Netzdepesche Open-Source-Bewegung wehrt sich gegen DVD-Lobby

Vertreter der Filmindustrie verklagten zahlreiche Personen, weil sie sich angeblich an der Veröffentlichung des DVD-Verschlüsselungsstandards beteiligten. Nun wehren sich die DVD-Hacker mit guten Argumenten, warum ihr "Hack" keine Rechtsverletzung darstellt.

Von Christiane Schulzki-Haddouti


Eine heute Nacht vom österreichischen Bürgerrechtsverein Quintessenz gestartete Kampagne zeigt, dass die DVD-Branche mit ihrer Vorgehensweise nicht nur in der Internetszene keinen Rückhalt genießt. Zu den Unterstützern zählen jetzt schon so prominente Vereinigungen wie die American Civil Liberties Union, die Canadian Journalists for Free Expression, die Computer Professionals for Social Responsibility, Electronic Frontiers Australia, das Electronic Privacy Information Center, der Förderverein Informationstechnik und Gesellschaft (FITUG e.V.) und Privacy International.

Open-Source-Papst Eric Raymond hält die Argumente der DVD-Anwälte für "fadenscheinig"

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In der von insgesamt 17 Gruppen unterschriebenen Erklärung heißt es, dass "es den Inhabern von Rechten an geistigem Eigentum nicht erlaubt werden darf, ihre Eigentumsrechte auf Kosten der Redefreiheit, des legalen Reverse-Engineerings von Software aus Kompatibilitätsgründen und der Diskussion von technischen oder wissenschaftlichen Themen auszuweiten." Die Kampagne ruft jetzt zu Protestbriefen an die DVD Copy Control Association (DVD-CCA) auf.

Anlass für die Kampagne ist das Vorgehen der DVD-Branche gegen die Open-Source-Szene: 72 Personen wurden im Dezember von der DVD-CCA verklagt, weil sie Informationen über den DVD-Hack veröffentlicht hatten. Betroffen sind der Quintessenz-Verein, der als Host für den Hack dient, aber auch Deja.com, die Suchmaschine für Newsgroup-Nachrichten, für einen automatischen Link zur Site.

Aber auch der US-amerikanische Journalist Declan McCullagh sitzt mit im Boot. Er hatte in einem Artikel für das US-Magazin "Wired" über den Fall berichtet und mit einem Link auf eine Mirrorsite verwiesen. Die Anwälte, weiß Quintessenz-Direktor Harald Wosihnoj, nehmen sogar daran Anstoß, wenn ein Link auf eine Site mit einem Link auf DeCCS gelegt wird: "Wenn ich von meiner Site auf den "Wired"-Artikel von Declan linke, in dem er auf den DeCCS-Mirror linkt, bin ich nach Ansicht der Anwälte fällig."

Für Axel Horns vom deutschen FITUG steht fest, dass es sich bei dem Vorgang um eine "sehr ernste" Angelegenheit handelt. Denn sollten die Anwälte der DVD-CCA Erfolg mit ihrer Klage haben, könnte das den Umgang mit Informationen und Links im Internet grundlegend verändern. Links auf umstrittene Informationen wären dann justiziabel. Auch Angebote wie das Holocaust-Aufklärungsprojekt Nizkor, das in seiner Linksammlung die Sites von Neonazis aufführt, wären dann nicht mehr möglich. Die Informationsfreiheit wäre ernsthaft gefährdet.

Harald Wosihnoj stört es am meisten, "dass hier eine mächtige Lobby glaubt, sie könne mit ihrem Geld das Recht kaufen, falsche Anschuldigungen gegen Menschen erheben und eine völlig legale Ingenieursleistung einfach unterdrücken, weil sie ihr marktstrategisch nicht so gelegen kommt."

Angefangen hatte die Auseinandersetzung damit, dass Linux-Hacker in Norwegen die Verschlüsselung für DVD-Medien gecrackt und einen DVD-Decoder namens DeCSS entwickelt hatten. Die DVD-CCA engagierte daraufhin eines der erfolgreichsten kalifornischen Anwaltsbüros, das am 27. Dezember den Fall vor einen Richter des Superior Court in Kalifornien brachte. Für "Open-Source"-Papst Eric Raymond steht fest, dass "der Hauptbeschwerdegrund darin besteht, dass, wenn man die Verbreitung von DeCSS zulässt, illegales Kopieren von DVD zur Routine wird." Die Medienbranche müsse dann mit Umsatzverlusten rechnen.

Die amerikanische Internet-Lobby Electronic Frontier Foundation (EFF) hat nun ebenfalls die erfahrensten Anwälte auf den Fall angesetzt. Sie versprechen sich durchaus Erfolg, da durch den Fall auch das Recht auf freie Meinungsäußerung tangiert wird. Das Hauptargument der Kläger ist zudem fadenscheinig: Die DVD-Verschlüsselung verhindert das Raubkopieren nicht. Um Kopien herzustellen, muss ein Raubkopierer nicht wissen, wie man DVDs entschlüsselt. Denn, so Raymond, "kein DVD-Player kann zwischen einem legal erworbenen Original und einer in jedem Bit gleichen Raubkopie unterscheiden". Der Schutz sei dadurch "gleich null".

Ein weiterer Knackpunkt liegt im Motiv: Die norwegischen Hacker hatten ihre eigene DVD-Software geschriebenen, um DVD-Filme auf ihren Linux-Maschinen abspielen zu können. Das DVD-Playback war zuvor nur auf Microsoft Windows und Mac-Systemen möglich. Die Industrie weigerte sich, eine Linux-Variante bereit zu stellen. Ohne jede Dokumentation seitens des DVD-Konsortiums fanden die Norweger aber heraus, wie der CSS-Algorithmus, der für die Verschlüsselung der DVD-Inhalte benutzt wird, funktioniert. Seit dem Digital Millennium Copyright Act ist aber in den USA das "Reverse Engineering auf der Basis von Interoperatilität" völlig legal. Allein die geplante europäische Copyright-Richtlinie würde dies verbieten.

Da die Verschlüsselung ursprünglich als Kopierschutz genutzt wurde, behauptet die DVD-CCA, dass es sich bei den Hackern um Raubkopierer handele. Allerdings kostet allein eine leere DVD-Kassette um die 50 US-Dollar. Damit wäre eine Kopie wesentlich teurer als das Original.



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