Re:publica: Blogger feiern das Netz und sich selbst

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Teilnehmer der Internetkonferenz re:publica in Berlin: Familientreffen der Internetszene

Was als Klassentreffen von Bloggern begann, ist zur größten Konferenz der Internetszene in Deutschland geworden. Die Netzbewohner feiern sich - und das utopische Potential in Wirtschaft, Politik und Kultur. Die Realität aber hat die Konferenz schon eingeholt.

Berlin - Gut 5000 internetbegeisterte Menschen diskutieren drei Tage lang über den drastischen Wandel, den das Netz in allen Gesellschaftsbereichen angestoßen hat. Die siebte Ausgabe der re:publica besteht aus 8000 Papphockern, die zu Ständen, Sitzecken und Bühnen gestaltet sind - und aus jeder Menge Idealismus. Zum Start am Montag ging es um die Deutsche Telekom und ihren Plan einer Tempodrosselung, um Afrika und den Internet-Wahlkampf in den USA, um die Verfassung in Island und die Literatur in Zeiten der Interaktion von Mensch und Maschine. Die Internetszene ist selbstbewusst geworden, die Konferenz ist dieses Jahr wieder gewachsen. Am Anfang liest Mitorganisator Andreas Gebhard minutenlang die verschiedenen Sponsoren vor.

Danach ist der Jubel groß, als re:publica-Mitgründer Markus Beckedahl auf der in cooles Blau gehüllten Hauptbühne den kleinsten gemeinsamen Nenner der Szene formuliert, "das Kernprinzip eines offenen und freien Internets". An Bundeskanzlerin Angela Merkel gerichtet ruft er aus: "Jetzt ist die Zeit zu handeln. Verhindern Sie, dass die Telekom ein Internet zweiter Klasse einführt!"

So viel Pathos bleibt nicht ohne Widerspruch. Der ehemalige IBM-Stratege Gunter Dueck spottet: "Telekomgesellschaftserdrosselung ist jetzt das große aktuelle Thema." Und bittet die Konferenzteilnehmer: "Können Sie nicht mal etwas Telekom-empathisch sein?"

Gegen die Diskriminierung von Datenpaketen

Für die Netzaktivisten war die Ankündigung der Deutschen Telekom ein Stich ins Wespennest: Sie halten das Prinzip der Netzneutralität hoch, das den diskriminierungsfreien Transport aller Datenpakete im Internet verlangt. Jetzt wollen sie die Diskussion weiter anfeuern und auch in den Wahlkampf tragen. "Uns ist bewusst, dass Netzbewohner eine immer größere Wählerschaft werden, dass für viele Netzpolitik immer mehr zu einem wichtigen Thema wird", sagt Beckedahl im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Auch sei klar, dass die Parteien sehr daran interessiert seien, im Internet Wahlkampf zu machen. Dafür brauchten sie auch die geeigneten Leute. "Diese laufen hier auf der re:publica rum und wenn man eine schlechte Netzpolitik macht, kann man viel schlechter online mobilisieren."

Wie das geht, erklärt Betsy Hoover am Beispiel der Wahlkampfstrategie von US-Präsident Barack Obama. Hoover leitete die Online-Abteilung im Wahlkampf 2012. Allein im Obama-Hauptquartier kümmerten sich 200 Mitarbeiter um die Digitalkampagne. "Wir konnten Menschen online erreichen, die wir offline nicht erreichen konnten", sagt sie. Hoover war auch schon beim ersten Präsidentschaftswahlkampf von Obama dabei, damals war Facebook ein Zehntel so groß wie heute. In Deutschland haben inzwischen 25 Millionen Menschen ein Facebook-Profil. "Es war eine andere Welt", sagt sie über den Wahlkampf vor gerade einmal fünf Jahren.

"Wahlen werden nicht im Internet gewonnen"

Diesmal war Obama überall vertreten. Das Wahlkampfteam sammelte E-Mail-Adressen von Unterstützern und verschickte Unmengen digitaler Nachrichten. Für Hoover ist der im Netz geführte Wahlkampf unerlässlich, er müsse sich perfekt mit den Aktionen auf der Straße zusammenfügen.

Taugt das als Vorbild für Deutschland, wo im Herbst die Bundestagswahl ansteht? Das bezweifeln selbst die Piraten, die die Möglichkeiten des Netzes sonst freudig umarmen. "Das kann man nicht auf Deutschland übertragen", sagt der Berliner Piraten-Abgeordnete Martin Delius am Rande der Konferenz. "Die Erfahrung hat gezeigt, dass Wahlen nicht im Internet und auf Social Media gewonnen werden, sondern auf der Straße." Die Hinweise von Hoover seien eher für humanitäre Organisationen oder Aktionsbündnisse interessant als für die Politik. Auch hier stößt die Utopie an ihre Grenzen.

Familientreffen der Internetszene

Aus allen Nähten platzt die zweite Bühne, wo Schriftstellerin Kathrin Passig über die Bedingungen ihrer literarischen Arbeit nachdenkt. Wenn sie am Computer einen Satz aufschreibe, tue sie das als Autorin, schaue ihn sich aber danach gleich aus Lesersicht an, erklärt die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin und spricht von einer noch ausbaufähigen Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine.

Querdenker Dueck redet der Internetszene ins Gewissen: Wenn alle nur innerhalb ihrer eigenen Denk- und Wertewelten diskutierten, werde der fruchtbare Diskurs verfehlt. "Hier sind Sie viele, aber nicht da draußen", mahnt Dueck in einem eigenwilligen Vortrag. Er plädiert für eine "ethnokulturelle Empathie", die auch die kulturellen Werte der anderen mitfühle. Diese Haltung sei Teil eines neuen Menschenbildes, das beim Übergang in die Wissensgesellschaft erst noch entwickelt werden müsse. Dueck sagt, er freue sich, auf der re:publica wieder bei seinem "Familientreffen" zu sein. Aber das sei wenig hilfreich, wenn die Familie immer unter sich bleibe: "Man muss raus!"

Jessica Binsch und Peter Zschunke, dpa

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Verzweifelt
Yohimbin 06.05.2013
Zitat von sysopDPAWas als Klassentreffen von Bloggern begann, ist zur größten Konferenz der Internetszene in Deutschland geworden. Die Netzbewohner feiern sich - und das utopische Potential in Wirtschaft, Politik und Kultur. Die Realität aber hat die Konferenz schon eingeholt. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/netzkonferenz-re-publica-a-898407.html
Wie wahr! Ich bin mir ziemlich sicher, daß auch die Teilnehmer von Internetforen glauben, das wirkliche Leben würde sich hier abspielen. Möglicherweise sind an dieser Idee nun auch die Piraten verzweifelt. Irgendwann war die Realität stärker.
2. Vom
cdu=rueckschritt 06.05.2013
@ yohimbe (=Aphrodisiakum): Bitte definieren Sie uns allen einmal "das wirkliche Leben" und Sie werden verblüfft sein, wie vielschichtig "das wirkliche Leben" sein kann; dass Online-Foren durchaus einen Teil dieser Wirklichkeit darstellen.
3. Was ist ein Blogger?
zufriedener_single 07.05.2013
Was ist ein Blog? Ist das so etwas wie Twitter? Ich habe keine Ahnung. Habe ich da irgendetwas wichtiges verpaßt???
4. Politisches Handeln im Internet
Sprachrohr 07.05.2013
das "wirkliche Leben" zu definieren ist in der Tat schwierig. Es geht aber eher darum, ob man im Internet politisch Handeln kann oder nicht. Meine Erfahrungen zeigen, dass dies online allein recht schwierig ist. Ich lebe in Japan und es ist mir nicht gelungen bisher politisch allein im Internet zu handeln. Die besten Mitarbeitsmoeglichkeiten bot bisher die Wikipedia, aber wenn man nicht an Wikimania teilnehmen kann, ist es kaum moeglich mit anderen Menschen zusammen politisch akitv zu werden. Berufliche, in meinem Fall wissenschaftliche Netzwerke erlauben Handeln online, auch ohne die offline Komponente, aber hier ist der Foccus besser definiert. Politisches Handeln ist immer noch sehr stark lokal organisiert, mit gutem Grund, wie ich denke.
5. ne haben sie nicht
Nonvaio01 07.05.2013
Zitat von zufriedener_singleWas ist ein Blog? Ist das so etwas wie Twitter? Ich habe keine Ahnung. Habe ich da irgendetwas wichtiges verpaßt???
blogger sind praktisch foristen wie im Spon, die nur mehr schreiben als nur 4 saetze. Die nehmen sich wichtig und schreiben meist ohne reserch gemacht zu haben. Ein unterschied ist das man damit Geld verdienen kann wenn nur genug leute das lesen. Einen blog kann jeder haben, es gibt viele seiten wo man einen einrichten kann. man kann alles schreiben was man will.
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