Netzdepesche Dient "Information Warfare" dem Ausbau von Staatsmacht?

Während die Bundesregierung noch beratschlagt, liegen in den USA schon mehrere Studien zur Kriegsführung mit Mitteln der Informationstechnik vor. Das Problem scheint erkannt, das Geld fließt. Die persönlichen Freiheiten eines jeden Einzelnen könnten weiter eingeschränkt werden.

Von Christiane Schulzki-Haddouti


"Binnen 48 Stunden können zehn Superhacker mit einem Budget von zehn Millionen Dollar die USA ruinieren", sagt Arnaud de Borchgrave. Borchgrave ist Autor einer Studie des "Center for Strategic and International Studies" (CSIS) in Washington D.C. Und er liebt diesen Satz.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Bis zu einer Milliarde Dollar wollen die USA in den kommenden Jahren in die Sicherung ihrer IT-Infrastruktur investieren
AP / DPA [M]

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Bis zu einer Milliarde Dollar wollen die USA in den kommenden Jahren in die Sicherung ihrer IT-Infrastruktur investieren

Borchgrave zitiert auch gerne den ehemaligen CIA-Direktor John Deutch. Der sagte im Juni 1996 vor dem US-Senat aus, es lägen Hinweise vor, dass Hacker gezielt von Staaten angeheuert werden. Ein "elektronisches Pearl Harbor" sei nicht ausgeschlossen. Kurz darauf richtete Bill Clinton eine Kommission zum Schutz kritischer Infrastrukturen ein: die PCCIP - die Presidential Commission on Critical Infrastructure Protection. Im Oktober 1997 wurden die Ergebnisse der Untersuchungen in einem 200-seitigen Bericht vorgestellt.

Es geht um die Sicherheit, aber es geht vor allem um viel Geld. An der CSIS-Studie "Cybercrime, Cyberterrorism, Cyberwarfare - Averting An Electronic Waterloo" waren Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, des U. S. Secret Service, der US-Navy sowie Rüstungsfirmen wie Raytheon Systems Company beteiligt - das liest sich wie ein Auszug aus dem "Who's who" der US-Rüstungslobby.

Mit Erfolg: Die CSIS-Studie aus dem Jahr 1998 sorgte neben dem Regierungsbericht dafür, dass sich die Investitionen für Forschung und Entwicklung verdoppelten. Mit 500 Millionen US-Dollar wurde 1998 doppelt so viel Geld zur Sicherung der IT-Infrastruktur ausgegeben wie noch im Jahr zuvor. Über einen Zeitraum von fünf Jahren sollen die Ausgaben sogar auf eine Milliarde US-Dollar erhöht werden.

Auch in Deutschland hat die Diskussion um "Information Warfare" und "kritische Infrastrukturen" längst begonnen - und dehnt sich wie Kaugummi. 1997 hatte sich der bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete Manuel Kiper in einer grossen Anfrage erkundigt, ob Deutschland für den Infowar gerüstet sei. Sechs Wochen später setzte der damalige Bundesinnenminister Manfred Kanther im Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)die Arbeitsgruppe Kritis ein. Kritis steht für kritische Infrastrukturen. Noch vor der Wahl von 1998 sollte sie eine Kabinettsvorlage erarbeiten. Im kürzlich vorgestellten Aktionsplan von Bundeswirtschafts- und Bundesinnenministerium wurde der Kritis-Bericht für Ende 1999 angekündigt. Erschienen ist er immer noch nicht, "die Abstimmung zwischen den Ressorts läuft noch", weiss BSI-Sprecher Michael Diekopf. Jetzt soll es vielleicht Anfang Februar werden, oder auch später.

"Neues Eindringen in persönliche Freiheiten", befürchtet EPIC-Direktor Marc Rotenberg
MARC ROTENBERG

"Neues Eindringen in persönliche Freiheiten", befürchtet EPIC-Direktor Marc Rotenberg

Immerhin: Die Enquete-Kommission des Bundestags "Neue Medien" hatte sich mit dem Thema befasst und im Sommer 1998 in ihrem vierten Zwischenbericht eine erste Analyse der Bedrohung vorgelegt. Schon jetzt steht für die Arbeitsgruppe "Kritis" fest: Herkömmliche nachrichtendienstliche Aufklärungsmethoden greifen nicht. Spuren eines Angriffs oder Eindringens lassen sich leicht verwischen. Frühwarnsysteme, die aus allgemein zugänglichen Informationen diejenigen herausfiltern, die auf einen Angriff hindeuten könnten, sind bislang nicht vorhanden. Schutz und Abwehr sind somit lückenhaft.

Keine Frage: Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa wurde den Verantwortlichen mit dem Heranrücken des Jahrtausendwechsels bewusst, wo die Gefahren des Informationszeitalters liegen könnten. Rein hypothetisch können Hacker, Terroristen, kriminelle Organisationen oder feindliche Staaten die Infrastrukturen von High-Tech-Ländern verletzen.

Folgt man der Logik der Cyberwar-Apologeten, müssen kritische Infrastrukturen sicher gemacht und Verteidigungsstrategien überarbeitet werden. Das kostet Geld, viel Geld. Wayne Madsen, Autor der EPIC-Studie "Critical Infrastructure Protection and the Endangerment of Civil Liberties", weiß, dass "viele kommerzielle Interessen" involviert sind.

"Binnen 48 Stunden können zehn Superhacker die USA ruinieren", glaubt CSIS-Autor Arnaud de Borchgrave
ARNAUD DE BORCHGRAVE

"Binnen 48 Stunden können zehn Superhacker die USA ruinieren", glaubt CSIS-Autor Arnaud de Borchgrave

Aber die Diskussion kommt nicht nur der Industrie, sondern auch der Politik gelegen. Madsen: "Das Verteidigungsministerium braucht nach dem kalten Krieg neue Feinde." Wenn nun in anderen Industriestaaten nicht nur die US-amerikanische Diskussion, sondern auch Strategien aufgegriffen werden, wird die US-Industrie auch ihre Lösungen exportieren können.

Die EPIC-Studie, die als Antwort auf den und die CSIS-Studie verfasst wurde, zeigt die Gefahren dieses militärischen Denkens für die Zivilgesellschaft auf. Der PCCIP-Bericht tangiert alle empfindlichen Bereiche - von Datenschutz und Informationsfreiheit über Zensur, Internetüberwachung und Kryptografie bis hin zu den Vollmachten des FBI. "Fast jede Lösung, die von der Kommission vorgeschlagen wurde, bedeutet eine Erweiterung von Regierungsautorität und ein neues Eindringen in persönliche Freiheiten", stellt EPIC-Direktor Marc Rotenberg fest.

Merkwürdigerweise, so Rotenberg, habe das PCCIP hingegen die Schäden vernachlässigt, die durch natürliche Katastrophen, Computerfehler und Verwundbarkeiten der Computernetzwerke ausgelöst werden können. Anders als bei hypothetischen Terroristen handle es sich hier jedoch um "sehr reale Bedrohungen". Man darf daher gespannt sein, welche Lösungsvorschläge der deutsche Bericht präsentiert.



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