineren Gruppen einen eigenen "VZ"-Sport: den Tabubruch. Ihr Motto lautet "Denkverbote debattieren", ihr Credo ist die Meinungsfreiheit - das behaupten sie zumindest. Denn ihre Art von Meinungsfreiheit gilt nicht für ihre Gegner. Dass Kritiker beschimpft werden, ist gang und gäbe. Auch Morddrohungen gibt es schon mal.

Gruppen-Logo "Gegen Political Correctness": Zwei Arten von Meinungsfreiheit

Gruppen-Logo "Gegen Political Correctness": Zwei Arten von Meinungsfreiheit

Bei der anti-muslimischen Gruppe "Pax Europa" etwa fordert einer, zum "Schutz des Abendlandes (und) der gesamten Menschheit" die [islamistischen] "Barbaren auszumerzen", aber das geht sogar Glaubensgenossen zu weit. "Mit solchen Postulaten gewinnt man keinen Strohhalm", antwortet einer etwas schief, "wenn man in der Debatte ernstgenommen werden will, dann muss man auch differenziert argumentieren."

Auch in der pro-palästinensischen Gruppe "Israel öffentlich kritisieren können" mit rund 1000 Mitgliedern schlagen Diskussionen in Antisemitismus um. Ein Nutzer meint, die Debatte über die israelische Besatzungspolitik mit einer islamistischen Milchmädchenrechnung bereichern zu können: "Die israelis schissen und bomben grundsätlich zivilisten", schreibt er mehr schlecht als recht, "und die araber wenn sie zivilisten töten dann wenige weil ein sehr grosser Prozent anteil der israelis resavisten sind somit keine zivilisten." Die antisemitische Propaganda verblüfft die ganze Runde, einer der Kritiker stöhnt, er wisse gar nicht, ob er lachen oder weinen solle.

Gar nicht lustig sind die Erfahrungen von Max P. Der 26-jährige Jurastudent muslimischer Abstammung löschte als Moderator der Gruppe "Israel öffentlich kritisieren können" auch schon mal antisemitische Kommentare. Es folgten nicht nur persönliche Beleidigungen ("du bist wirklich der verlogenste heuchlerischste antisemit hier!"), sondern auch Morddrohungen ("dich knall ich ab"), insgesamt drei.

Selbstabschaltung der NPD-Gruppe

Die Gruppe reguliert sich durch moderatere Mitglieder oft selbst. In Form von Gegengruppen gibt es zudem reichlich zusätzliche Opposition von der anti-muslimischen Fraktion, allen voran die Gruppe "Islam öffentlich kritisieren können" - zeitweise sogar von einem kleinen Verein mit dem umständlichen Namen "Israel öffentlich kritisieren können kritisieren können".

Von der Opposition regelrecht in den Ruin getrieben wurde vor kurzem eine NPD-nahe Gruppe gleichen Namens mit 20 bis 30 Mitgliedern. Als diese sich im Mai bei StudiVZ anmeldete, verbreitete sich die Kunde wie ein Lauffeuer über Nutzer-Pinnwände und Foreneinträge in anderen Gruppen. Es folgte die Gründung von zahlreichen Gegengruppen und Massen-Unterwanderungen der Gruppe "NPD" durch Kritiker.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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R.U 05.09.2007
1. Auf dem linken Auge blind
Spiegel Online wie gehabt linkslastig. Wenn man schon die "Selbstreinigungskräfte" des Studivz, die nicht selten im schlichten Zumüllen von Gästebüchern, Beleidigungen und Drohungen bestehen hochlobt, sollte man auch das Versagen der "Demokratie" bei linksextremen Gruppen erwähnen. Von der Antifa bis zu "Polen soll bis Holland reichen" tummelt sich nämlich bei studivz alles herum, was das Herz eines Linksextremisten begehrt. Komischer Weise läuft da keiner dagegen Sturm. ;)
Einbauschrank, 05.09.2007
2. Hilfe, Unfug im Internet!
R.U. bringt es auf den Punkt: Im StudiVZ gibt es eine breite Amplitude von Gruppen, darunter auch extremistischen Müll. Komischerweise gilt für die einen die "Freiheit der Andersdenkenden", bei den anderen schreibt man eben einen sozial erwünschten Artikel, der Rechtschreibfehler und Demokratieversagen geißelt. Wer mit anderen Meinungen, Rechtschreibfehlern und auch geballter Idiotie nicht klarkommt, der sollte seinen Internetanschluß vielleicht kappen.
wfijens 05.09.2007
3. Mangelnde Kapazitäten und reine Profitmaximierung
Studi VZ interessiert sich meiner Meinung nach einen Dreck für die politischen Spektren die sich dort so tummeln. Das Problem extremer Gruppen bekommt man wahrscheinlich einfach nicht in den Griff, weil man nicht genügend Mitarbeiter hat um diese zu kontrollieren. Daran hat man spätestens seit der Übernahme durch die Verlagsgruppe Holtzbrinck höchstwahrscheinlich kein Interesse. Die 85 Mio Kaufpreis müssen wieder eingespielt werden und dazu hält man auch gerne den Mitarbeiterstamm klein. Eben der zitierte Michael Brehm war es auch, der einer Gruppe die sich selbt ***** nannte beitreten wollte, die hinter dem Rücken von Nutzerinnen deren Bilder sammelte und mit Stalking auf sich aufmerksam machte. Insofern fällt mir zu dem Artikel nur ein, schlecht recherchiert und extrem konstruiert. Studi VZ war es im übrigen auch, die vor kurzem noch einen viralen Spot in Auftrag gegeben haben in dem Sinheads durch ein Wohnviertel laufen und Vegetarier zerstümmelt Schweinen vorwerfen.
pergamon 05.09.2007
4. Re(d)aktion!
... Verfolgungswahn bei den Rechtsradikalen ... Auch Richard L. klagt SPIEGEL ONLINE per StudiVZ-Nachricht sein Leid: "Sobald man sagt das z.B. unsere deutschen Soldaten Helden waren oder man stolz auf Deutschland ist und man der Meinung ist, das die Integration gescheitert ist, wird man sofort in eine Ecke mit Neonazis gestellt", schreibt er und demonstriert damit nicht nur einen für Rechtsradikale typischen Geschichtsrevisionismus, sondern auch leichte Probleme mit der deutschen Rechtschreibung. ... Entschuldigung, aber hier wird einer vom Autoren schlichtweg niedergebügelt, oder? Jenen "Leidklagenden" abseits des Themas ob seiner Rechtschreibfehler anzugreifen, der Hinweis auf für Rechte "Typisches" - das ist kein Diskussionsbeitrag sondern schlechtester Journalismus, Polemik in Weimarer Tradition (Werkzeuge der Diskreditierung - ja toll, damit kann man nach links und rechts schiessen). Ich steh auch nicht auf Rechts, aber die Meinung kann ich mir selber bilden, so supertendenziöse Absätze brauch ich dazu net!
cethegus86 05.09.2007
5. Nur eine Seite der Medaille
Ein schöner Artikel der aufzeigt wie teils extremistische Gruppierungen bei Studivz ihr Unwesen treiben. Leider geschieht es immer öfter, dass Extremisten auf Studivz eine Plattform finden, oder das ihnen sogar, durch das Unterlassen der Administration, eine Plattform geboten wird. Was in diesem Artikel jedoch leider keine Erwähnung findet ist die Tatsache, dass linksextremistische und linksradikale Lager ebenso stark vertreten sind. Ich bin weit davon entfernt dem Autor dieses Artikels zu unterstellen, dass das Fehlen dieses Kapitels irgendeinen ideologischen Hintergrund hat, trotzdem verliert der Artikel dadurch an Glaubwürdigkeit.
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