"Netzkrieg" fällt aus Wann kommt der nächste Kaiman?

Allsommerlich stürzt sich die Presse dankbar auf Berichte über angeblich anstehende "Cyber-Wars". Auch der zum Wochende angekündigte Defacer-Wettstreit und herbeibefürchtete Netz-Gau entpuppte sich als Sommerloch-Füller.


Krokodil im Badesee: Neben Vogelspinnen in Yukkapalmen, UFO-Sichtungen und Cyberwars eine der beliebtesten Sommerloch-Füllungen
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Es ist unwahrscheinlich, dass sich IT-Sicherheitsbeauftragte in Behörden und Großfirmen am Wochenende wirklich im Fingernägel-Kauen übten: Dass Defacer-Gruppen sich die Zeit damit vertreiben, im Wettstreit miteinander möglichst viele Webseiten zu "verändern", ist Business as usual. Einige IT-Sicherheitsfirmen nahmen Ende letzter Woche trotzdem die Gelegenheit wahr, den angeblich anstehenden Wettbewerb "Defacers Chellenge" für ein wenig kostenlose Publicity zu nutzen.

Schützenhilfe lieferte das Department of Homeland Security, das sich seit seiner Gründung als eine Art Amt zur Verunsicherung der US-Bevölkerung zu verstehen scheint: Von realsatirisch angehauchten Überlebenstipps bei Giftgasangriffen (Türen mit Tesastreifen abdichten) über weitgehend kenntnisfreie IT-Sicherheitstipps bis hin zum (gescheiterten) Mitmach-Programm Beschnüffele Deinen Nachbarn erweist sich das DoHS immer wieder gern als Fettnäpfchen-Detektor. Am Freitag warnten die Hüter der amerikanischen IT-Sicherheit ausdrücklich davor, bitterböse Hacker könnten am Wochenende "bis zu 6000" Webseiten verunstalten.

Die Zahl hatten die staatlichen IT-Experten einfach von der Website der Wettbewerbs-Organisatoren abgeschrieben, die damit großmäulig für ihren kleinen Wettkampf trommeln wollten. Das entpuppte sich als nahezu niedlich, weil bis zur Warnung des DoHS kaum jemand den "Hacker Contest" bemerkt oder ernst genommen hatte.

Doch die ungefragte Werbung wirkte sich für die Organisatoren auf recht originelle Art aus: Während der größte Teil der Defacer-Szene den Wettbewerb interesselos bis angewiedert boykottierte, erntete der ein weltweites Medienecho. Die Augen und Ohren der Welt richteten sich auf ein Ereignis, das eigentlich gar nicht stattfand.

Denn Cracker, denen der Rummel um den großmäulig servierten "Contest" suspekt schien, schossen die Website Zone.H ab, die die Zählung der erfolgten Defacements als eine Art unabhängiger Schiedsrichter übernehmen sollte. Das von einer US-Behörde befeuerte Medienecho sorgte so also dafür, dass ein Event, zu dem es ohne die DoHS-Warnung wahrscheinlich gar nicht gekommen wäre, zum Rohrkrepierer wurde: Paradoxer geht es kaum.

Defacements: Im Sommer herrscht Flaute

Defacings sind in aller Regel tatsächlich eine Art "Sport": Der unterliegt - wie alle Sportarten - saisonalen Schwankungen und erlebt seine Hochsaison in aller Regel in der nassen Jahreszeit. Wer am Strand liegt, hackt nun mal nicht. Behörden und Medien entdecken die ganzjährig stattfindenden Defacings trotzdem gern im Sommer.

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Denn natürlich eignen sie sich prächtig zur Füllung des Sommerloches: Sie haben Nachrichtencharakter, weil anscheinend was passiert, das zudem kaum jemandem wehtut, und wenn die Sache ins Wasser fällt, merkt es auch keiner.

Denn natürlich erwischt es (fast) immer die Kleinen: Private Homepages sind beliebte Ziele, aber auch Autohändler in Landkäffern oder einsame Firmen-Werbeseiten, die noch nicht einmal mehr von ihren Besitzern besucht werden. Die fallen gleich reihenweise und merken das dann oft noch nicht einmal sofort. Spektakuläre Defacings großer Webseiten - vor zwei Wochen mussten die Betreiber der Website von Tony Blair eines hinnehmen - kommen dagegen immer als Überraschungsangriff.

Auch an diesem Wochenende "verzierten" Defacergruppen "mehrere Hundert" kleinere Webseiten, meldet das Defacing-Archiv von Zone.H. Ob und wieviel das mit dem angeblichen Wettkampf zu tun hat, weiß niemand. Nichts spektakuläres, business as usual, wie jedes Wochenende.

Bleibt zu hoffen, dass Medien und DoHS bis zum nächsten Wochenende in Kanalisation oder in einem Baggersee einen Kaiman entdecken. Die Mär vom ach so schrecklichen angekündigten Cyberwar sollte man mindestens bis Ende August ruhen lassen: Bis dahin hat den Unsinn dann wieder fast jeder vergessen.

Frank Patalong



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