Angst vor Netzattacken: Großbritannien plant Allianz zur Cyber-Abwehr

Hauptquartier des britischen Geheimdiensts GCHQ: Cyberabwehr von 9 bis 17 Uhr Zur Großansicht
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Hauptquartier des britischen Geheimdiensts GCHQ: Cyberabwehr von 9 bis 17 Uhr

Britische Unternehmen und Behörden wollen sich zu einem Bündnis gegen Cybercrime zusammenschließen. Die Regierung hofft damit, europäischen Plänen einer Meldepflicht für Hackerangriffe zuvorzukommen - aber nur wochentags von 9 bis 17 Uhr.

Hamburg - In Großbritannien soll ein neues Cyber-Abwehrzentrum eingerichtet werden, berichtet die BBC. Demnach wollen Unternehmen und Regierungsorganisationen Kräfte und Know-how bündeln, um besser auf Bedrohungen aus dem Internet reagieren zu können. Auf Behördenseite sollen neben der Polizei der Inlandsgeheimdienst MI5 sowie das GCHQ (Government Communications Headquarters), der auf Kryptografie, Computersysteme und elektronische Kommunikation spezialisierte britische Nachrichtendienst, involviert sein.

Der britische Kabinettsminister Francis Maude begründet die Einrichtung der neuen Organisation mit den möglichen wirtschaftlichen Folgen durch Netzattacken: "Wir wissen, dass Cyberattacken im industriellen Maßstab durchgeführt werden und Unternehmen besonders stark von Industriespionage und dem Diebstahl geistigen Eigentums betroffen sind." Britische Unternehmen würden durch derartige Angriffe mehrere Milliarden Pfund pro Jahr verlieren.

Als Beispiel für die Tragweite solcher Angriffe für einzelne Firmen führt die BBC ein Londoner Unternehmen an. Die Firma habe aufgrund von Cyberattacken eines feindseligen Staates Nachteile bei Vertragsverhandlungen hinnehmen müssen. Das Resultat davon seien Umsatzeinbußen in Höhe von 800 Millionen Pfund (945 Millionen Euro) gewesen. Um welches Unternehmen es sich dabei handelt, wird nicht erklärt.

"Facebook für Cybersicherheit"

Ein nicht namentlich genannter Behördensprecher sagte der BBC, die Zahl von Cyberattacken sei stark gestiegen und man gehe von einer weiteren Zunahme aus. Problematisch dabei sei allerdings, "dass niemand einen vollständigen Überblick über Bedrohungen aus dem Cyberspace hat".

Diese Lücke soll nun die Cyber Security Information Sharing Partnership (CISP) schließen, ein Zusammenschluss aus 160 britischen Firmen, Behörden und Geheimdiensten. Sie sollen sich beispielsweise über ein gesichertes Webportal, das als "Facebook für Bedrohungen der Cybersicherheit" bezeichnet wird, untereinander austauschen. Über das Portal sollen Informationen über Angriffe aus Ausspähversuchen sowie erfolgreiche Abwehrmethoden verbreitet werden.

Cyberabwehr von 9 bis 17 Uhr

Als zweite Stütze soll ein Zentrum zur Cyber-Überwachung in Dienst gestellt werden, das als "The fusion cell" bezeichnet wird. 12 bis 15 Experten mit Sicherheitsfreigabe sollen dort die aktuelle Bedrohungslage der britischen Inseln überwachen und in Echtzeit Daten über laufende Angriffe liefern.

Berichten britischer Medien zufolge dürfte der Arbeitsplatz dieser Spezialisten einem James-Bond-Filmset ähneln: An einem geheimen Ort in London sollen sie auf einer riesigen Bildschirmwand die britischen Datennetze beobachten. Regierungsangaben zufolge soll das Abwehrzentrum aber in erster Linie während normaler Bürozeiten besetzt sein. Internetkriminelle wären also gut beraten, britische Unternehmen künftig nur noch nachts oder am Wochenende anzugreifen.

Nicht jeder hat Zutritt

Bei den Unternehmen wird der Verteidigungsplan trotzdem mit Begeisterung aufgegriffen, weil er ihnen eine große Sorge nimmt: Während die EU-Kommission eine EU-weite Meldepflicht für Hackerangriffe auf Unternehmen fordert und bereits ein europäisches Zentrum zur Bekämpfung der Cyberkriminalität (European Cybercrime Centre, EC3) eingerichtet hat, sträubt sich Großbritannien gegen solche Pläne. Von Hackerattacken betroffene Firmen machen die Angriffe oft nicht publik, weil sie um ihre Reputation fürchten.

Im Rahmen des CISP unter den Mitgliedern geteilte Informationen über solche Angriffe sollen der Öffentlichkeit jedoch verschlossen bleiben. So könnten Firmen und Geheimdienste gemeinsam gegen die Angriffe vorgehen, ohne Angst um ihren Börsenkurs oder das Vertrauen von Geschäftspartnern oder Kunden zu haben. Vorerst aber werden von diesem Privileg nur die 160 Gründungsmitglieder profitieren. Weiteren Firmen soll nur nach und nach und abhängig von deren potentieller Bedrohung Zugang gewährt werden.

In Deutschland gibt es bereits ein nationales Cyber-Abwehrzentrum. Die an das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) angedockte Einrichtung dient ebenfalls vor allem dem Informationsaustausch. IT-Experten von Ministerien, Geheimdiensten und Polizeibehörden liefern von dort aus Lageeinschätzungen, entwerfen gemeinsame Konzepte und koordinieren Übungen.

mak

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1. Facebook für Cybersicherheit: Gut dass wir drüber reden – bloß nichts tun
hartmutpohlsoftscheck 27.03.2013
Dreh- und Angelpunkt für ALLE Angriffe sind ungepatchte oder sogar unveröffentlichte / noch nicht identifizierte Sicherheitslücken (Zero-Day-Vulnerabilities). Ohne Sicherheitslücke läuft JEDER Angriff gegen die Wand und bleibt erfolglos. Das ganze Gerede über Angriffe, Bedrohungen und pipapo aus dem Internet ist toll – aber sinn-, nutz- und fruchtlos! Die Sicherheitslücken müssen auf den Tisch, sie müssen identifiziert und gepatcht werden. Die finanziellen Schäden durch Industriespionage sind entsetzlich hoch; gar nicht zu reden von Industriesabotage z.B. chemischer Prozesse. Die Politik betreibt Symbolpolitik und fordert einen Gedankenaustausch oder eine Meldepflicht für Angriffe. Wunderschön. Die zugrundeliegenden Sicherheitslücken sollen geheim gehalten werden? Die Gesellschaft für Informatik fordert zu recht (allerdings ohne jede Reaktion der Politik!) seit Jahren, die Veröffentlichung von Sicherheitslücken, damit sich Bürger, Unternehmen und Behörden gegen Angriffe schützen können.
2. Gut dass wir drüber reden – bloß nichts tun
hartmutpohlsoftscheck 27.03.2013
Dreh- und Angelpunkt für ALLE Angriffe sind ungepatchte oder sogar unveröffentlichte / noch nicht identifizierte Sicherheitslücken (Zero-Day-Vulnerabilities). Ohne Sicherheitslücke läuft JEDER Angriff gegen die Wand und bleibt erfolglos. Das ganze Gerede über Angriffe, Bedrohungen und pipapo aus dem Internet ist toll – aber sinn-, nutz- und fruchtlos! Die Sicherheitslücken müssen auf den Tisch, sie müssen identifiziert und gepatcht werden. Die finanziellen Schäden durch Industriespionage sind entsetzlich hoch; gar nicht zu reden von Industriesabotage z.B. chemischer Prozesse. Die Politik betreibt Symbolpolitik und fordert einen Gedankenaustausch oder eine Meldepflicht für Angriffe. Wunderschön. Die zugrundeliegenden Sicherheitslücken sollen geheim gehalten werden? Die Gesellschaft für Informatik fordert zu recht (allerdings ohne jede Reaktion der Politik!) seit Jahren, die Veröffentlichung von Sicherheitslücken, damit sich Bürger, Unternehmen und Behörden gegen Angriffe schützen können.
3. Größte Sicherheitslücke
a.vollmer 27.03.2013
... ist die mangelnde Einstellung der Anwender sich konsequent um die Sicherheit am Arbeitsplatz zu bemühen. Sichtbares Eintippen des Passworts, Notizen oder noch schlimmer Excel-Tabellen mit Passwörtern und das auch noch bei teilöffentlichen oder Publikums-Veranstaltungen wie Schulungen und Messen. Zugänge in Unternehmen müssen über physikalische Schlüssel gesichert werden, deren Inhalt auch dem Nutzer unbekannt ist und die parallel die Verschlüsselung der Daten ansteuern. Dann hat jeder Datendieb nur einen POC (pile of crap) oder erst gar keinen Einstiegspunkt um sich schichtenweise ins System zu nagen. Dann kann auch kein Insider Material mit nach Hause nehmen und jeder Zugriff ist zuordenbar. Das ist das Minimum und die Basis, der Rest kann dann nach Bedarf noch draufgesetzt werden.
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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


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