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Netz-Überwachung: Verdächtige Texte von Millionen Skype-Nutzern in China gespeichert

Der Skandal um die Überwachung von Skype-Kurzmitteilungen in China weitet sich aus. Offenbar wurden die Text-Unterhaltungen von Skype-Nutzern nicht nur systematisch protokolliert und zensiert. Auch die persönlichen Daten von Millionen Kunden waren öffentlich zugänglich.

Eigentlich ist Skype vor allem als Software für kostenlose Video-Anrufe bekannt. Doch unter Internet-Usern in China war auch die Kurznachrichten-Funktion des Programms beliebt, denn sie stand dank Verschlüsselung in dem Ruf, eine gewisse Sicherheit vor den ansonsten allgegenwärtigen staatlichen Zensoren zu bieten.

Polizist in Pekinger Internet-Café: Böse Überraschung für chinesische Skype-Nutzer
DPA

Polizist in Pekinger Internet-Café: Böse Überraschung für chinesische Skype-Nutzer

Wohl zu unrecht, wie sich jetzt immer deutlicher herausstellt. Die US-Forschergruppe Citizen Lab hat der chinesischen Internet-Firma TOM, die den Skype-Dienst in China anbietet, in einem 16-seitigen Bericht eine "umfassende Überwachung mit anscheinend wenig Rücksicht auf die Sicherheit und Privatsphäre der Skype-Nutzer" vorgeworfen. TOM-Skype zeichne Online-Unterhaltungen mit bestimmten Schlüsselwörtern auf, die von den chinesischen Behörden als verdächtig eingestuft wurden. Dazu zählten neben der "Kommunistischen Partei" und einigen ihrer wichtigsten Vertreter, wie Präsident Hu Jintao und Ex-Staatschef Mao Tse-tung, die verbotene Falun-Gong-Bewegung.

Auch Begriffe wie "Demokratie", "Olympische Spiele" und "Tibet" gehören laut dem Bericht zu den Schlüsselwörtern. Zudem gilt nach Angaben von Citizen Lab die Erwähnung der Lungenkrankheit "Sars", an der vor fünf Jahren in China Hunderte Menschen starben, oder von "Erdbeben" wie dem katastrophalen Beben im Mai dieses Jahres in Sichuan als verdächtig. Auf der Liste stehe auch das Wort "Milchpulver", das auf den aktuellen Skandal um Melamin-verseuchte Lebensmittel aus China hinweist.

Doch damit nicht genug: Die chinesischen Skype-Textchats wurden nicht nur überwacht, sondern auch gemeinsam mit den entsprechenden Kundendaten gespeichert - und das auf leicht zugänglichen Servern. Die Forscher von Citizen Lab waren in der Lage, zensierte Nachrichten sowie Millionen persönlicher Daten wie Benutzernamen, IP-Adressen, Telefonnummern und die nötigen Entschlüsselungscodes von acht öffentlich zugänglichen TOM-Skype-Servern herunterzuladen. Auch Skype-Nutzer aus anderen Ländern fielen der Kontrolle zum Opfer, wenn sie mit einem TOM-Skype-Nutzer in China kommunizierten. Telefongespräche, die ebenfalls über Skype möglich sind, waren allerdings nicht betroffen.

Skype-Chef "besorgt"

Es stelle sich die Frage, in welchem Ausmaß TOM und Skype die Behörden bei der Überwachung von Aktivisten, Dissidenten, aber auch normalen Bürgern unterstützten, so die Forscher. Skype-Chef Josh Silverman, dessen Unternehmen zum Internet-Riesen Ebay gehört, entschuldigte sich für die Archivierung verdächtiger Nachrichten durch TOM. Sein Unternehmen habe davon bisher nichts gewusst. "Es ist allgemein bekannt, dass es in China Zensur gibt und dass die chinesische Regierung Kommunikation inner- und außerhalb des Landes seit vielen Jahren kontrolliert", hieß es in Silvermans Reaktion auf den Bericht. Er zeigte sich allerdings "sehr besorgt" über Verstöße gegen die Privatsphäre Skype-Nutzer in China. Die Probleme seien umgehend behoben worden.

Die in Hongkong ansässige TOM-Gruppe erklärte, sie habe sich innerhalb des rechtlichen Rahmens bewegt. Als chinesisches Unternehmen "befolgen wir die Regeln und Verordnungen in China", hieß es.

Offen ist, wie weit Silvermans Entschuldigung zur Beruhigung der Kundschaft beiträgt - insbesondere der rund 70 Millionen Skype-Nutzer in China. "Wir werden wahrscheinlich niemals erfahren, ob einige der Leute, deren Kommunikation gespeichert wurde, ins Gefängnis gegangen sind", sagte Rebecca MacKinnon, Internet-Expertin an der Universität Hongkong. "Das ist ein schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit von Skype."

Vorauseilender Gehorsam westlicher Firmen

Für technisch versierte Internet-Nutzer in China kommt die Affäre freilich kaum überraschend - weshalb sich viele von ihnen das Original der Skype-Software beschafft und einen großen Bogen um die TOM-Version gemacht haben. "Wir wussten bereits, dass deren Software Nachrichten mit bestimmtem Inhalt an Dritte weiterreicht", sagte Wang Lixiong, ein Autor mit nicht immer regierungskonformen Ansichten. Deshalb habe man das Programm lieber nicht benutzt.

Die Überwachung von Telefonen und anderen Computerprogrammen habe ihm jedoch keine Wahl gelassen, die internationale Version von Skype zu benutzen - obwohl auch die nicht vollkommen sicher ist, wie Wang meint. Denn es sei möglich, auf zwei Rechnern zugleich im selben Skype-Konto eingeloggt zu sein - ohne dass es auf einem der beiden Computer eine Benachrichtigung darüber gebe. "Wenn das Passwort gestohlen wird, kann alles, was wir mit Skype tun, angesehen oder kopiert werden", so Wang. "Und ein Passwort zu stehlen, ist für Hacker oder die Internet-Polizei ziemlich leicht."

Kritiker sehen in der Affäre um Skype nur ein weiteres Beispiel für den vorauseilenden Gehorsam westlicher Internet-Unternehmen gegenüber den chinesischen Behörden. Mit einer "großen Firewall" schirmen Chinas Behörden den mit 250 Millionen Nutzern größten Internet-Markt der Welt gegen missliebige Informationen ab. Wie die größte chinesische Suchmaschine Baidu sortieren selbst ausländische Internet-Riesen Google oder Yahoo in China selbsttätig missliebige Inhalte aus. Auch E-Mails werden überwacht. Bei dem Autor Shi Tao leistete Yahoo sogar Amtshilfe und gab Informationen heraus. Er wurde 2005 wegen Geheimnisverrats zu zehn Jahren Haft verurteilt.

mbe/AFP/dpa/Reuters

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