Netzdepesche Der digitale Europäer

Die Finnen bekommen ihn bereits, und auch die restlichen Europäer müssen nicht mehr lange warten: Der digitale Personalausweis soll in der EU zum Standard werden. Doch, so fragen Experten, sind derartige Chipkarten wirklich unentbehrlich?

Von Christiane Schulzki-Haddouti


Fast die Hälfte aller Finnen hat einen Internetzugang, die meisten Schulkinder besitzen ein Handy, und jetzt bekommen alle Bürger einen digitalen Personalausweis. Das versetzt sie in die Lage, von zu Hause aus ihre Steuererklärung abzugeben, den Wohnsitz umzumelden und Bankgeschäfte abzuwickeln.

Mit Hilfe der digitalen Ausweiskarte will ICL-Direktor Esa Tihilä "der Geldverschwendung ein Ende bereiten"

Mit Hilfe der digitalen Ausweiskarte will ICL-Direktor Esa Tihilä "der Geldverschwendung ein Ende bereiten"

Die finnische Regierung verspricht sich von der neuen Ausweiskarte vor allem sinkende Staatsausgaben: Wie Esa Tihilä, Direktor beim IT-Servicedienstleister ICL, vorrechnet, werden in Finnland jeden Tag rund zehn Millionen Adressen verarbeitet. "Fehler bei der Informationsübermittlung kosteten die Regierung in der Vergangenheit mehrere Millionen Finnmark."

Das soll sich nun ändern. Denn hinter dem digitalen Personalausweis verbirgt sich auch ein neues Online-Registrierungssystem. Tihilä ist überzeugt, dass das neue System Behörden und Drittanbietern "durch die zentralisierten und aktuellen Adressinformationen endlich die Möglichkeit bietet, dieser Geldverschwendung ein Ende zu bereiten".

ICL hat Großes vor: Das finnische Projekt soll Vorreiter "für andere nationale ID-Systeme auf der ganzen Welt" werden. Damit dies kein frommer Wunsch bleibt, ist ICL einer der Partner im europäischen Projekt FASME (Facilitating Administrative Services for Mobile Europeans). Im Rahmen von FASME entwickelt ein internationales Konsortium den Prototypen für einen europäischen Personalausweis auf Chipkarte.

Mit von der Partie sind das Beratungsunternehmen Zündel, die Universitäten Amsterdam, Köln, Rostock und Zürich sowie die Stadtverwaltungen Köln, Newcastle, Grosseto, Den Haag, Antwerpen, Naestved und Belfast. Gefördert wird das Projekt von der Europäischen Kommission - mit drei Millionen Euro.

Das Prinzip hinter dem digitalen Ausweis ist einfach: Der Kartennutzer identifiziert sich auf einem in die Karte integrierten Sensor mit Hilfe seines Fingerabdrucks. Dann kann er in den am Versuch beteiligten Städten seinen Wohnort ab- und anmelden, das Sozialversicherungssystem wechseln sowie Führerschein und Autozulassung ummelden.

Fünf Millionen Finnen können ab sofort einen digitalen Personalausweis beantragen

Fünf Millionen Finnen können ab sofort einen digitalen Personalausweis beantragen

Die Städte versprechen sich von der Digitalisierung nicht nur einen besseren Bürgerservice, sondern auch niedrigere Verwaltungskosten. Mick Riley von der Stadtverwaltung Newcastle erzählt, dass an dem Projekt fünf zentrale britische Regierungsstellen und sieben lokale Abteilungen arbeiten. Er hofft auf Einsparungen von 25 Prozent.

In Großbritannien will die Regierung bis 2002 ein Viertel aller Transaktionen zwischen Bürgern und Regierung auf elektronischem Wege abwickeln. Im Jahr 2005 sollen es bereits die Hälfte, im 2008 sogar alle sein.

In Deutschland gibt es bislang nur eine Zeitmarke: Im Sommer 2000 sollen Informationsdienstleistungen in der öffentlichen Verwaltung eingeführt werden. Klare Vorstellungen über das Einsparpotenzial gibt es hier zu Lande noch nicht.

Hinter dem elektronischen Personalausweis steckt ein riesiger Markt. Bereits jetzt entwickelt die Firma ICL Businesspläne, um den Prototypen später weltweit vermarkten zu können. Der Fingerabdrucksensor auf dem Chip stammt von Siemens, der Krypto-Chip von der Siemens-Tochter Infineon.

Noch treten die Firmen als Sponsoren auf. Für ICL und Siemens sind Projekte wie FASME allerdings Gold wert. Vorausgesetzt, sie funktionieren mit Hilfe der Chipkarte. Und sie sind erfolgreich.

Doch sind Chipkarten wirklich unentbehrlich? Der Dresdner Informatikprofessor Andreas Pfitzmann bezweifelt das: Er plädiert dafür, dem Bürger mit Hilfe eines Personal Digital Assistants (PDA) seine Freiheit zu geben. Dort kann er mit Software seiner Wahl die persönlichen Daten selbst verwalten.

Mit "sehr vielen Gesetzes- änderungen" rechnet die Chipkarten- Expertin Marit Köhntopp

Mit "sehr vielen Gesetzes-
änderungen" rechnet die Chipkarten-
Expertin Marit Köhntopp

"Denn was weiß ich als Betroffener, was genau passiert, wenn ich meine Daten in der mir zugeteilten Chipkarte in ein fremdes System stecke?", fragt Pfitzmann. "Ich kann nie sicher sein, dass da nicht alle Daten ausgelesen, manipuliert und gespeichert werden."

Trotzdem: In 18 Monaten soll der Prototyp der neuen europäischen Karte fertig sein. Chipkarten-Expertin Marit Köhntopp rechnet damit, dass "sehr viele der Gesetze geändert werden müssen", um ein solches Chipkarten-Verfahren realisieren zu können.

Denn in Deutschland dürfen beispielsweise Sozialdaten bislang nicht mit anderen Daten auf einer Chipkarte abgespeichert sein. Sollte die FASME-Karte in der Bundesrepublik eingeführt werden, müsste zunächst einmal das Sozialgesetzbuch geändert werden.

Doch Gesetzesänderungen sind nicht alles, wenn es darum geht, dem elektronischen Ausweis zum Erfolg zu verhelfen: Sollten die Daten auf der Karte nicht absolut sauber getrennt werden, wird sie wohl nie das Vertrauen des Bürgers erwerben.



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